7./10. Oktober 2012
Staatsoper im Schiller-Theater

Wotans Lampenladen

Guy Cassiers setzt sein Ring-Desaster mit Die Walküre und Siegfried an der Staatsoper fort

Programm

Richard Wagner
Die Walküre
Siegfried

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Guy Cassiers
Bühnenbild: Guy Cassiers, Enrico Bagnoli
Kostüme: Tim van Steenbergen
Licht: Enrico Bagnoli
Video: Arjen Klerkx, Kurt D'Haeseleer
Choreographie Die Walküre: Csilla Lakatos
Choreographie Siegfried: Sidi Larbi Cherkaoui
Dramaturgie: Michael P. Steinberg, Detlef Giese

Siegmund: Peter Seiffert
Sieglinde: Waltraud Meier
Hunding, Fafner: Mikhail Petrenko
Wotan: René Pape
Brünnhilde: Iréne Theorin
Fricka: Ekaterina Gubanova
Gerhilde: Sonja Mühlbeck
Helmwige: Susan Foster
Waltraute: Ivonne Fuchs
Schwertleite: Anaïk Morel
Ortlinde: Carola Höhn
Siegrune: Leann Sandel-Pantaleo
Grimgerde: Nicole Piccolomini
Rossweisse: Simone Schröder
Siegfried: Lance Ryan
Mime: Peter Bronder
Der Wanderer: Terje Stensvold
Alberich: Johannes Martin Kränzle
Erda: Anna Larsson
Waldvogel: Rinnat Moriah

Staatskapelle Berlin

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Wotans Lampenladen

Guy Cassiers setzt sein Ring-Desaster mit Die Walküre und Siegfried an der Staatsoper fort

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Die Walküre - Staatsoper Berlin
Simon O'Neill (Siegmund), Anja Kampe (Sieglinde)
Foto: Monika Ritterhaus

Zugegeben: Die Überschrift ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich stehe auf dem Bahnhof, warte auf die U2, die mich nach Hause bringen wird, überlege krampfhaft, warum ich eigentlich in eine Walküre gehe, wenn doch schon Das Rheingold ein Schuss in den Ofen war, da spricht mir ein Berliner plötzlich aus der Seele: "Wat war denn dat? Wotans Lampenladen?" Treffer, versenkt! Besser kann man die szenische Einfallslosigkeit dieses Feuerzaubers nicht auf den Punkt bringen. Erinnern wir uns: Vor zwei Jahren ging's mit Wagners Vorabend los. Damals war es vor allem die Choreographie gewesen, die einem auf den Zeiger ging. Und Daniel Barenboims Staatskapellenklang schien den Umzug ins Schiller-Theater nicht gut überstanden zu haben. Wenn's allein um diese beiden Dinge gehen würde, könnte man für Walküre Entwarnung geben: Das Gehoppel ist verschwunden, und das Orchester hört sich nicht mehr an, als würde es nur mit halber Mannschaft spielen.


Die Walküre - Staatsoper Berlin
René Pape (Wotan), Iréne Theorin (Brünnhilde)
Foto: Monika Ritterhaus

Aber, ach, viel mehr Positives lässt sich leider nicht vermelden. Wieder läuft der Bildschirmschoner im Dauerbetrieb (Video: Arjen Klerkx, Kurt D'Haeseleer), beschränkt sich ein Regisseur auf die Kunst des Dekorierens, findet das Hirn auf der Bühne so gar nichts, worüber es nachdenken könnte. Der Siegmund ist das beste Beispiel für allerschlimmstes Rumstehtheater: Peter Seiffert stapft vom Pixelkamin zum Eschenstamm - vermutlich weil die Souffleuse dahinter hockt - und schlägt erstmal Wurzeln. Waltraud Meier versucht als Sieglinde irgendwie um ihn herum zu spielen, was größtenteils verlorene Liebesmüh bleibt. Als dann auch noch Hunding (mit staubtrocknem Bass: Mikhail Petrenko) hinzutritt, ist die geometrische Figur perfekt. So stellt sich Guy Cassiers also eine Dreiecksgeschichte vor. Nun ja, aber eine nette Idee hat der Mann: Nachdem Sieglinde ihren Gatten ins Bett verfrachtet hat, schlüpft sie extra für Siegmund in ein bequemes, tief dekolletiertes Abendkleid. Schlimm sehen dagegen die Walküren aus. Tim van Steenbergen schnürt sie in wallende Roben, als führe sie ihr Ritt zur nächsten Dinnerparty ins Borchardt. Für das Kostüm der Brünnhilde war offenbar so viel Stoff übrig, dass man ihr den Schlafsack gleich auf den Rücken nähte. René Pape legt ein schönstimmiges, aber darstellerisch zu neutrales Porträt des Wotan vor.


Siegried - Staatsoper Berlin
Peter Bronder (Mime), Juha Uusitalo (Der Wanderer)
Foto: Monika Ritterhaus

Drei Tage später verleiht der für Juha Uusitalo einspringende Terje Stensvold dem Wanderer das Format eines gebrochenen Shakespeare-Königs. Es ist oftmals nur sein Blick, mit dem Stensvold ganze Schicksalsschluchten aufstößt. Stimmlich verhält es sich nicht anders. Auf gleichem Niveau agiert Johannes Martin Kränzle, so dass der Schlagabtausch zwischen Wotan und Alberich zur spannendsten Szene beider Abende wird. Hier treffen zwei Männer aufeinander, die von der Macht nicht lassen können und es einfach nicht wahrhaben wollen, dass ihre Zeit längst abgelaufen ist. Lance Ryan als langhaariger Siegfried-Rocker mit Knattervibrato bleibt dagegen Geschmackssache. Ebenso Peter Bronders gänzlich humorfreier Mime. Ein überraschender Leistungsabfall ist bei Iréne Theorin festzustellen. In der Walküre erklimmt ihre Brünnhilde jedes "Hojotoho" souverän, doch in Siegfried versiebt Theorin einen hohen Ton nach dem anderen.


Siegfried - Staatsoper Berlin
Rinnat Moriah (Waldvogel), Lance Ryan (Siegfried)
Foto: Monika Ritterhaus

Zur Inszenierung ist bereits alles gesagt worden. Bleibt zu hoffen, dass alle Projektoren und Leuchtstoffröhren ganz bleiben, damit der letzte Ring-Teil nicht zur Regisseurendämmerung gerät. Und die Staatskapelle? Man kann ihr schon - wie eingangs erwähnt - klangliche Präsenz bescheinigen. Aber: Daniel Barenboims gegenwärtige Sicht auf Wagner wirkt ein wenig angestaubt, was nicht nur an den transusigen Tempi liegt. Als eine Nummer unter vielen sei der Walkürenritt genannt, welcher eher an ein elegantes Dressurreiten denken lässt, als an ein militärisches Kampfgeschwader. Wotans Töchter als Leichte Kavallerie? Ob zuletzt die konzertante Walküre der Philharmoniker oder der Wagner-Zyklus des Rundfunk-Sinfonieorchesters: Die Dirigenten Simon Rattle und Marek Janowski haben das Wagner-Bild nachhaltig verändert.



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