15. April 2012
Deutsche Oper Berlin

Was wir nie erfahren dürfen

Wagner-Schall & Rauch: Der neue Lohengrin an der Deutschen Oper Berlin

Programm

Richard Wagner
Lohengrin

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Kaspar Holten
Bühne, Kostüme: Steffen Aarfing
Licht: Jesper Kongshaug
Dramaturgie: Miriam Konert
Chor: William Spaulding

Heinrich der Vogler: Albert Dohmen
Lohengrin: Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant: Ricarda Merbeth
Friedrich von Telramund: Gordon Hawkins
Heerrufer des Königs: Bastiaan Everink
Ortrud: Petra Lang
Brabantische Edle: Peter Maus, Matthew Pena, Marko Mimica, Tobias Kehrer
Edelknaben: Rosemarie Arzt, Angelika Nolte, Christina Häger, Saskia Klumpp

Chor, Extra-Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Was wir nie erfahren dürfen

Wagner-Schall & Rauch: Der neue Lohengrin an der Deutschen Oper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Marcus Lieberenz


Lohengrin - Deutsche Oper Berlin
Foto: Marcus Lieberenz

Ja, was wäre denn eigentlich, wenn…? Wenn Elsa ihren Bruder Gottfried tatsächlich umgebracht und Lohengrin beim Kampf gegen Telramund getrickst und geschummelt hätte? Und wenn die "Gralserzählung" nichts anderes war, als eine kackfreche Lüge? Gestern noch Strahleheld und heute schon Blender, Schaumschläger, Heuchler. Wie war das als Kind einfach, als man das Gute - ja, das in weiß - ganz klar vom Bösen, also Schwarzen, trennen konnte. Jetzt ist eine schlichte Zuordnung nicht mehr möglich: Beides scheint ineinander verwoben zu sein, vom jeweiligen Standpunkt abzuhängen, vom Fragen, vom Hinterfragen. Es sind also durchaus die richtigen Denkanstösse, die Kaspar Holten in seiner Lohengrin-Inszenierung liefert. Oder besser gesagt: liefern möchte. Denn Holten, Jahrgang 1973, macht einen folgenschweren Fehler und serviert seinen Wolf im Schlafpelz. Man könnte bereits an dieser Stelle eine Abkürzung nehmen und die Frage, was denn nun an der szenischen Aufmachung zu bemängeln sei, pauschal mit "Alles" beantworten. Aber das wäre ja nicht konstruktiv. Also müssen wir doch ins Detail …


Lohengrin - Deutsche Oper Berlin
Foto: Marcus Lieberenz

Der Regisseur rückt den Krieg zwischen Brabant und Ungarn in den Mittelpunkt der Handlung. Folglich musste sich Ausstatter Steffen Aarfing auch irgendwie mit dem historischen Kolorit arrangieren. Das Resultat hätte scheußlicher kaum ausfallen können: Eine Bühne, die aussieht wie ein großer Kohlenkeller, der typische Theatermief, bestehend aus Nebelbänken, malerischem Kitsch und roten Vorhängen, und ein zur Hälfte untotes, brabantisches Volk, welches in graubraunen Uniformen oder zusammengenähten Scheuerlappen durchs Geschehen geistern muss. Selbst bei der Personenführung feiert Opas Oper sein Comeback. Am Beispiel Ortrud, 1. Aufzug, kann man sich gut vorstellen, dass es bei den Proben die simple Anweisung gab: Wer mit Singen dran ist, platziert sich an der Rampe, und wer nicht singt, guckt zu. Klaus Florian Vogt ist der Einzige, der dieses Korsett zu sprengen vermag. Alle anderen fügen sich in ihr Schicksal als Schablone. Am allerschlimmsten traf es auch hier den - gewiss glorios schmetternden - Chor, der sich entweder nur als Block oder in Abständen nach DIN-Norm bewegen darf. Wird's dann doch mal zu statisch, darf der ein oder andere Chorsolist auf die Knie sinken, um mit den Händen zu fuchteln oder den Retter anzuhimmeln. Man kann also zwischendurch ruhig mal die Äuglein schließen und die volle Aufmerksamkeit auf das lenken, was in die Ohren dringt …


Lohengrin - Deutsche Oper Berlin
Foto: Marcus Lieberenz

Schade, dass der Heerrufer von Bastiaan Everink bereits im 1. Aufzug sein ganzes Pulver verschießt und danach stimmlich abfällt. Schade auch, dass Albert Dohmen einen rabenschwarzen Tag hat und mit seinem die Vokale verfärbenden, vor sich hin röhrenden Hirsch Heinrich enttäuscht. So etwas kann aber immer mal passieren. Warum man jedoch den Amerikaner Gordon Hawkins für den Telramund an die Deutsche Oper geholt hat - ja, das fragt man sich. Das Timbre mag noch Geschmackssache sein, aber Intonation und Textverständlichkeit können nur als mangelhaft bezeichnet werden. Ricarda Merbeth ist leider auch keine optimale Elsa mehr, weil immer wieder das Vibrato ins allzu Flackernde kippt und sich in der hohen Lage die ersten Schärfen bemerkbar machen. Kein berauschendes Porträt also, aber zumindest eine souveräne Leistung. Wer die Übertragung aus Bayreuth im letzten Jahr gesehen hat, der weiß, was Petra Lang für eine Granaten-Ortrud sein kann. Dass sie daran nicht anknüpfen kann, muss man einem Regisseur anlasten, der ihr spielerisches Potenzial links liegen lässt. Gesanglich ist das freilich atemberaubend, wie etwa das grandiose Finale ("Fahr heim!").

Jedes Mal, wenn man Klaus Florian Vogt als Lohengrin hört (Baden-Baden, Lindenoper, Grüner Hügel, Marek Janowskis Wagner-Zyklus), denkt man nicht, dass er das noch toppen könnte. Und doch packt Vogt an der DOB jetzt noch 'ne weitere Kohle drauf, weil er sich dieses Silbrigschimmernde, Engelsgleiche, ja fast Asexuelle in der Stimme bewahren konnte und dennoch mehr strahlende Kraft, mehr heldischen Glanz hinzugewonnen hat. Ein kleines tenorales Wunder also … Bei Donald Runnicles darf das Orchester im Wagner-Schönklang schwimmen. Der Dirigent ist präzise und wählt Konturen, die weich und lyrisch durchwirkt sind, aber hin und wieder zu lautem Pomp neigen. Mit ruhigen Schlägen gelingt Runnicles eine harmonische Feinabstufung zwischen warmen Streichern und stürmischen Bläsereinsätzen.



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