15. März 2014
Staatsoper im Schiller-Theater

Wagner & more

Nicolas Stemann inszeniert Elfriede Jelineks Rein Gold an der Staatsoper

Programm

Rein Gold
Musiktheater von Nicolas Stemann nach einem Text von Elfriede Jelinek und Musik von Richard Wagner

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Markus Poschner
Inszenierung: Nicolas Stemann
Bühnenbild: Katrin Nottrodt
Kostüme: Marysol del Castillo
Licht: Olaf Freese
Video: Claudia Lehmann
Elektronik | Modularer Synthesizer | Komposition: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
Komposition: David Robert Coleman
Dramaturgie: Benjamin von Blomberg

Sängerin | Brünnhilde: Rebecca Teem
Sänger | Wotan: Jürgen Linn
Sängerin | Wellgunde: Katharina Kammerloher
Sängerin | Flosshilde: Annika Schlicht
Sängerin | Woglinde: Narine Yeghiyan

Schauspielerin und Schauspieler: Philipp Hauß, Katharina Lorenz, Sebastian Rudolph

Elektronik | Modularer Synthesizer: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
Klavier: David Robert Coleman
Amboss-Arrangement: Andreas Haase, Matthias Marckardt, Matthias Petsch
Live-Video: Claudia Lehmann, Renato Tonini
Kind: Amelie Sturm | Zoe Ruf
Panther: Kay Keßner

Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor und Komparserie

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Wagner & more

Nicolas Stemann inszeniert Elfriede Jelineks Rein Gold an der Staatsoper

Von Nora Manmann / Fotos: Arno Declair


Rein Gold - Staatsoper Berlin
Philipp Hauß, Rebecca Teem (Sängerin | Brünnhilde)
Foto: Arno Declair

In ihrem neuen Theatertext, dem Bühnenessay Rein Gold, bezieht sich Elfriede Jelinek auf Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen. In einem Dialog zwischen Vater Wotan und Tochter Brünnhilde verflicht die Nobelpreisträgerin in einem assoziativen Gedankenstrom Motive der Wagner'schen Opern mit tagesaktuellen Fragen und von Karl Marx inspirierter Kapitalismuskritik. Es geht um Gold und Geld, um Macht, Kapital und Diebstahl, um (abwesende) Helden, um Schulden und Schuld. Nicolas Stemann, Regisseur zahlreicher Jelinek-Uraufführungen, inszeniert Rein Gold an der Staatsoper Berlin als Musiktheaterabend.

Und das ist auch schon der Clou dieser Uraufführung. Denn Jelinek bezieht sich intensiv auf Wagner, dies jedoch auf ihre eigene, verwinkelte, frei assoziierende Art. Stemanns Inszenierung gibt dem Text seinen Bezugsrahmen zurück, sodass die zahlreichen Anspielungen und Überschreibungen nicht unverstanden verpuffen, sondern der Musik und den Texten Wagners direkt gegenüberstehen.

Rein Gold ist ein Dialog zwischen Tochter und Vater, zwischen Brünnhilde und Wotan. Oder vielmehr: es ist ein gegeneinander, ein aneinandervorbei Monologisieren der beiden Figuren. Brünnhilde liest ihrem Vater die Leviten: Er hat sich beim Bau des neuen Eigenheims Walhalla finanziell übernommen - so der Ausgangspunkt des Dialogs. Von dort kreist der Text in langen Monologen um die Themen Geld, Macht und Heldentum. Jelinek legt den Nibelungen-Mythos, Wagner, Marx und die Gegenwart übereinander, wiederholt, variiert und vermischt die Motive bis alles mehr und mehr zusammenfließt zu einer alptraumhaften Zukunftsvision: "Wir werden tot sein, aber das Geld wird leben".


