9. März 2013
Philharmonie Berlin

Warten auf Mr. Right

Unter Andris Nelsons spielen die Berliner Philharmoniker Mozart, Wagner und Schostakowitsch

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie Nr. 33

Richard Wagner
Ouvertüre zu Tannhäuser (Dresdner Fassung)

Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 6

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons - Dirigent

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Warten auf Mr. Right

Unter Andris Nelsons spielen die Berliner Philharmoniker Mozart, Wagner und Schostakowitsch

Von Heiko Schon / Foto: Marco Borggreve

Blättern wir doch mal kurz die Seiten in Andris Nelsons' Terminkalender zurück. Hier zum Beispiel: "24.-26. Oktober 2012, drei Konzerte mit den Berliner Philharmonikern". Oder hier: "Dezember 2012, eine Staffel La Bohème (mit meiner Frau als Mimi) im Schiller-Theater". Und: "15. Januar 2013, Leitung des Mahler Chamber Orchestra im Konzerthaus". Im Grunde arbeitet Nelsons so oft in Berlin - soll er doch am besten gleich hierbleiben. Man hätte ü-ber-haupt nichts dagegen. Spielen wir eine kleine Runde "Was wäre wenn". Wenn sich die Berliner Philharmoniker für Nelsons als Nachfolger von Sir Simon entscheiden würden, dann wäre Nelsons bei Amtsantritt 39 Jahre alt. Ist er damit zu jung? Eigentlich ist diese Frage völlig unwichtig, aber manch einer wird vielleicht überrascht sein, denn die Antwort ist - nein. Furtwängler war 36, als er Chefdirigent der Philis wurde. Celibidache gar erst 33.


Andris Nelsons
Foto: Marco Borggreve

Nelsons künstlerische Qualitäten sprechen ohnehin für sich. Das ist auch heute Abend so. Das Konzert beginnt mit einem federleicht daherkommenden, ungeheuer farbintensiven Mozart. Daraufhin folgt Tannhäuser. Nelsons tastet sich langsam durch die ersten Takte der Ouvertüre, legt Schicht um Schicht frei, ja, löst diese bald voneinander ab. Das Blech bleibt geschmeidig, die Streicher klingen fast gläsern, ein Gefühl des Soges stellt sich ein, und was folgt, ist Rausch, ist Trinken und Versinken. Nelsons kommt mehr aus Richtung Tristan, wählt also die Wagnersche Hintertür. Deutlich ruppiger geht Schostakowitsch' Sechste ab. Da pieken herrlich schwarze Borsten aus dem ersten Satz hervor, ist die Ironie im zweiten klar herauszuhören, steht Nelsons beim Galopp-Popp-Popp so gut wie nie auf seinen Fersen. Tja, und dann werden die Solo-Spieler und Gruppen gewürdigt, fliegen Bögen auf und nieder, klopft Nelsons dem Konzertmeister nach jeder Runde auf die Schulter, zeigen Orchester und Dirigent, wie sehr sie sich schätzen. Hier wurde nicht nur einfach eine Visitenkarte abgegeben. Der Liebesbrief liegt quasi auf jedem einzelnen Notenpult.



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