22. November 2013
Deutsche Oper Berlin

Das Küsschen der Nannetta

Durchschnittsabend mit schönen Augenblicken: Der neue Falstaff an der Deutschen Oper Berlin

Programm

Giuseppe Verdi
Falstaff

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Christof Loy
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Ursula Renzenbrink
Choreographie: Thomas Wilhelm
Licht: Bernd Purkrabek
Chöre: William Spaulding
Dramaturgie: Dorothea Hartmann

Falstaff: Noel Bouley
Ford: Michael Nagy
Fenton: Joel Prieto
Doktor Cajus: Thomas Blondelle
Bardolfo: Gideon Poppe
Pistola: Marko Mimica
Alice Ford: Barbara Haveman
Nannetta: Elena Tsallagova
Meg Page: Jana Kurucová
Mrs. Quickly: Dana Beth Miller

Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin

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Das Küsschen der Nannetta

Durchschnittsabend mit schönen Augenblicken: Der neue Falstaff an der Deutschen Oper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Hans Jörg Michel (foto.nationaltheater@t-online.de)


Falstaff - Deutsche Oper Berlin
Foto: Hans Jörg Michel (foto.nationaltheater@t-online.de)

Es kann immer mal passieren, dass eine betriebliche Weihnachtsfete oder das Treffen mit der buckligen Verwandtschaft zur Pflichtveranstaltung gerät. Doch wenn unser guter alter Freund Giuseppe Verdi seinen 200. Geburtstag begeht, dann hauen wir richtig auf die Pauke. So wie an der Hamburgischen Staatsoper, wo Simone Young drei Raritäten (La Battaglia di Legnano, I due Foscari, I Lombardi alla prima crociata) zu einem grandiosen - wohlgemerkt szenischen - Spektakel gebündelt hat. Leider waren sich die Berliner Intendanten darin einig, lieber auf Nummer sicher zu gehen: Die Komische Oper lässt sich in puncto Neuinszenierung entschuldigen (was durchaus noch verständlich ist); die Staatsoper stemmte vor knapp sechs Jahren ihre letzte Verdi-Eigenproduktion (Un ballo in maschera) und setzt zum Jubiläum auf teure Stimmen, Importware sowie liebevolles Abstauben, und die Deutsche Oper erneuert ihr Verdi-Kernrepertoire, wobei sie vom Pech verfolgt zu sein scheint (erreichten bei weitem nicht das intellektuelle Niveau ihrer Vorgänger: Rigoletto, Nabucco).


Falstaff - Deutsche Oper Berlin
Foto: Hans Jörg Michel (foto.nationaltheater@t-online.de)

Nun also am gleichen Haus der Falstaff, Verdis letzter Geniestreich. Dass sich auch der Austausch der Götz Friedrich-Inszenierung als überflüssig herausstellt, mag zunächst einmal am Zeitpunkt liegen. Nichts für ungut, aber warum wählt man ausgerechnet das Stück, welches im Verdi-Jahr gewissermaßen auf der Hand liegt? Besonders ausgefallen ist das Geburtstagsgeschenk jedenfalls nicht. Prompt sieht sich Christof Loy, der Regisseur der Neuinszenierung, mit dem Vorwurf konfrontiert, seine Sicht auf Falstaff wäre abgedroschen, wenn nicht sogar geklaut.

Dabei eröffnet Loy mit dem Altersheim Casa Verdi lediglich den Abend. Es bleibt ein Einstieg, der gar nicht mehr sein will als eine Fußnote. Über das, was sich im Anschluss abspielt, fallen einem am ehesten Sprichwörter oder Zitate ein: "Alte Liebe rostet nicht", "Alter schützt vor Torheit nicht", "Das war ihr Leben" oder "Wir sind jung, im Herzen jung, oh Maria". Letzteres ist übrigens eine Textzeile von Schlagersänger Roger Whittaker. Folglich geht es darum, dass uns die Alten zeigen, dass sie nicht von Natur aus alt sind, also... alt auf die Welt gekommen, und auch noch lange nicht zum alten Eisen gehören: Graue Haare entpuppen sich als Fifi, der dicke Wanst als umgeschnallter Schaumstoffbauch und die Menopause als eine Art dritter Sommernachtstraum. In seinen besten Momenten atmet dieser Falstaff den Charme, den Witz und den Slapstick einer Screwball-Komödie aus den 30ern. Freudig gebe ich an dieser Stelle zu Protokoll, mich in den ersten beiden Akten mehrmals amüsiert zu haben wie Bolle auf'm Milchwagen. Dennoch haben Loys schrullige Typen auch etwas zutiefst Anrührendes, ja, Melancholisches an sich. Wie gern möchte man Dr. Cajus ein mitleidiges "Oooo" spenden, wenn er von den Damen kollektiv ausgelacht wird, daraufhin seinen Strauß Mauerblümchen fallenlässt und wie ein begossener Pudel zur linken Seitenbühne abgeht. Und haben wir nicht immer schon gewusst, dass Falstaff (für einen Stipendiaten beachtlich: Noel Bouley) und Mrs. Quickly (sexy Ulknudel mit frischem Mezzo: Dana Beth Miller) das ideale Paar wären? Loy organisiert den beiden ein Schäferstündchen - und wir hoffen mal das Beste...


Falstaff - Deutsche Oper Berlin
Foto: Hans Jörg Michel (foto.nationaltheater@t-online.de)

Leider ist nach der Pause davon nichts mehr übrig. Im Interview sagt Loy, dass sich bei Falstaff Sprunghaftigkeit und Unlogik anbieten würden. Das Resultat ist allerdings ein konfuses Kuddelmuddel, dem Beliebigkeit anhaftet. Schade also um den 3. Akt, dessen Spannungsbogen durchhängt wie ein alter Stützstrumpf. Aus der soliden Sängerbesetzung sticht die Sopranfee hervor: Die zuckersüße Elena Tsallagova stiehlt mit ihrer Nannetta allen die Show! Bleibt der Graben: Wer's spritzig und schnittig mag, wird mit Donald Runnicles am Pult vielleicht nicht ganz so glücklich sein. Er dirigiert Falstaff mit breitem Pinsel, fast so, als reite Verdis Ritter direkt in den Verismo.



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