12.-20. Oktober 2013
Hamburger Bahnhof, Akademie der Künste, Radialsystem, Volksbühne

Darf es etwas mehr sein?

Neuer Blick auf ein 100jähriges Projekt: Der Sieg über die Sonne von Novoflot

Programm

Sieg über die Sonne
Kompositionen (Uraufführungen) von Moritz Gagern, Aleksandra Gryka, Klaus Lang, Martin Schüttler
(unter Verwendung des Originallibrettos „Sieg über die Sonne“ von 1913 in der Übersetzung von Gisela Erbslöh)
Originalkompositionen (1913) Michail Matjuschin
Posaunenimprovisationen Nils Wogram

Mitwirkende

NOVOFLOT
Regie: Sven Holm
Musikalische Leitung: Vicente Larrañaga
Räume: Elisa Limberg
Kostüme: Anke Gänz & Elisa Limberg
Video: Karo Serafin & Lisa Böffgen
Videodokumentation: Philip Kießling
Licht: Jörg Bittner
Ton: Georg Morawietz
Grafik: Emanuel Tschumi
Dramaturgie: Malte Ubenauf
Dramaturgische Mitarbeit: Fadrina Arpagaus
Produktionsleitung: Dörte Wolter
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Achim Klapp
Musik Aufnahmen: Akademie der Künste, Studio Elektroakustische

Mit: Patrik Baboumian, Tara Bacia, Maxime Barbasetti, Henriette Bothe, Jiwon Choi, Raphael Clamer, Mihhail Gerts, Lilly Janz, Renate Jett Merja Mäkelä, Simon Robinson, Liz Schmidt, Johanna Skirecki, Renate Sörensen, Ernst Surberg, Melih Tepretmez, Katharina Thomas, Yuka Yanagihara
DIE TEILNEHMER DES ERSTEN PANRUSSISCHEN KONGRESSES DER SÄNGER DER ZUKUNFT: Ronald Bird, Henriette Bothe, Christine Dietrich, Elke-Luise Ebertz-Kruse, Ulrike Fruhtrunk-Dehn, Brigitte Göres, Heidrun Haase, Sigrid Haase, Sigrid Herzog, Helmut Heydenreich, Antonia Korn, Martin Michaelis-Seidler, Liz Schmidt, Johanna Skirecki, Renate Sörensen, Helmi Südmersen, Karin Tzschätzsch, Jutta Wehnelt, Dieter Wieck, Monika Zimmering
Mihhail Gerts - Soloklavier
ensemble mosaik
ensemble apparat

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Darf es etwas mehr sein?

Neuer Blick auf ein 100jähriges Projekt: Der Sieg über die Sonne von Novoflot

Von Nora Mansmann / Fotos: Thomas Aurin

Immer größer werden die Produktionen der freien Opernkompagnie Novoflot. Was mit kleinen, innovativen Musiktheaterprojekten in den Sophiensaelen und im Radialsystem begann, hat sich in den letzten Jahren vom Geheimtipp zum Schwergewicht gewandelt. Zu Beginn dieses Jahres zog Novoflot mit der Produktion Das Schloss nach Kafka und Schubert erstmals ins Haus der Berliner Festspiele, wo mit großem Aufwand mehrere Räume bespielt wurden.


Der Sieg über die Sonne - Novoflot
Foto: Thomas Aurin

Und nun also noch einen Schritt größer: Für ihr neues Projekt, eine Auseinandersetzung mit der futuristischen Oper Der Sieg über die Sonne von 1913, bespielen Novoflot gleich fünf Orte in Berlin: den Hamburger Bahnhof, die Akademie der Künste, das Radialsystem, den Glaspavillon der Volksbühne sowie, für die Abschlussveranstaltung, deren große Bühne.

Das Ursprungsmaterial, die futuristische Oper der vier russischen Künstler Alexej Krustchonych, Welimir Chlebnikow, Michail Matjuschin und Kasimir Malewitsch, ist nur als Fragment erhalten. Das betrifft vor allem die Musik. Novoflot haben nun die Komponisten Moritz Gagern, Aleksandra Gryka, Klaus Lang und Martin Schüttler beauftragt, auf Basis des Originallibrettos neue Musik zu komponieren. Daneben steuert Nils Wogram, der bereits in der letzten Produktion Das Schloss eine wichtige Rolle spielte, wieder Posaunenimprovisationen bei. Außerdem gibt es auch ein wenig Musik von Wagner, Bach und Mahler zu hören, sowie zusätzliches Textmaterial.

Während gut einer Woche hatte nun der Besucher die Möglichkeit, die verschiedenen Spielorte zu besuchen, und dort die fünf Teile der Produktion in unterschiedlichen Formaten zu sehen. So war etwa die erste Station im Seitenflügel des Hamburger Bahnhofs, betitelt mit "Das Gehirn des Hauses", an mehreren Tagen jeweils für vier Stunden geöffnet. Der Zuschauer kann kommen, verweilen und gehen, wann und solange er möchte. Zu sehen und zu hören ist hier im etwa einstündigen Loop eine rätselhafte Klang- und Zeichenwelt, in deren Zentrum die Sopranistin Yuka Yanagihara als "Hirnbewohnerin" unterwegs ist. Neu komponierte Musik von Aleksandra Gryka, die einzige erhaltene Sieg über die Sonne-Originalkomposition von Matjuschin sowie ein Wagner'sches Wesendonck-Lied verbinden sich zu einer musikalischen Einheit. Videoprojektionen, Live-Gesang, ein automatisches Klavier und eingespielte Klänge schaffen in dem kleinen, konzentrierten Raum eine dichte Atmosphäre. Eine Handlung oder Erzählung ist schwer auszumachen, dennoch funktioniert diese Station als Prolog sehr gut, macht neugierig auf mehr, und weckt die Erwartung, dass die hier eingeführten Motive an späteren Stationen wiederaufgenommen werden, sich vielleicht Stück für Stück enträtseln.


