21. April 2013
Deutsche Oper Berlin

Die logische Inkonsequenz

Jan Bosse scheitert mit seiner Rigoletto-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin

Programm

Giuseppe Verdi
Rigoletto

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado
Inszenierung: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Chöre: William Spaulding
Dramaturgie: Jörg Königsdorf

Der Herzog von Mantua: Eric Fennell
Rigoletto: Andrzej Dobber
Gilda: Olesya Golovneva (Gesang), Lucy Crowe (Szene)
Der Graf von Monterone: Bastiaan Everink
Der Graf von Ceprano: Andrew Harris
Die Gräfin von Ceprano: Kim-Lillian Strebel
Marullo: Simon Pauly
Matteo Borsa: Paul Kaufmann
Sparafucile: Albert Pesendorfer
Maddalena / Giovanna: Clémentine Margaine
Ein Gerichtsdiener: Marko Mimica
Eine Hofdame: Annie Rosen

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Die logische Inkonsequenz

Jan Bosse scheitert mit seiner Rigoletto-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Bettina Stöß


Rigoletto - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöß

Es gibt Opernabende, die fangen an. Einfach so. Steht der Dirigent am Pult? Na wunderbar - dann aus das Licht und hoch den Lappen! Die weitaus kniffligere Variante ist die, wenn man als Zuschauer gar nicht merkt, dass das Spektakel bereits in vollem Gange ist. Bevor die Klingel den Start des neuen Rigolettos verkündet, reicht man im Foyer der Deutschen Oper kammermusikalische Verdi-Häppchen und lässt einen Glitzerhasen auf die Premierengäste los. Die nächste Überraschung erwartet sie dann im Saal und betrifft das, was sich vor, auf und hinter der Bühne abspielt bzw. abgespielt haben muss. Bühnenbildner Stéphane Laimé hat eine exakte Kopie des DOB-Zuschauerraums auf die Plattform gestellt und wir - das Publikum - setzen uns, hüben wie drüben. In gewisser Weise öffnet Regisseur Jan Bosse also die Deutsche der Drei Orangen, die sein Kollege Robert Carsen im letzten Dezember dort abgestellt hat. Dann tritt Intendant Dietmar Schwarz ins Licht, der gleich zwei Umbesetzungen bei den Hauptpartien verkünden muss. Lucy Crowe könne die Gilda nur spielen, Olesya Golovneva wird die Rolle von der Seite singen. Nun ja, ist unschön, aber nicht zu ändern. Interessant wird's beim Herzog. Ohne diplomatisches Drumherum teilt Schwarz mit, dass der ursprünglich verpflichtete Tenor die Produktion verlassen habe. Kurzes Gemurmel in den Reihen, dann kann's endlich losgehen.


Rigoletto - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöß

Wieder taucht der Glitzerhase auf und sogleich verschafft er sich in ziemlich ungehobelter Manier einen Sitzplatz in der ersten Bühnen-Reihe. Natürlich steckt Rigoletto unter all dem Flitter, ist er des Herzogs Entertainer, die Verkörperung allen elitären Schnickschnacks und damit ein Seitenhieb in Richtung Eventtheater. Bis zum ersten Duett Rigoletto / Sparafucile (mit Kraft und Balsam: Albert Pesendorfer) hält die Regie den Ansatz durch, dann verliert die Kulisse ihre dramaturgische Notwendigkeit, was folglich heißt, dass die Geschichte ab hier auch ebenso gut in Mantua spielen könnte. Unterstellen wir mal dem vom Sprechtheater kommenden Jan Bosse, dass er die genreüblichen Klischees ausmerzen wollte, es ihm um den Kern der Handlung ging, um das Abbilden von Realität. Also fort mit dem ollen Opernplunder - alles echt und pur und menschlich. Doch das Problem, welches sich auftut, hat der Regisseur der Vorgängerinszenierung einmal so beschrieben: "Man kann eine Oper nicht zeitgenössisch inszenieren, indem man statt einer Kutsche einen Porsche hinstellt." Nun ist sie also weg, die Kutsche, aus der die Gilda bei Neuenfels stieg. Das war auch höchste Zeit, keine Frage. Aber leider hat man sie für ein pseudomodernes Vehikel nach Schema F eingetauscht, für eindimensionale Figuren, die sich an der Rampe die Beine in den Bauch stehen, für szenischen Leerlauf und damit für eine Produktion, dessen Repertoiretauglichkeit doch deutlich bezweifelt werden darf. Der Abgang des Herzogs bringt es auf den Punkt: Er schläft oben im Rang einfach ein.


Rigoletto - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöß

Eins dürfte wohl klar sein: Ohne Olesya Golovneva wäre dieser Abend in die Grube gefahren. Gegen ihre warm timbrierte, höhenstrahlende Gilda kann weder der konditionell schwächelnde Andrzej Dobber (Rigoletto) noch der reichlich matt auf der Brust singende Eric Fennell (Herzog) etwas ausrichten. Clémentine Margaine überzeugt hingegen mit ihrem kraftvoll ausladenden Mezzo (Giovanna und Maddalena). Pablo Heras-Casado nimmt im Graben viel Rücksicht auf die Solisten, was wiederum dem Orchesterklang überhaupt nicht bekommt. Das Resultat sind viel zu viele Wackler und ein musikalisch unausgegorener Verdi.



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