5. März 2014
Deutsche Oper Berlin

Und Gretchen tanzt!

An der Deutschen Oper wird der Berlioz-Zyklus mit Fausts Verdammnis fortgesetzt

Programm

Hector Berlioz
Fausts Verdammnis

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung und Choreographie: Christian Spuck
Spielleitung: William Robertson, Eva-Maria Abelein
Bühne und Kostüme: Emmy Ryott
Lichtdesign: Reinhard Traub, Ulrich Niepel
Videokunst: Jan Joost Verhoef
Chöre: William Spaulding
Dramaturgie: Dorothea Hartmann

Marguerite: Clémentine Margaine
Faust: Klaus Florian Vogt
Méphistophélès: Samuel Youn
Brander: Marko Mimica
Solo-Sopran: Heidi Stober

Chor, Extrachor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Und Gretchen tanzt!

An der Deutschen Oper wird der Berlioz-Zyklus mit Fausts Verdammnis fortgesetzt

Von Heiko Schon / Fotos: Bettina Stöss


Faust's Verdammnis - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöss

Ohne Feuer macht Kunst doch keinen Sinn. In der Oper muss es brennen, und zwar bei allen Beteiligten. Soweit die schöne Theorie. In der Praxis sieht man jedoch immer wieder die Art von Kollegen, die auf ihrem Platz scheinbar zu lange gesessen haben. Da wird nicht geklatscht (das sei angeblich unprofessionell), sondern nur kurz gewinkt. Abgewinkt, um genau zu sein. Alles schon zigmal gesehen - wie öde. Natürlich schwört man sich, selbst niemals so werden zu wollen. Doch Christian Spuck macht es einem nicht gerade leicht. In seiner Version von Hector Berlioz' La Damnation de Faust muss das Publikum in einen schwarzen Bühnenraum starren, in welchem die Wieland-Wagner-Gedächtnisscheibe ihre Wahnsinnsrunden dreht. Auf dieser nehmen Platz: Ein zündelnder Teufel, der mit Puppen hantiert, ein Herr im zementgrauen Anzug (Nadelstreifen, ohne Jackett) sowie ein Fräulein mit ihren unzähligen Doubles. Nebenher werden Häuschen aufgestellt und angeknipst, schwarzweiße Landschaftsaufnahmen heruntergelassen, ein Animationsclip galoppierender Pferde gezeigt, die Nachrichten auf dem Smartphone gecheckt (oder was immer die Gretel-Doubles da unterm Schleier machen), der Sternenhimmel eingeschaltet, höhnisches Gelächter aus- und stockfinstre Schluchten aufgestoßen. Zweifelsohne lautet das Motto dieser Ausstattung: Im Dunkeln ist gut munkeln. Darin tappt allerdings auch das Bühnenpersonal.


Faust's Verdammnis - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöss

Die tragische Mär vom Doktor Faustus findet also wieder mal als Alptraum in (gefühlter) Überlänge statt. Und dann tut man's eben doch: man winkt ab! Dabei lag dieser Ideenlosigkeit ein durchaus reizvoller Gedanke zugrunde. Mit Spuck wurde nämlich kein typischer Opernregisseur eingeladen, sondern ein choreographierender Quereinsteiger, der, wie's der Zufall will, schon zweimal den Deutschen Theaterpreis "Der Faust" gewonnen hat. Umso trauriger, dass Spuck nicht nur mau inszeniert, sondern auch mittelmäßig tanzen lässt. Was nicht heißen soll, dass die Tänzer schlecht sind. Es wird ihnen nur verdammt wenig abverlangt. Abgesehen von zwei, drei anspruchsvollen Nummern hätte es auch und gerne ein Bewegungschor getan. Und für einen solchen muss man jetzt nicht unbedingt den aktuellen Ballettdirektor Zürichs verpflichten.


Faust's Verdammnis - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöss

Selbst die musikalische Seite des Abends wirkt wie durchgewinkt. Am interessantesten ist noch die Anordnung des Orchesters in Form einer Welle durch den Graben. Doch was Donald Runnicles hier auch immer schlagen mag: Ein zündender Funke ist nicht dabei. Der Klang ist sattfarben und sehr geschmeidig, reißt jedoch nie wirklich mit; die breiten Schneckentempi versprühen Eleganz, aber kaum Esprit. Klaus Florian Vogt singt einen noblen Faust, der auf der Scheibe seltsam unbeteiligt agiert; Samuel Youns Méphistophélès tönt mit viel dunklem Basalt im Bassbariton, dafür hapert es bei der französischen Diktion. Allerdings ist das Niveau des Chors weiterhin bemerkenswert hoch. Der Fixstern am Firmament ist die unglaublich sinnliche Marguerite von Clémentine Margaine. Sie schafft es mit der Ballade vom König Thule, dass man die inszenatorische Tristesse für einen Augenblick vergisst.



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