Der Sieg über die Sonne - Novoflot
Foto: Thomas Aurin

Diese Erwartung wird jedoch enttäuscht, die Zeichenwelt bleibt auch im Fortgang weitgehend rätselhaft. Das mag als adäquate Umsetzung der Vorlage gelten, die als futuristisches Projekt im vorrevolutionären Russland weniger das Ziel verfolgte, eine Geschichte zu erzählen, als zu provozieren, und deren Autoren die "totale Zerschlagung der Begriffe und Worte, der alten Dekoration und der musikalischen Harmonie" proklamierten. Eine Handlung gibt es im Sieg über die Sonne aber dennoch: Es geht um eine Gesellschaft des 35. Jahrhunderts, in der "futuristische Kraftmenschen" gegen die Sonne kämpfen und sie schließlich in ein "Haus aus Beton" einschließen - das erscheint als durchaus spannender Ausgangspunkt für eine heutige Beschäftigung. Novoflot setzen sich mit ihrem Sieg über die Sonne zudem dezidiert in Bezug nicht nur zum Werk, zu Text und Musik der Oper, sondern auch zu dem nun genau 100jährigen Projekt als Ganzem - eine hochinteressante Idee, von der man gerne inhaltlich mehr mitbekommen hätte. Zwar tauchen Motive, Figuren, Texte, Ausstattungselemente und nicht zuletzt die Darsteller an den nachfolgenden Stationen immer wieder auf, gibt es Wiederholungen und Variationen bereits dagewesener Elemente, die auf gewisse Weise rote Fäden bilden, doch ist insgesamt wenig zu entschlüsseln. Auch der gesungene Text ist akustisch so gut wie nicht zu verstehen - bei ansonsten sehr hohem musikalischen Niveau. So stellen sich gelegentlich Längen ein, zumal wenn dann auch noch die szenische Aktion bemüht erscheint wie etwa teilweise an der zweiten Station "Die gegenstandslose Welt" in der Akademie der Künste. Hier wäre vielleicht weniger mehr gewesen, denn die Inszenierung lenkt häufig eher ab von der Musik - hier von Gagern, Gryka und Lang - als dass sie sie unterstützt oder ihr auf visueller Ebene einen Mehrwert hinzufügt.

Denn es gibt durchaus einiges zu entdecken in der Musik - und das auch ohne Verständnis der Bezüge zur Vorlage. Die Musik, kraftvoll und präzise dargeboten von fünf Solisten, einem Seniorenchor, dem ensemble mosaik und dem ensemble apparat unter der bewährten Leitung Vincente Larrañagas, kann auch für sich stehen, erzeugt ihre eigene, immanente Spannung. Etwa in der AdK, besagter zweiter Station, wo sich beginnend mit gedämpften Bläsern und sparsamem Schlagwerk in zahlreichen Wiederholungen mit kleinen Variationen eine musikalische Fläche im Raum auszubreiten scheint, die dann plötzlich durch eine neue Struktur, einen neuen Rhythmus überlagert wird, der wie ein Perspektivwechsel wirkt. Instrumente und Stimmen verschwimmen und trennen sich wieder, fast unmerkliches Singen, oder nur ein Atmen des Chores, gespiegelt im tonlosen Spiel von Blasinstrumenten, erzeugen eine starke Atmosphäre. Ein musikalischer Kosmos wächst und wächst, um schließlich wieder zurückzukehren zum Beginn.


Der Sieg über die Sonne - Novoflot
Foto: Thomas Aurin

Sehr reizvoll sind auch die verschiedenen Raumsituationen an den fünf Spielorten, wo jeweils die frontale Aufführungssituation aufgebrochen wird, ohne dass das bemüht wirkt: Während man sich an der ersten Station genauso frei durch den kleinen Raum - mit hervorragender Akustik - bewegen kann wie die "Hirnbewohnerin", greifen Novoflot für das - nur einmalig gespielte - Finale im großen Haus der Volksbühne auf den bereits bei Das Schloss erprobten Kniff zurück, das Publikum auf die Drehbühne zu setzen. Nach einem kurzen Prolog vor dem nahen Rundhorizont dreht sich die Zuschauertribüne und weitet den Blick in den riesigen Zuschauerraum, wo nach und nach Choristen, Solisten und Schauspieler aus den Sitzreihen auf- und wieder in sie abtauchen. Draußen hatte man zuvor die 3. Station, "Das 35. Jahrhundert", im und vor dem Glaspavillon der Volksbühne, der auch bereits in zahlreichen Videoeinspielungen eine Rolle gespielt hatte, betrachten können. Der räumliche Clou aber ist das Radialsystem, wo die 4. Station "Im zehnten Land" auf der Außenterrasse stattfindet. Ausgerüstet mit Decken und Wärmflaschen verfolgt das Publikum hier eine wiederum rätselhafte, aber sowohl musikalisch als auch szenisch und vor allem atmosphärisch eindrucksvolle und stimmige Performance - inklusive musikalischer Nachrichten vom anderen Ufer der Spree. Sehr viele Eindrücke also, sehr viel zu hören und zu sehen - mit kleinen Abstrichen abermals ein interessantes und gelungenes Musiktheaterprojekt von Novoflot.



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