3. November 2013
Komische Oper Berlin

Wer zuletzt lacht, denkt zu langsam

Mottenkugeln durch die Behrenstraße: Alvis Hermanis verzopft Mozarts Così fan tutte an der KOB

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Così fan tutte

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Henrik Nánási
Inszenierung: Alvis Hermanis
Bühnenbild: Ute Gruber-Ballehr
Kostüme: Eva Dessecker
Dramaturgie: Pavel B. Jiracek
Licht: Diego Leetz
Video: Ineta Sipunova

Fiordiligi: Nicole Chevalier
Dorabella: Theresa Kronthaler
Guglielmo: Dominik Köninger
Ferrando: Aleš Briscein
Despina: Mirka Wagner
Don Alfonso: Tom Erik Lie

Orchester und Komparsen der Komischen Oper Berlin

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Wer zuletzt lacht, denkt zu langsam

Mottenkugeln durch die Behrenstraße: Alvis Hermanis verzopft Mozarts Così fan tutte an der KOB

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Così fan tutte - Komische Oper Berlin
Tom Erik Lie (Don Alfonso), Dominik Köninger (Guglielmo), Komparsen
Foto: Monika Ritterhaus

Was ist Così fan tutte? Die simple Antwort lautet: Eine Mozart-Oper in zwei Akten, nach einem - und jetzt kommt's - italienischen Text von Lorenzo da Ponte. Diejenigen unter Ihnen, die schon immer mal den sprachlichen Unterschied im Direktvergleich hören wollten, sollten in die neue Così fan tutte der Komischen Oper gehen. Vielleicht teilen Sie ja die Ansicht, dass eine italienische Oper einfach schöner klingt, wenn man sie auch auf Italienisch singt - und nicht auf Deutsch. Verallgemeinern möchte man das auf gar keinen Fall, aber bei dieser Oper trifft es meiner Meinung nach zu. Und warum wird nun teilweise auf Italienisch gesungen? Regisseur Alvis Hermanis lässt die Handlung unter Restauratoren spielen. Zwei von ihnen, Guglielmo und Ferrando, verwandeln sich später in die Rokoko-Italiener der Porträts, die Fiordiligi und Dorabella gerade auffrischen. Anschließend umschmachten die "lebendig" gewordenen Casanovi die Damen in ihrer Muttersprache, bis diese den Verführungskünsten erliegen und ebenfalls Italienisch singen...


Così fan tutte - Komische Oper Berlin
Nicole Chevalier (Fiordiligi), Theresa Kronthaler (Dorabella), Dominik Köninger (Guglielmo)
Foto: Monika Ritterhaus

Das größte Problem des Abends ereignet sich in den ersten fünf Minuten nach der Ouvertüre: So, wie Hermanis Guglielmo und Ferrando zeichnet - nämlich wie 'n Kick und 'n Ei -, macht die ganze Wette von Don Alfonso weder Sinn noch Vergnügen. Im Grunde könnte das Publikum seiner Theorie gleich Recht geben, dann fällt der Vorhang, und alle laufen wieder nach Hause. Fiordiligi und Dorabella weichen ebenfalls in nur dem einen Punkt voneinander ab - ihrer Stimmlage. Beide sind hornbebrillte, laborbekittelte, völlig gegeneinander austauschbare Tussis, die uns mit ihrem überspannten, neurotischen Getue ziemlich auf den Wecker fallen. Damit ist es auch piepegal, wer mit wem am Ende abzieht. Despina taucht als schwangere Putzfrau auf, die pünktlich zum Finale in den Wehen liegt. Was soll uns damit gesagt werden? Dass alles halb so wild ist, weil Sex als solches nur der Fortpflanzung dient? Das Programmheft gibt dazu keine Auskunft.

Dafür erteilt uns Hermanis eine Lehrstunde in Bühnenaktionismus: Bilder werden aufgestellt und wieder weggetragen, ein Fahrkorb bedient, Kisten ausgepackt, Sofas hin- und hergeschoben. Regelrecht peinlich ist der Einfall mit den Belüftungsschläuchen, mit denen sich Fiordiligi und Dorabella eng umschlungen herumwälzen müssen. Den allerletzten Job haben aber die vier Statisten, die drei Stunden auf dem Gerüst hockend einer Pinselarbeit nachgehen, sich dabei gelegentlich kollektiv umdrehen und bedeutungsschwanger ins Geschehen blicken dürfen. Den allerbesten Job hat hingegen der Chor, der gar nicht auftreten muss, weil er durch ein altes Radio ersetzt wurde.


Così fan tutte - Komische Oper Berlin
Nicole Chevalier (Fiordiligi), Theresa Kronthaler (Dorabella)
Foto: Monika Ritterhaus

Auch sängerisch war die Vorgängerproduktion (in der Peter Konwitschny-Inszenierung traten u.a. Stella Doufexis und Maria Bengtsson auf) um Längen besser: Nicole Chevalier hat eine wundervoll aufblühende Höhe, mogelt sich aber einige tiefen Töne zurecht; Theresa Kronthaler besitzt einen eher hellen Mezzo, der sich nicht klar genug von Chevaliers Sopran abgrenzt; der Tenor von Aleš Briscein schlingert oberhalb der Mittellage einige Male aus dem Fokus, und Tom Erik Lie wirkt arg distanziert, was wiederum der viel zu laschen Regie angelastet werden muss. Wirklich hörenswert sind die Despina von Mirka Wagner und der Gugielmo von Dominik Köninger. Henrik Nánási, der nach der Zauberflöte seine zweite Mozart-Premiere dirigiert, schlägt energisch und mit schnellem Tempo, doch das Spiel des Orchesters kann über den verpatzten Abend kaum hinwegtrösten.



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