8. September 2013
Deutsche Oper Berlin

In die Fußstapfen Domingos

Yosep Kang und der Chor triumphieren im neuen Nabucco an der Deutschen Oper Berlin

Programm

Giuseppe Verdi
Nabucco

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Andrea Battistoni
Inszenierung: Keith Warner
Bühne: Tilo Steffens
Kostüme: Julia Müer
Chöre: William Spaulding
Lichtdesign: Ulrich Niepel
Dramaturgie: Jörg Königsdorf

Nabucco: Johan Reuter
Ismaele: Yosep Kang
Zaccaria: Vitalij Kowalkow
Abigaille: Anna Smirnova
Fenena: Jana Kurucová
Oberpriester des Baal: Marko Mimica
Abdallo: Gideon Poppe
Anna: Hulkar Sabirova

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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In die Fußstapfen Domingos

Yosep Kang und der Chor triumphieren im neuen Nabucco an der Deutschen Oper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Bernd Uhlig


Nabucco - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bernd Uhlig

Um den Sänger des Abends und seinen Erfolg gebührend zu feiern, muss eine Anekdote ran. Stellen Sie sich vor: November 2002, Donizetti in der Provinz, genauer gesagt, Der Liebestrank in Görlitz. Das Theater war gerade auf der Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor und Leo Siberski - zu jener Zeit Trompeter bei der Berliner Staatskapelle - bewarb sich dirigierend um den Posten. Die Adina hatte er gleich mitgebracht: Daniela Bruera - Ehefrau, Glücksbringer und Lindenoper-Kollegin Siberskis. Trotzdem die Produktion durchweg überzeugte, bekam letztlich ein anderer den Zuschlag. Der Sänger des Nemorino war mir von der Deutschen Oper bekannt. Dort sang er aber - sowohl davor als auch danach - vorwiegend kleinere Partien wie etwa die Stimme des Jünglings in Die Frau ohne Schatten oder den Arturo in Lucia di Lammermoor. In Görlitz waren die Voraussetzungen genau umgekehrt: kleines Haus - aber große Rolle. Nun müsste man im Grunde mit einem neunmalklugen "Bereits damals " fortfahren, doch ich denke, wir können diesen Punkt überspringen. Mehr als zehn Jahre ist Yosep Kang nun schon an der DOB - und sein Tenor hat sich prächtig entwickelt. Die Arturo-Zeiten sind längst passé, heute warten Edgardo, Alfredo und Almaviva darauf, von Kang gesungen zu werden. Dass er im neuen Nabucco mit seinem hinreißenden Porträt des Ismaele selbst Gäste wie Johan Reuter und Vitalij Kowaljow auf die Plätze verweist, spricht nicht nur für die Leistung Kangs, sondern zeigt einmal mehr, wie gut das Sängerensemble des Hauses in Schuss ist.


Nabucco - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bernd Uhlig

Um die Sänger des Abends und ihren Erfolg gebührend zu feiern, muss an erster Stelle William Spaulding genannt werden, der für den konstanten Höhenflug der Truppe verantwortlich ist. Ganz profan könnte man sagen, dass der Chor ein überzeugendes Plädoyer dafür hält, dass er die Hauptrolle in diesem Verdi spielt: Nabucco ist eine Chor-Oper - und damit basta! Dass er es aber mit Sinn und höchster Virtuosität unter Beweis stellt - nicht etwa mit Muskelkraft - ist das eigentlich Entwaffnende, Bewegende an seiner Leistung.

Die übrige Besetzung bietet solides Mittelmaß: Anna Smirnova serviert als Abigaille eine grandiose Alexis-Colby-Gedächtnis-Show mit viel Stimmpower und einigen ausgefransten Höhen; Jana Kurucová ist eine souveräne Fenena; Johan Reuter, der im deutschen Fach stets eindrucksvoll schmettert, bleibt als Nabucco merkwürdig blass, und Vitalij Kowaljow singt einen breitbeinigen Zaccaria, den man eher in einer orthodoxen Kirche vermuten würde.


Nabucco - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bernd Uhlig

Nabucco hat an der DOB eine lange Tradition. In den 80er sang Plácido Domingo unter Giuseppe Sinopoli den Ismaele (nachzuhören auf der Einspielung der Deutschen Grammophon) und die Vorgängerproduktion avancierte zum Skandal, weil Hans Neuenfels wippende Kampfdrohnen an die Rampe schickte. Wem das ein Dorn im Auge war, wird mit der Neuinszenierung von Keith Warner gut leben können. Erwarten Sie allerdings nicht mehr als einen Ausstattungsschinken! Im Graben waltet der junge italienische Dirigent Andrea Battistoni. Schade, dass er sich nach einer kolossalen Ouvertüre vom Durchleuchten der Partitur weitgehend verabschiedet. Dennoch gelingt hier eine durchaus stringente Wiedergabe mit präsentem Orchesterklang.



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