20. / 28. Mai 2012
Philharmonie / Deutsche Oper Berlin

18 Pfingstrosen für Wotan

Die Berliner Philharmoniker und die Deutsche Oper Berlin umwerben zu Pfingsten mit der Walküre die Wagnerianer

Programm

Richard Wagner
Die Walküre

Mitwirkende

20. Mai, Philharmonie
Berliner Philharmoniker
Musikalische Leitung: Simon Rattle
Siegmund: Christian Elsner
Hunding: Mikhail Petrenko
Wotan: Terje Stensvold
Sieglinde: Eva-Maria Westbroek
Fricka: Lilli Paasikivi
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Helwige: Susan Foster
Gerhilde: Joanna Porackova
Ortlinde: Anna Gabler
Waltraute: Julianne Young
Siegrune: Heike Grötzinger
Rossweiße: Anette Bod
Grimgerde: Eva Vogel
Schwertleite: Andrea Baker

28. Mai, Deutsche Oper Berlin
Deutsche Oper Berlin
Donald Runnicles
Inszenierung: Götz Friedrich
Bühnenbild und Kostüme: Peter Sykora

Siegmund: Torsten Kerl
Hunding: Atilla Jun
Wotan: Greer Grimsley
Sieglinde: Heidi Melton
Fricka: Daniela Sindram
Brünnhilde: Catherine Foster
Helwige: Elaine McKrill
Gerhilde: Rebecca Teem
Ortlinde: Martina Welschenbach
Waltraute: Ulrike Helzel
Siegrune: Roswitha C. Müller
Rossweiße: Julia Benziger
Grimgerde: Clémentine Margaine
Schwertleite: Nicole Piccolomini

Orchester der Deutschen Oper Berlin

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18 Pfingstrosen für Wotan

Die Berliner Philharmoniker und die Deutsche Oper Berlin umwerben zu Pfingsten mit der Walküre die Wagnerianer

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus (Rattle), Ken Friedmann (Runnicles)


Simon Rattle
Foto: Monika Ritterhaus

Pah! Sollen doch die Anderen bei dieser Hitze im Biergarten sitzen, der Wagnerianer begibt sich lieber auf Pilgerreise. In der Philharmonie wird nämlich ein fünfstündiges Operndrama des Gurus aufgeführt, in welchem von Erfrischung höchstens gesungen wird. Man ist kurz geneigt, sich dem nach einem Quell verlangenden Siegmund anzuschliessen: Für mich auch, bitte! Christian Elsner ist auf den Punkt besetzt. Man hat diese Partie zwar schon beweglicher und auch erotischer gehört, aber Elsner ist ein so überaus nobler Tenor, der mit Schmelz, strahlender Höhe und Textdeutlichkeit punktet. Ihm zur Seite stehen Eva-Maria Westbroek als eher herb timbrierte, gelegentlich scharfstimmige Sieglinde und Mikhail Petrenko als nasaler, schwärzlich-kraftvoller Hunding. Lilli Paasikivis Vortrag entspricht leider nur dem Klischee der trutschigen Göttergattin: Die Fricka als altmodischer, überreifer Zankapfel. Abgesehen von den weniger schön klingenden C's der Helmwige, trällert die Kavallerie der Walküren souverän die Töne. Übrig bleiben Tochter und Vater. Evelyn Herlitzius und Terje Stensvold bürsten Wagner grandios gegen den Strich und entreißen ihren Charakteren das Stereotypische: Sie als gesanglich schlanke, emotional aufgekratzte Brünnhilde, er als seelenwunder, im Grunde belcantesk singender Wotan, dem sämtliche Kraftmeierei völlig zuwider ist. Es ist schwer zu glauben, dass der norwegische Bass stramm auf die 70 zugeht.

Nach den ersten beiden Aufzügen kreisen noch immer kleine Fragezeichen über dem Kopf: Kann man mit Simon Rattles Dirigat nun etwas anfangen oder nicht? Ist das eine Lesart, eine wirkliche Interpretation der Partitur oder doch nur schwelgerische Klangzauberei? In seinen besten Momenten klingt Rattles Wagner nach Debussy (Winterstürme wichen dem Wonnemond), in seinen schlechten verhetzt und viel zu laut (vor allem die pompös aufgebauschten, den anschließenden Applaus regelrecht einfordernden Finale). Dann kommt der dritte Aufzug - und alles wird gut. Sogar mehr als das. Plötzlich weicht die Perfektion einem echten - will sagen: dramatischem - Gefühl, lodern Leitmotive, glüht die Dynamik, ist es vorbei mit britisch-preußischer Coolness. Da zerrt das Schlagwerk schon ordentlich am Nervenkostüm, aber die sechs Harfen geben dem Zuhörer den Rest: Dieser Feuerzauber versetzt das Publikum an den Rand des Wagner-Wahns. Wogende Applauswellen.


Donald Runnicles
Foto: Ken Friedmann

An der Deutschen Oper geht Donald Runnicles das Ganze von der genau entgegengesetzten Seite an, stehen die zweieinhalb Liebesdramen zwischen Siegmund/Sieglinde und Wotan/Brünnhilde (das einhalb geht auf Siegmund zurück, der "diese Liebe" in Brünnhildes Herz hinterlässt) eindeutig im Vordergrund. Mag der Dirigent das Wagner-Rad auch nicht neu erfinden: Das Orchester ist unter Runnicles wieder ein ernstzunehmender Konkurrent für die Berliner Staatskapelle geworden. Im ersten Aufzug sticht Heidi Melton mit ihren aufblühenden, lyrischen Sopranspitzen hervor, den zweiten Aufzug entscheidet Daniela Sindram mit ihrem gebieterischen Mezzo für sich. Die Walküren eröffnen mit einem gekonnten Ritt den letzten Aufzug und wenn es für Brünnhilde Zeit ist, sich schlafen zu legen, wacht dann auch endlich Catherine Foster auf. Die Herren dagegen sind nicht gerade der Brüller: Attila Jun ist ein knurrender Kettenhund(ing), Torsten Kerl ein etwas schwach auf der Brust tönender Siegmund. Greer Grimsley jedoch kann mit imposantem Spiel die gesanglichen Mängel seines Wotans gut übertünchen.

Noch ein Wort dazu, ob man diese Produktion nun einmotten sollte oder nicht: Wenn Peter Sykoras Tunnel hinter Flammen und rotem Nebel verschwindet, sitzt man dann doch jedes Mal mit aufgesperrten Kinderaugen im Parkett - und ist hin und weg. Vorerst hat sich die DOB gegen eine Absetzung entschieden: Wenn zum Wagner-Jahr der Ring wieder zyklisch aufgeführt wird, übergibt Runnicles den Taktstock an Simon Rattle (21.-29.9.2013). Knapp vier Monate später geht's dann wieder mit dem GMD in die zweite Runde (8.-12.1.2014).



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