8. Marz 2014
Komische Oper Berlin

Nachts im Weißen Schwänchen

So kitschig wie nur möglich: Die Geschwister Pfister machen sich für Nico Dostals Clivia stark

Programm

Nico Dostal
Clivia

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kai Tietje
Inszenierung: Stefan Huber
Choreographie: Danny Costello
Bühnenbild: Stephan Prattes
Kostüme: Heike Seidler
Dramaturgie: Ulrich Lenz
Chöre: David Cavelius
Licht: Diego Leetz
Sounddesign: Matthias Reusch, Sebastian Lipski

E.W. Potterton: Stefan Kurt
Clivia Gray: Christoph Marti
Juan Damigo: Tobias Bonn
Yola: Andreja Schneider
Lelio Down: Peter Renz
Gustav Kasulke: Christoph Spät
Caudillo / Valdivio: Max Gertsch
Regisseur / Díaz: Markus Merz
1. Herr / Regieassistent: Jan Proporowitz
2. Herr / Aufnahmeleiter: Volker Herden
3. Herr / Rodrigo: Sascha Borris
Erster Gaucho: Máté Gal
Zweiter Gaucho: Matthias Spenke
Dritter Gaucho: Bernhard Hansky
Dolores: Josefine Eberlein
Artist: Etienne Röder
Tänzer

Orchester, Chorsolisten und Komparsen der Komischen Oper Berlin

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Nachts im Weißen Schwänchen

So kitschig wie nur möglich: Die Geschwister Pfister machen sich für Nico Dostals Clivia stark

Von Heiko Schon / Fotos: Iko Frese, Gunnar Geller


Clivia - Komische Oper Berlin
Foto: Gunnar Geller

Wurde der Internationale Frauentag jemals so aufgebrezelt gefeiert wie hier und heute Abend, auf der Bühne der Komischen Oper Berlin? Rote Nelken sind zwar keine auszumachen, dafür aber riesig große Blütenblätter, die mit ihrem goldenen Bling-Bling den effektvollen Rahmen für die Operettendiva bilden. Die Pflanze gehört zur Familie der Amaryllisgewächse und führt haargenau denselben Namen wie die Frau, die sie umschmeichelt - Clivia. Der Dreiakter von Nico Dostal handelt von einer Filmschauspielerin, die als Lockvogel bei einem politischen Putsch behilflich sein soll, davon aber nichts weiß, weil sie eigentlich für einen Filmdreh im (fiktiven) südamerikanischen Boliguay angeheuert wurde. Letztendlich klappt keines von beidem, doch dafür kommt Clivia unter die Haube, glücklich wohlgemerkt.


Clivia - Komische Oper Berlin
Foto: Iko Frese / drama-berlin.de

Diese Berlin-Operette brannte den Geschwistern Pfister seit ihrer glorreichen Rößl-Zeit in der Bar jeder Vernunft unter den lackierten Nägeln; Barrie Kosky brauchte also nur noch zuzugreifen. Damit sich das Trio an seinem Haus auch richtig wohl fühlt, durfte es das Regie- und Ausstattungsteam gleich mitbringen. Aus diesem ragt der Bühnenbildner Stephan Prattes heraus. Ob exotischer Grenzkontrollposten, windschiefe Spelunke, zweiteilige Showtreppe, weißes Schwanenpaar oder ein gülden glitzernder Panzer: Seine Kulissen zitieren Moviepark und Samstagabendshow, zelebrieren Form und Farbe, treiben den Kitsch grandios auf die Spitze. Zwar sind auch die Kostüme von Heike Seidler ein echter Hingucker, doch ihnen fehlt das Aufgeblasene, Augenzwinkernde der Bühne.

Leider ist auch die Regie von Stefan Huber ziemlich altbacken geraten. Schiebt man nämlich die optischen Schauwerte und die Choreographien von Danny Costello beiseite, was bleibt dann noch? Ein bisschen Rampensteherei und mitunter auch ein wenig Leerlauf. Vieles scheint jedenfalls dem szenischen Geschick der Sänger überlassen worden zu sein. Bei Christoph Marti alias Ursli Pfister reicht es schon aus, wenn er die Arme hebt (was er auch zigmal tut), und seine Fangemeinde gerät völlig aus dem Häuschen. Was aus dem Abend hätte werden können, zeigt die großartig vorbereitete Nummer "Ich bin verliebt". Hier schwebt Marti als Cinderella-Verschnitt durch den Bodennebel, streichelt übers Ballkleid und besagtes Schwänchen - und mit einmal macht es Klick, weil Figur, Text, Musik und Ausstattung zu einem kosmisch-komischen Augenblick verschmelzen.


Clivia - Komische Oper Berlin
Foto: Iko Frese / drama-berlin.de

Stefan Kurt kann vor allem im zweiten Teil als zwielichtiger Finanzier E.W. Potterton überzeugen (das mit dem Feuerwerk ist allerfeinster Slapstick); Christoph Späth berlinert sich gekonnt durch seinen Gustav Kasulke; Andreja "Fräulein" Schneider ist - bei aller planschku(h)geligen Spielfreude - stimmlich keine ideale Yola (was man gerade im ersten Duett mit dem göttlichst auftrumpfenden Peter Renz heraushören kann); Tobias "Toni Pfister" Bonn serviert einen phänomenaler Juan Damingo (einige unsaubere Höhen kehren wir schnell unter den Teppich), und Christoph Marti ist, tja, wie nennt man das am besten? Ein Spezialeffekt auf zwei Beinen? Eine süchtig machende Mischung aus Zarah Leander, Marika Rökk und Ilse Werner? Eins ist seine Clivia auf jeden Fall: einfach fabelhaft! Wenn nun noch Kai Tietje das Orchester der Komischen Oper von der Leine lässt (denn es klingt deutlich zurückhaltender als zuletzt unter Adam Benzwi), dann geht die Chose - trotz der szenischen Unzulänglichkeiten - völlig in Ordnung.



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