25. November 2012
Komische Oper Berlin

Tarantula, dein schwarzes Herz

Stummfilmmagie, aber wie: Mozarts Zauberflöte an der Komischen Oper, konzipiert von "1927"

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Die Zauberflöte

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Henrik Nánási
Inszenierung: Suzanne Andrade und Barrie Kosky
Animation: Paul Barritt
Konzeption: "1927" (Suzanne Andrade und Paul Barritt)
Bühnenbild und Kostüme: Esther Bialas
Dramaturgie: Ulrich Lenz
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Diego Leetz

Pamina: Maureen McKay
Tamino: Peter Sonn
Königin der Nacht: Julia Novikova
Sarastro: Christof Fischesser
Papageno: Dominik Köninger
Papagena: Julia Giebel
Monostatos: Stephan Boving
Erste Dame: Ina Kringelborn
Zweite Dame: Karolina Gumos
Dritte Dame: Maija Skille
Erster geharnischter Mann: Christoph Späth
Zweiter geharnischter Mann: Carsten Sabrowski
Drei Knaben: Nicolas Brunhammer, Constantin Schmidt, Julian Mezger (Solisten des Tölzer Knabenchores)
Papagenos Kater: Karl-Heinz

Orchester und Chorsolisten der Komischen Oper Berlin

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Tarantula, dein schwarzes Herz

Stummfilmmagie, aber wie: Mozarts Zauberflöte an der Komischen Oper, konzipiert von "1927"

Von Heiko Schon


Die Zauberflöte - Komische Oper Berlin
Peter Sonn (Tamino), Julia Novikova (Königin der Nacht)
Foto: Iko Frese / drama-berlin.de

Zart fluten die ersten Takte herauf, verwischen Klänge ineinander, wechselt das Tempo, leuchten die Farben, steigt der Puls, und auch die kleinen Füße, die flink im Graben hin und her trippeln, lassen keinerlei Zweifel aufkommen: Das Wolferl ist bei Henrik Nánási in guten Händen. Wenn es der neue GMD noch schaffen würde, die Spannung der Ouvertüre eine ganze Zauberflöte lang halten zu können, sollte einer sternflammenden Opernstunde nichts mehr im Wege stehen. Doch dafür wird wohl viel Routine vonnöten sein, da Nánási sein Dirigat der Bühnenaktion anzupassen hat. Stellt er Papageno & Co. nicht auf die Sekunde dort ab, wo ihn die Technik haben will, läuft der Abend immer wieder Gefahr, dass Mozart der Szene hinterher rennt - oder umgekehrt. Aber heute, bei der Premiere, läuft alles wie geschmiert. Auch das sagt viel über die Geschicke eines musikalischen Leiters aus.


Die Zauberflöte - Komische Oper Berlin
Dominik Köninger (Papageno), Julia Giebel (Papagena)
Foto: Iko Frese / drama-berlin.de

Für das Design dieser neuen Zauberflöte zog Intendant und Co-Regisseur Barrie Kosky ein britisches Show-Kaninchen aus dem Hut, welches sich auf animierte Live-Performances spezialisiert hat. Hinter der Theatergruppe "1927" stecken Suzanne Andrade und Paul Barritt, beide absolute Opernneulinge und damit Quereinsteiger. Doch ihre völlig unvoreingenommene Sicht auf dieses Genre fördert eine wahre Flut an (Kino-)Bildern zutage, die man wohl nie und nimmer mit Mozart in Verbindung gebracht hätte. Da geht Nosferatu mit seinen Höllenhunden durch Metropolis Gassi, schauen Louise Brooks und Buster Keaton in Das Cabinet des Dr. Caligari, spinnt eine alternde Stummfilmdiva als Tarantula Netze wie Intrigen, purzelt Gag auf Gag, Zitat auf Zitat. Und weil das alles nicht nur an die Wand geworfen wird, sondern die Sänger in den Projektionen auch agieren, auf sie re-agieren, entsteht eine Symbiose, die tatsächlich nach Theaterluft schnuppert. Zwischen den Titeln haut Hammerklavierspielerin Bonnie Wagner gekonnt in die Tasten und begleitet das bunte Treiben mit Auszügen aus Mozart-Fantasien. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur ein wenig Stichelei muss noch sein. Warum interessiert sich keiner der Beteiligten für das etwas fragwürdige Frauenbild oder die Behandlung des Mohren? Um diese heißen Eisen mogelt sich die Regie herum, indem sie sie einfach, nun ja, überblendet, verwitzelt, zukleistert. So etwas geht vielleicht am Wannsee unbemerkt durch, aber wir befinden uns in dem Haus, in welchem das moderne Musiktheater geboren wurde. Nun aber, Kusch!, weg mit der Spaßbremse.


Die Zauberflöte - Komische Oper Berlin
Maureen McKay (Pamina)
Foto: Iko Frese / drama-berlin.de

Schade, dass trotz dieser spielfreudigen Scharade so durchschnittlich gesungen wird. Dominik Köninger ist ein vortrefflicher Papageno, vielfarbig, beweglich, dabei stets präsent; Ina Kringelborn, Karolina Gumos und Maija Skille verspritzen mit Brillanz und Genuss das Gift der drei Damen; Christoph Späth und Carsten Sabrowski sind als geharnischte Männer ganze Kerle; Julia Novikova hingegen quält sich quäkend durch die zweieinhalb Nummern ihrer Königin der Nacht, und Peter Sonn gibt als Tamino mit unnötiger Schärfe den Schreihals. Maureen McKay stößt mit der Pamina an die Grenzen des stimmlich Machbaren, schlingert ihr Sopran immer wieder aus dem Fokus, klingt die Höhe schrill. Bestens präparierte Chöre, leicht nervöse Knaben, ein bräsig-brummelnder Sarastro (Christof Fischesser), eine lyrisch-verspielte Papagena (Julia Giebel) und ein im Sprechgesang verharrender Monostatos (viel Spiel, wenig Tenor: Stephan Boving) runden den insgesamt zwiespältigen Eindruck ab. Apropos Sprache. In einem Stummfilm kann davon natürlich nicht die Rede sein. Also landet Schikaneders Libretto in Sprechblasen auf der Leinwand. Nur Papageno beweist ein einziges Mal, dass er bis drei zählen kann. Wie hätte sich wohl dessen niedlicher Kater zu seinem Vornamen geäußert? "Sagen Sie nicht Karl-Heinz zu mir!"? Die Jubelstürme des jungen-jung gebliebenen Publikums dürfte man noch in Charlottenburg gehört haben: Staats- und Deutsche Oper wären gut beraten, ihre Uralt-Zauberflöten jetzt endlich abzusägen.



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