Rein Gold - Staatsoper Berlin
Jürgen Linn (Sänger | Wotan)
Foto: Arno Declair

Mit Nicolas Stemann hat die höchst musikalische Autorin einen höchst musikalischen Regisseur, der ihre Texte in seiner Inszenierung in eine starke dramaturgische Struktur einbettet und zudem keine Skrupel hat, die Aus- und Abschweifungen der Autorin radikal zu verdichten. So ist vieles gestrichen - was Jelinek ihren Regisseuren ja durchaus zugesteht oder sogar selbst nahelegt. Dafür werden prägnante Textpassagen mehrfach wiederholt, werden zu Leitmotiven der Inszenierung. Wie Brünnhildes erste Zeilen: "Ich versuche also zu präzisieren, das ist ein etwas delikates Gebiet, es fällt mir schwer. Also. Papa hat sich diese Burg bauen lassen, und jetzt kann er den Kredit nicht zurückzahlen. Eine Situation wie in jeder zweiten Familie."

Stemann beschränkt sich auf einen Bruchteil der vorliegenden Rein Gold-Texte, gibt dieser Auswahl aber den angemessenen Raum. Dabei kann er sich auf seine drei SchauspielerInnen absolut verlasssen: Philipp Hauß, Katharina Lorenz und Sebastian Rudolph denken die Texte so präzise, dass wirklich jeder Satz im Parkett ankommt. Jelineks Text ist dadurch sowohl in seiner Argumentation, als auch in seiner literarisch-musikalischen Dimension glasklar verfolgbar. Allein das ist schon ein Ereignis! Und es ist ein Vergnügen, den dreien zuzusehen und sich von ihnen durch den Text führen zu lassen. Das hat eine große Ernsthaftigkeit und gleichzeitig einen feinen Humor, der sich auch gelegentlich in kleinen, charmanten Regiegags äußert.


Rein Gold - Staatsoper Berlin
Jürgen Linn (Sänger | Wotan), Sebastian Rudolph, Katharina Lorenz,
Philipp Hauß und Rebecca Teem (Sängerin | Brünnhilde)
Foto: Arno Declair

Daneben steht als zweite Säule des Abends gleichberechtigt die Musik: Ausgangspunkt ist die ganze Ring-Tetralogie, wobei auch hier prägnante Passagen mehrfach wiederholt und leitmotivisch verwendet werden, etwa der jubilierende Rheingold-Gesang der Rheintöchter (Narine Yeghiyan, Katharina Kammerloher und Annika Schlicht). Der Komponist David Robert Coleman überschreibt das Ring-Best-Of, indem er hier und da verfremdet und verzerrt, rhythmisch und modular verschiebt oder Störgeräusche einbaut. Auf der Bühne sind dafür Thomas Kürstner und Sebastian Vogel unter anderem mit Synthesizer und Trautonium zuständig. Gemeinsam mit der Staatskapelle in großer Besetzung (Leitung: Markus Poschner) erschaffen sie einen sogartigen, rauschhaften Musikstrom, in dem Wagner aber immer erkennbar bleibt. Selbst wenn Jürgen Linn als Wotan über der Orchesterklage zu Siegfrieds Tod No More Heroes von den Stranglers anstimmt. Oder wenn Rebecca Teems Brünnhilde in einer zauberhaften Liebesszene mit Hindernissen damit klarkommen muss, dass der Schauspieler Philipp Hauß auch sängerisch die Rolle Siegfrieds einnimmt.

Das Ende des knapp dreistündigen pausenlosen Abends zerfleddert dann ein wenig: Hier greift Stemann sehr spät doch noch Jelineks NSU-Bezug auf, der bisher in der Inszenierung kaum eine Rolle gespielt hatte. Dafür kommt er jetzt mit voller Breitseite, inklusive Rosarotem Panther, brennendem Wohnwagen auf der Bühne und verkohlten Leichen, die aus dem Schnürboden fallen. Das ist ein bisschen dicke und erscheint durch die geringe Anbindung an den Rest des Abends hier ziemlich weit hergeholt. Insgesamt aber ist Nicolas Stemanns Uraufführung von Elfriede Jelineks Rein Gold ein inspirierender und auch kurzweiliger Abend, und es bleibt zu hoffen, dass diese musiktheatralische Umsetzung des Bühnenessays nach nur drei Vorstellungen im März 2014 auch später noch einmal zu sehen sein wird.



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