4. März 2012
Deutsche Oper Berlin

Eine Last, ein Leben lang

Regisseur Christof Loy gibt mit Janáčeks Jenůfa sein überfälliges Berlin-Debüt

Programm

Leoš Janáček
Jenůfa

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Christof Loy
Bühne: Dirk Becker
Kostüme: Judith Weihrauch
Choreographische Mitarbeit: Thomas Wilhelm
Dramaturgie: Christian Arseni
Chor: William Spaulding
Lichtdesign: Bernd Purkrabek

Die alte Buryja: Hanna Schwarz
Števa Buryja: Joseph Kaiser
Laca Klemeň: Will Hartmann
Die Küsterin Buryja: Jennifer Larmore
Jenůfa: Michaela Kaune
Altgesell: Simon Pauly
Bürgermeister: Stephen Bronk
Frau des Bürgermeisters: Nadine Secunde
Karolka: Martina Welschenbach
Barena: Jana Kurucová
Jano: Hila Fahima
Schäferin: Fionnuala McCarthy

Chor, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Eine Last, ein Leben lang

Regisseur Christof Loy gibt mit Janáčeks Jenůfa sein überfälliges Berlin-Debüt

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Rittershaus im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN


Jenůfa - Deutsche Oper Berlin
Foto: Monika Rittershaus im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Was haben eine falsche Entscheidung und eine schwarze Tragetasche gemein? Beides kann eine Last sein, die man sein Leben lang mit sich herumschleppt. In genau so eine schwarze Tasche steckt die Küsterin Jenůfas Kind, um es aus dem Haus und in den Tod zu tragen. Und genau ab dem Zeitpunkt wird dieses Requisit auch Kostelničkas ständiger Begleiter. Ob zur Hochzeit im dritten Akt oder zum anschließenden Verhör (welches von der Regie als Ansatz an den Anfang gestellt wird, da es nicht Bestandteil der eigentlichen Opernhandlung ist): Sie trägt diese Tasche wie ein Kainsmal. Dabei geht es Christof Loy in Janáčeks Jenůfa nicht vordergründig um die Frage, wer denn nun schuldig ist oder sich mitschuldig gemacht hat. Vielmehr betreibt er im Rahmen eines psychologisch ausgewogenen Kammerspiels die Analyse der einzelnen Figuren.


Jenůfa - Deutsche Oper Berlin
Foto: Monika Rittershaus im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Picken wir uns zum Beispiel die alte Buryja heraus: Sie ist hier kein Kartoffeln schälendes, liebeswürdiges Mütterchen im Vorruhestand, sondern eine stilsicher kostümierte und machtvolle Mühlenchefin, die mit Eimer und Schüssel herzlich wenig anzufangen weiß. Die Aufwertung dieses Charakters ist natürlich eine Steilvorlage für Hanna Schwarz, welche all ihren Erfahrungsschatz einsetzt, um gleich mehrmals zu zeigen, wo der Bühnenhammer hängt. Oder die dekadent-dümmliche Frau des Bürgermeisters, die Nadine Secunde mit treffsicherer Ironie verkörpert. Es ist sowieso ein Abend der kleineren Rollen: Martina Welschenbach als Karolka, Simon Pauly als Altgesell und Stephen Bronk als Bürgermeister gefallen uneingeschränkt in ihren Porträts.

Dagegen geraten die Sänger der Hauptpartien an die ein oder andere Grenze: Michaela Kaune klingt mit ihrem ausladenden Vibrato zu reif für eine Jenůfa, Joseph Kaiser hat für den Števa nicht die optimale Höhe und Will Hartmann ist farblich ein eher eintöniger Laca. Was aber alle vereint, ist ein packendes Schauspiel. Wann zuletzt gab es an der Deutschen Oper in puncto Personenführung so Bezwingendes zu bestaunen wie hier? Nur Jennifer Larmore als Küsterin entpuppt sich - mit Verlaub - als Fehlbesetzung. Zwar kommt ihre Kostelnička ohne Keiftöne à la Anja Silja oder Eva Marton aus, aber in Bezug auf Eindringlichkeit erreicht Larmore noch nicht mal ansatzweise das Niveau ihrer Kolleginnen. Wenn es aufs Finale zweiter Akt zugeht, liegen normalerweise beim Publikum die Nerven blank. Da kauert Larmore an der rechten Wand, singt ihr "Wie wenn der Tod hier hereingeschaut hätte" - und man glaubt ihr kein Wort.


Jenůfa - Deutsche Oper Berlin
Foto: Monika Rittershaus im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Der Chor - in letzter Zeit stets ein Qualitätsgarant - ist im ersten Akt noch etwas wacklig unterwegs. Da hapert es vor allem in der Abstimmung zwischen Graben und Bühne. Donald Runnicles erliegt zwar nicht einem spätromantischen Klangrausch wie zuletzt Simon Rattle, aber auch hier ist das Vergnügen nicht ungetrübt. Das Xylophon lässt die Mühle ordentlich klappern, doch sonst ist das Schlagwerk zu lasch (Vorspiel 2. Akt), der Apparat der Streicher nicht kraftvoll genug. Dafür zeigen sich die Blechbläser von ihrer angriffslustigen Seite. Wie ist nun das lang erwartete Berlin-Debüt von Christof Loy zu bewerten? Nach oben hin ist sicher noch Platz, der große Wurf ist es also nicht geworden. Doch wenn es einen guten Regisseur auszeichnet, dass Neulinge das dargebotene Musiktheater auch ohne Programmheft begreifen, die alten Hasen aber dennoch etwas Unbekanntes in dem Stück entdecken, dann kann Loy seine Sache so schlecht nicht gemacht haben. Glückliche Gesichter im ganzen Haus.



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