12. Februar 2012
Komische Oper Berlin

Solo, Drama, Queen

Dagmar Manzel triumphiert an der KOB im Brecht/Weill-Abend Die sieben Todsünden

Programm

Kurt Weill
Die sieben Todsünden
Dagmar Manzel

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kristiina Poska
Inszenierung: Barrie Kosky
Choreographie: Otto Pichler
Ausstattung: Esther Bialas
Dramaturgie: Bettina Auer

Anna: Dagmar Manzel
Pianist: Frank Schulte
Vater: Sebastian Lipp
Brüder: Adam Cioffari, Manuel Günther
Mutter: Tim Klaski

Orchester der Komischen Oper Berlin

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Solo, Drama, Queen

Dagmar Manzel triumphiert an der KOB im Brecht/Weill-Abend Die sieben Todsünden

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Die sieben Todsünden - Komische Oper Berlin
Dagmar Manzel (Anna)
Foto: Monika Ritterhaus

Der Diseusenwitz von gestern geht so: "Und wenn ihr sagt, ich singe schlecht, sing' ich Brecht". Heute aber haben die Herren Brecht und Weill wieder Hochkonjunktur. Die Knete steckt in der Krise, die Politik in der Patsche - also, Mädel, komm schon, sing' Brecht, sing' Weill! Auf der Bühne der Komischen Oper steht zunächst nur ein Flügel vor einem Vorhang, beides nicht sehr farbenfroh. Ein Scheinwerfer bohrt einen winzig grellen Kreis in die Saaldecke, er wandert vorsichtig Richtung Rampe und wird nur kurz vom Kronleuchter aufgehalten, der das Licht aufs Herrlichste in tausend kleine Punkte sprengt. Als der Verfolger sein Ziel erreicht hat, greift Pianist Frank Schulte in die Tasten und zwischen den Vorhängen schält sich Dagmar Manzel zu "Berlin im Licht" langsam und kopfüber in selbiges - boah, wat'n Auftritt!


Die sieben Todsünden - Komische Oper Berlin
Dagmar Manzel (Anna)
Foto: Monika Ritterhaus

Um Die sieben Todsünden aus der Schmiede Brecht/Weill auf wenigstens 75 Minuten Länge zu bekommen, fügt Barrie Kosky dem Gesangsballett eine handvoll Songs von Kurt Weill à la "Surabaya Johnny" hinzu - und vertraut im Übrigen auf die Diva des Abends. Denn was braucht schon eine Dagmar Manzel, um Theater zu machen? Ein Kleid, einen Vorhang, einen Pianisten und einen Verfolger - mehr nicht. Manzel kann diesen leeren Raum allein mit Stimme und Präsenz füllen und damit dem Publikum einen knisternden wie atemberaubenden Abend schenken. Kosky weiß das nur zu gut und konzentriert sich in seiner Inszenierung voll auf die Hauptdarstellerin. Er vereint die singende und die tanzende Anna zu einer Figur, verbannt ihre Familie - ein Männerquartett - in die Proszeniumslogen und lässt sie die sieben Stationen als Erinnerungsreise Revue passieren. Das alles geht ganz wunderbar auf. Manzel wirft sich darstellerisch ins Zeug, reckt die Arme, schlägt um sich, stutzt, plärrt, hampelt und trampelt, grinst und grimassiert, spricht mit dem ganzen Körper. Stimmlich ist ihre Anna nicht weniger betörend: gut artikulierend, ehrlich im Ausdruck, sinnlich und kraftvoll.


Die sieben Todsünden - Komische Oper Berlin
Dagmar Manzel (Anna)
Foto: Monika Ritterhaus

Das auf der Hinterbühne hockende Orchester kommt nach etwa einem Drittel zum Einsatz. Kristiina Poska, ab 2012/13 neue Kapellmeisterin der KOB, legt hier ein Dirigat vor, bei dem die Fetzen fliegen. Dieser Weill geht sofort ins Ohr, ist mit Schärfe gewürzt und besitzt schneidig jazzigen Groove. Wenn so die Musiktheaterzukunft unter der Intendanz von Barrie Kosky aussieht, dann ist es langsam wirklich an der Zeit, dass sich Andreas Homoki mit seinen Baumgartens und Bieitos gen Zürich absetzt.



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