15. September 2013
Komische Oper Berlin

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

Viestur Kairish inszeniert Shakespeares/Brittens Sommernachtstraum an der Komischen Oper Berlin

Programm

Benjamin Britten
Ein Sommernachtstraum

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kristiina Poska
Inszenierung: Viestur Kairish
Bühnenbild und Kostüme: Ieva Jurjāne
Dramaturgie: Johanna Wall
Kinderchor: Dagmar Fiebach
Licht: Diego Leetz

Oberon: David DQ Lee
Titania: Nicole Chevalier
Puck: Gundars Āboliņš
Lysander: Tansel Akzeybek
Hermia: Annelie Sophie Müller
Demetrius: Günter Papendell
Helena: Adela Zaharia
Zettel: Stefan Sevenich
Peter Squenz: Jens Larsen
Flaut: Peter Renz
Schnock: Hans-Martin Nau
Schnauz: Máté Gál
Schlucker: Bernhard Hansky
Theseus: Alexey Antonov
Hippolyta: Christiane Oertel
Motte: Rafael Inderique Arnold
Senfsamen: Daniel Fehl
Bohnenblüte: Niclas Krohn
Spinnweb: Frederik Peters

Orchester, Kinderchor und Komparsen der Komischen Oper Berlin

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Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

Viestur Kairish inszeniert Shakespeares/Brittens Sommernachtstraum an der Komischen Oper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Iko Frese - drama-berlin.de


Ein Sommernachtstraum - Komische Oper Berlin
Hans-Martin Nau, Bernhard Hansky, Peter Renz, Stefan Sevenich, Máté Gál
Foto: Iko Frese

Von Klaus Hoffmann, dem Geschichtenerzähler unter den Liedermachern, stammt der Satz: "Du brauchst ein ganzes Leben, um die Kindheit zu verstehen". Wenn sich der Vorhang für den neuen Sommernachtstraum an der Komischen Oper hebt, sieht man ein strampelndes Baby im Lichtkegel liegen, welches nach und nach von kleinen schrumpligen Männern umringt wird. Die Regie sendet recht herzliche Grüße von Benjamin Button und lässt die Elfen als junge Greise an die Rampe treten. Wer ein bisschen Fantasie mitbringt, kann in ihren Masken Freud'sche Stirnglatzen und Nietzsche-Bärte erkennen. Einer sieht sogar wie Christian Ströbele aus. Geht's hier etwa (auch) um Politik? Nein, um Gottes willen. Trotz Handlungsort Athen beschränken sich die P-Worte größtenteils auf "Psychologie" und "Philosophie". Etwas "Pimmel" darf natürlich auch nicht fehlen.


Ein Sommernachtstraum - Komische Oper Berlin
Tansel Akzeybek, Annelie Sophie Müller, Adela Zaharia, Günter Papendell
Foto: Iko Frese

Viestur Kairish, der mit dieser Inszenierung sein Deutschland-Debüt gibt, baut den Shakespeare-Klassiker genüsslich in die Breite und liefert einige kluge Denkanstöße. So verknüpft er menschliche Lebenssituationen mit den vier Jahreszeiten, erzählt vom Älterwerden und Dennoch-Jungbleiben, von Erwachsenen, die Kinder spielen, die wiederum Erwachsene spielen, aber auch davon, was uns fehlt. Herz zum Beispiel. Oder Zeit. Und weil Kairish dafür keinen moralischen Zeigefinger benötigt, bleibt uns die Traumwelt als solche auch erhalten. In ihr treffen wir auf Sehnsüchte und Skelette, Teddybären und Totengräber, ja, sogar auf einen Troll mit Riesendödel, der bei einer bourgeoisen Elfenkönigin animalische Gelüste weckt.

Im dritten Akt lässt Kairish das Ensemble gewissermaßen von der Leine. Peter Renz, Hans-Martin Nau und der umwerfend ulkige Stefan Sevenich geben dem Affen hier so richtig Zucker. Sie hampeln sich durch das Stück im Stück, singkaspern sich um Kopf und Kragen. Das ist großes, fast episches Theater, irgendwo zwischen Trash, Travestie und Martha Graham. Die Ausstattung von Ieva Jurjāne hält Propellerschleifen, Schuhe in Übergrößen, Schlagjeans, kurze Hosen, Babydolls und einen Seelenraum - mal Höhlenfels, mal Eispalast - parat.


Ein Sommernachtstraum - Komische Oper Berlin
Kinderchor der Komischen Oper Berlin, Nicole Chevalier (Titania)
Foto: Iko Frese

David DQ Lee ist als Oberon darstellerisch eindimensional, aber stimmlich ausgewogen; Nicole Chevaliers helles Sopranglöckchen klingelt aufs Herrlichste in den Ohren; bei den zwei Liebespaaren ragt die höhenlodernde Hermia von Annelie Sophie Müller heraus; der Kinderchor schafft magische Momente, und Christiane Oertel stellt mit der Hippolyta erneut ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Genau das bleibt Gundars Āboliņš verwehrt, da der Puck von der Regie zu weit an den Rand gedrängt wird.

Aber am meisten schwächelt diesmal der Graben. Das Rauschen der Streicher, die kristalline, doppelbödige Feenmusik, die gemächlich durch den Kosmos mäandernden Töne, die Strömungen und Gegenströmungen dieser Partitur - all das kommt unter dem Dirigat von Kristiina Poska zu kurz. Nichtsdestotrotz ist dieser Sommernachtstraum ein gelungenes Präsent zum 100. Geburtstag von Benjamin Britten.



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