21. Oktober 2012
Deutsche Oper Berlin

Wunden gibt es immer wieder

Der neue Parsifal an der Deutschen Oper Berlin wird durch die Chöre zum Ereignis

Programm

Richard Wagner
Parsifal

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Philipp Stölzl
Co-Regie: Mara Kurotschka
Bühne: Conrad Moritz Reinhardt, Philipp Stölzl
Kostüme: Kathi Maurer
Chöre: William Spaulding
Kinderchor: Christian Lindhorst
Lichtdesign: Ulrich Niepel
Dramaturgie: Dorothea Hartmann

Amfortas: Thomas Johannes Mayer
Titurel: Albert Pesendorfer
Gurnemanz: Matti Salminen
Parsifal: Klaus Florian Vogt
Klingsor: Thomas Jesatko
Kundry: Evelyn Herlitzius
1. Gralsritter: Burkhard Ulrich
2. Gralsritter: Andrew Harris
1. Knappe: Kim-Lilian Strebel
2. Knappe: Annie Rosen
3. Knappe: Paul Kaufmann
4. Knappe: Matthew Pena
Stimme aus der Höhe: Dana Beth Miller
Blumenmädchen: Hulkar Sabirova, Martina Welschenbach, Rachel Hauge, Hila Fahima, Annie Rosen, Dana Beth Miller

Chor, Herren des Extrachores, Kinderchor, Opernballett, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion pdf

Wunden gibt es immer wieder

Der neue Parsifal an der Deutschen Oper Berlin wird durch die Chöre zum Ereignis

Von Heiko Schon / Fotos: Matthias Baus


Parsifal - Deutsche Oper Berlin
Foto: Matthias Baus

Beim Anblick der buckligen Felsenlandschaft wird sich William Spaulding die Hände gerieben und sofort erkannt haben, dass dieser schmale Trampelpfad zwischen linker Gralsburg und rechtem Golgota-Hügel ein zügiges Auftreten seines Chores nahezu unmöglich macht. Wie heißt es so schön: Nur ein rechtzeitiges Erscheinen sichert den besten Platz. Und dort angekommen können vielleicht noch Schwerter geschwungen oder Hände gereckt werden, aber sonst kann man in diesem Bühnenbild eigentlich nur eins: brav geradeaus singen. Da zudem die Löcher zu den Seitenbühnen schön verstopft wurden, funktioniert diese Kulisse klanglich wie ein Trichter. Natürlich nimmt der Chor dieses Geschenk gern entgegen. Ob Zum letzten Liebesmahle im ersten oder die Ritterzüge im dritten Aufzug: Die Herren bedanken sich mit einer stets präzisen, betörend salbungs- bis kraftvollen Leistung, welche weit, weit entfernt ist von jedweder martialischen Brüllerei. Nicht weniger berauschend sind Blumenmädchen und die opalfarbig schimmernde Stimme aus der Höhe von Dana Beth Miller. Sagen wir's doch mal in aller Deutlichkeit: Das war eine Sternstunde des Chorgesangs.


Parsifal - Deutsche Oper Berlin
Foto: Matthias Baus

Inszenatorisch jedoch lädt der Abend größtenteils zum Gähnen ein. Philipp Stölzl schickt den Zuschauer auf die Hollywoodschaukel und erzählt ihm Richard Wagners Parsifal so, wie man es gerade nicht machen sollte - als langatmiges Passionsspiel. Zur Prelude stirbt Jesus am Kreuz, später wohnen wir den Kriegszügen und Bußgängen der Kreuzritter bei. Ihren ersten Tiefpunkt erreicht die Regie als Gurnemanz (mit Märchenonkelbass: Matti Salminen) zur Geschichtsstunde bittet. Während unten die Knappen im Halbkreis sitzen und brav dem lauschen, was bisher geschah, kaut Stölzl in oberen Lichtkegeln jede einzelne Station Punkt für Punkt aufs Penibelste durch. Als ob dies auch wirklich gezeigt werden müsse, damit es ein jeder im Saal begreift, kommt sogar eine kurze Szene vor, in welcher sich Klingsor die Eier abschneidet. Die Erzähltechnik der Rückblende stellt der Filmregisseur zwar anschließend ein, nicht aber den Bewegungsablauf im Schneckentempo. Und wo wir gerade bei Slow Motion sind: Das Dirigat von Donald Runnicles ist stellenweise so schleppend, dass einem der Parsifal von James Levine plötzlich wie ein Wiesel vorkommt. Dem Orchester der Deutschen Oper ist dennoch ein Klang von hoher technischer Brillanz zu bescheinigen.

In den Hauptpartien wird eher mittelprächtig gesungen. Albert Pesendorfer ist ein guter Titurel, textverständlich und volltönend; Thomas Jesatko legt einen grundsoliden Klingsor vor; Thomas Johannes Mayer als Amfortas indessen bietet nur Durchschnittliches; Klaus Florian Vogt bleibt mit dem Parsifal - trotz stimmlicher Stattlichkeit - unter seinen darstellerischen Möglichkeiten, und Evelyn Herlitzius spielt nicht nur eine Raubkatzen-Kundry, sondern singt sie auch so, mit rauem, unruhig-flackerndem Sopran.

Zurück zur Handlung. Parsifal purzelt in den Plot hinein, als wäre er direkt vom Kinosessel auf die Leinwand gesprungen. Überhaupt scheint Stölzl bei den Mel Gibson-Filmen Die Passion Christi und Apocalypto gewildert zu haben. Klingsors Zaubergarten steht nun bei den Mayas oder Azteken, welches beides Kulturen sind, die durch die gewaltsame Verbreitung des Christentums untergingen. Diese Idee ist gar nicht mal übel, ihre bonbonbunte Verpackung à la Walt Disney hingegen schon. Ist Richard Wagner am Ende doch nicht mehr als nur ein Traumfabrikant? Stölzl sollte damit sein nächstes Engagement in der Tasche haben. Und wenn es mit der Met in New York nicht klappen sollte, dann doch bestimmt in Oberammergau.



©www.klassik-in-berlin.de