4. April 2013
Komische Oper Berlin

Ohne Hans kein Glück

Stylish, aber seelenlos: Hänsel und Gretel an der Komischen Oper Berlin

Programm

Engelbert Humperdinck
Hänsel und Gretel

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kristiina Poska
Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Reinhard von der Thannen
Konzeptionelle Mitarbeit: Birgit von der Thannen
Mitarbeit Bühnenbild: Bart Wigger
Mitarbeit Kostüme: Wiebke Schlüter
Choreographie: Michael Bernhard
Dramaturgie: Pavel B. Jiracek
Kinderchor: Dagmar Fiebach
Licht: Franck Evin
Video: Björn Verloh

Hänsel: Theresa Kronthaler
Gretel: Maureen McKay
Peter: Tom Erik Lie
Gertrud: Christiane Oertel
Knusperhexe: Ursula Hesse von den Steinen
Sandmännchen/Taumännchen: Adela Zaharia
Fliegenpilz: Friedrich Bührer
Erster Engel: Hunter Jaques
Zweiter Engel: Oriol Sanchez Tula
Engel: Komparsen der Komischen Oper Berlin

Orchester und Kinderchor der Komischen Oper Berlin

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Ohne Hans kein Glück

Stylish, aber seelenlos: Hänsel und Gretel an der Komischen Oper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Hänsel und Gretel - Komische Oper Berlin
Theresa Kronthaler (Hänsel), Maureen McKay (Gretel)
Foto: Monika Ritterhaus

Ostern mag vorbei sein, aber der Süßkram liegt immer noch herum. Ob Lutscher oder Liebesperlen, bunte Bonbons oder das Dutzend Eier für die Torte: Reinhard von der Thannens Bühnenbild ist keine kalorienarme Kost. Das ist für die Märchenoper Hänsel und Gretel alles andere als revolutionär, denn wie man hört, sollen sich schon Generationen von Sängerinnen durch ihre Rollen gefressen haben. Von der Thannen aber verquickt das Naschwerk metaphorisch mit der Pubertät. Zuckerstange, höhö, Sie verstehen? Doch leider erlag der geniale Ausstatter der Versuchung, diesmal zugleich auch im Regiestuhl Platz nehmen zu dürfen. Das Ergebnis geht nämlich eher in Richtung Mogelpackung. Nicht etwa, weil der Abend optisch wie eine Neuenfels-Inszenierung daherkommt, aber keine ist (quasi Gretel ohne Hans), sondern weil er das ist, was er eigentlich anzuprangern versucht: ein seelenloses Fertigprodukt. Da rollern belanglose Filmchen durch Vor- und Zwischenspiele, kippt eine monströse Einkaufstüte (in Anspielung auf einen schwedischen Kleidungshersteller) ins Geschehen, blinkern die Farben wie beim Fernsehsender mit dem bunten Ball, hüpfen Hipster zur Mucke Humperdincks.


Hänsel und Gretel - Komische Oper Berlin
Tom Erik Lie (Peter), Christiane Oertel (Gertrud)
Foto: Monika Ritterhaus

Nun bietet sich diese Geschichte sehr wohl dazu an, sie radikal in die Gegenwart zu verpflanzen und unsere konsumorientierte, emotional vor sich hinhungernde Gesellschaft als solche kenntlich zu machen. Doch immer an den Stellen, wo man böse werden könnte, ja, es sogar wehtun müsste, zieht Reinhard von der Thannen den Schwanz ein und kneift. Nur so ein bisschen Frechsein kann aber schnell beliebig wirken. Und langweilig werden. Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Das, was sich im Wald zwischen Löffel, Messer und Gabeln abspielt, ist ungefähr so spannend, wie ein Blick in die Besteckschublade. Dazu steuert Choreograph Michael Bernhard einen Moonwalk tanzenden Fliegenpilz (Ist das Männlein im Walde nicht eine Hagebutte?) und hoppelnde Engelskomparsen zur Pantomime bei. Über solch' waldorfpädagogisch wertvolle Einfälle ist nun wirklich jedes Stadttheater hinaus.


Hänsel und Gretel - Komische Oper Berlin
Ursula Hesse von den Steinen (Knusperhexe)
Foto: Monika Ritterhaus

Dafür entschädigt das schön kauzig gezeichnete Figurenarsenal. Etwa die Gertrud (mit stachligem Mezzo: Christiane Oertel), die Lewis Carroll deutlich näher steht als den Gebrüder Grimm. Oder aber der Peter, der auf einem Dreirad vorfährt und eine ulkige Borstenfrisur trägt, um damit zu zeigen, dass er selbst noch ein Kind ist. Tom Erik Lie stattet ihn mit glänzenden Basalttönen und einem ironischen Augenzwinkern aus. Der interessanteste Charakter im Kuriositätenstadl ist, tadaa, die Knusperhexe, die hier als eine Art Lady Gaga der Geriatrie die Bühne entert. Ursula Hesse von den Steinen absolviert auf der Showtorte einen Bombenauftritt, und zwar stimmlich wie auch darstellerisch. Nicht ganz so glücklich wird man mit dem Geschwisterpaar und dem Graben. Der Hänsel von Theresa Kronthaler verpasst immer mal den Einsatz, die Gretel von Maureen McKay versemmelt mehr als nur eine Höhe und dem Klang des Orchesters mangelt es entschieden an klaren Akzenten, vermittelt das Dirigat von Kristiina Poska weder Magie oder Herzblut noch Eiseskälte. Aber ein letztes Lob gibt es noch, und das geht an diesen faszinierend singenden Kinderchor.



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