17. März 2014
Deutsche Oper Berlin

Weitermachen!

So geht erfrischend neues Musiktheater: Gilgamesh Must Die! in der Tischlerei der Deutschen Oper

Programm

The bianca Story
Gilgamesh Must Die!

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Inszenierung: Daniel Pfluger
Bühne: Flurin Borg Madsen
Kostüme: Janine Werthmann
Sound-Designer / Audio-Engineer: Stefan Uiting
Dramaturgie: Jörg Königsdorf

Christina Sidak
Natalina Muggli
Berliner Kinder und Jugendliche
(Akarsan Arudchelvan, Marlon Batiste, Johanna Becker, Maduss Diane, Samantha Friedrich, Francesco Grothe, Sidney Hahn, Jeele Geróm Johannsen, Leonie Kolhoff, Mareike Matz, Julia Niemann, Max Schirrmacher, Lilith Schollmeyer, Emmi Malu von Ploetz, Liam Wustrack, Jonas Ziehfreund)

Musik: The bianca Story
(Fabian Chiquet, Lorenz Hunziker, Joël Fonsegrive, Victor Moser, Elia Rediger, Anna Gosteli)

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Weitermachen!

So geht erfrischend neues Musiktheater: Gilgamesh Must Die! in der Tischlerei der Deutschen Oper

Von Melanie Fritsch / Fotos: Thomas Aurin


Gilgamesh Must Die! - Deutsche Oper Berlin
Foto: Thomas Aurin

"Ein paar Statuen wären cool!" ist eine der Antworten auf die beherrschenden Fragen des Abends: Was bleibt eigentlich von uns? Wer wird sich nach unserem Tod an uns erinnern?

Diese Fragen sind vermutlich so alt wie die Menschheit, mindestens jedoch so alt wie das älteste uns schriftlich überlieferte Epos. Elf in enger Keilschrift beschriebene Tontafeln erzählen die Geschichte des Gilgamesch, König von Uruk. Ungestüm und egomanisch unterdrückt er in seinen Jugendjahren die Menschen in seiner Stadt, niemand ist vor ihm sicher oder kann sich ihm gar entgegenstellen. Erst als die Götter den "Tiermenschen" Enkidu erschaffen und dieser von der Tempeldienerin Chamchat durch Liebeskunst zum Menschen zivilisiert wurde, trifft er auf einen ihm ebenbürtigen Gegner. Gemeinsam ziehen die beiden aus, um Heldentaten zu vollbringen und unsterblichen Ruhm zu sammeln. Dabei kommen sie jedoch den Göttern in die Quere, die daraufhin Enkidus Tod beschließen. Voller Gram und Trauer über den Tod des Freundes beginnt Gilgamesch, nach dem Sinn des Lebens und einer Möglichkeit zu suchen, seinem eigenen Tod zu entgehen. Zurückgekehrt aus der Unterwelt erbaut er schützende Mauern um seine Stadt, die ihm schlussendlich zu ewigem Ruhm verhelfen.


Gilgamesh Must Die! - Deutsche Oper Berlin
Foto: Thomas Aurin

Regisseur Daniel Pfluger und sein Team haben diese uralte Geschichte um das menschliche Anrennen gegen die Sterblichkeit erfrischend lebendig und unverkrampft auf die Bühne gebracht. Diese ist angenehm auf das Notwendigste reduziert, ein Podest für die Musiker, ein paar Projektionsvorhänge und multifunktionale Puzzleteile, die ebenso gut als Text- wie auch als Mauerfragmente herhalten. Einzig die rote dreieckige Himmelsvagina wirkt etwas ungeschickt, aber gut, irgendwie müssen auch göttliche Instanzen in die Welt geboren werden. Der Text des Epos in der Übersetzung und Nacherzählung von Raoul Schrott wurde auf das o.g. Grundmotiv eingedampft, wodurch Episoden wie der Kampf gegen Humbaba und das Fällen der heiligen Zedern unter den Tisch fallen. Dennoch hat man niemals den Eindruck, dass dem Text Gewalt angetan wurde. Im Gegenteil, die dreimalige Wiederholung einiger Passagen, die für heutige Ohren vielleicht ungewohnt ist, aber einen Teil der Poesie und Schönheit des Originaltextes ausmacht, zeigt wie respektvoll mit dem Material umgegangen wurde.

Die Basler Pop-Formation "The bianca Story" hat dazu elf Songs geschrieben, die die Grundmotive des Epos aufnehmen. Trotz der in manchen Momenten dröhnenden Schwere geht die Musik aufgrund ihres geschickten Einsatzes geschmeidig unter die Haut und der ein oder andere Song gräbt sich ins Gedächtnis - ganz im Sinne des von zwei Kindern verkündeten "Vergesst uns nicht!" Verstärkt werden die Popmusiker von der Mezzosopranistin Christina Sidak als göttlicher Instanz, die späterhin ihres divahaften Paillettenfummels entledigt ihrer Göttlichkeit enthoben wird. Die Schauspielerin, Sängerin und Harfenistin Natalina Muggli leitet mit traumwandlerischer Sicherheit als Chorführerin durch einen Großteil des Abends, macht mal eben als verführerische Chamchat den wilden Enkidu zum Manne oder erklärt als unsterblicher Utnapischtim dem verzweifelten Gilgamesch, dass er die angestrebte Unsterblichkeit eigentlich gar nicht will.


Gilgamesh Must Die! - Deutsche Oper Berlin
Foto: Thomas Aurin

Der Protagonist Gilgamesch und sein Freund Enkidu schließlich werden von einem Chor Jugendlicher verkörpert. Stampfend und skandierend schleudert er dem Zuschauer die überschäumende Kraft und Hünenhaftigkeit der beiden Helden ebenso überzeugend entgegen, wie er strauchelnd und stolpernd den Tod Enkidus und die Verzweiflung Gilgameschs vermittelt. Manches Profiensemble könnte sich von diesen 15 Energiepaketen noch eine Scheibe abschneiden, die mit einer beeindruckenden Präzision und offensichtlichem Spaß an der Sache alles aus sich herausholen. Natürlich sind die Grundfragen des Abends auch und gerade ihr Thema, woran sich erneut die durchdachte Konzeption des gesamten Projektes zeigt. Denn wen gehen diese Fragen mehr an, als jene, die noch auf der Suche sind: Wo ist mein Platz in der Welt? Wie verhalte ich mich auf meinem Weg durch das Leben? Was bleibt von mir?

Was bleibt nun von diesem Abend? Natürlich könnte man auch die ein oder andere Kleinigkeit bemeckern, manche Textprojektion ist dann doch etwas zu salbungsvoll ausgefallen und vielleicht wird einem das Unsterblichkeitsthema hier und da etwas zu direkt aufs Auge geklebt. Aber was soll's? Im Gedächtnis bleibt ein energiegeladener, nicht krampfthaft auf jung und hach-so-innovativ getrimmter Abend, der darüber hinaus das Kunststück vollbringt, gleichzeitig zugänglich zu sein und seine Fragen und Inhalte ernsthaft zu vermitteln. Da kann man nur eine der an den Zuschauer gerichteten Aufforderungen zurückgeben: Weitermachen!



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