14. November 2012
Philharmonie Berlin

Das Recht auf Kitsch

Anna Netrebko versüßt uns als farbenfrohe Iolanta den grauen November

Programm

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Iolanta

Mitwirkende

Orchester der Slowenischen Philharmonie
Slowenischer Kammerchor
Musikalische Leitung: Emmanuel Villaume

Jolanthe: Anna Netrebko
König René: Vitalij Kowaljow
Robert: Lucas Meachem
Graf Tristan Vaudemont: Sergey Skorokhodov
Ebn-Hakia: Vassily Savenko
Almerich: JunHo You
Bertram: Luka Debevec Mayer
Martha: Monika Bohinec
Brigitte: Theresa Plut
Laura: Nuška Rojko

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Das Recht auf Kitsch

Anna Netrebko versüßt uns als farbenfrohe Iolanta den grauen November

Von Heiko Schon / Foto: Dario Acosta

Wetten, dass es keine Show ohne Showtreppe gibt. Irgendwie muss der Star ja schließlich auf die Bühne kommen. Was aber tun, wenn es in der Philharmonie gar keine solche Showtreppe gibt? Pfff, dann muss es halt mal ohne gehen. Wäre doch gelacht, wenn es Netrebko nicht anders gelingen würde, uns die Anna zu machen. Der Abend ist bei Szene sieben angelangt, Tenor und Bariton stehen schon Spalier, da erkennt man nach jahrelangem Grübeln plötzlich den Sinn dieser verwirrend vielen Pfade durch den Scharoun-Bau. Diese machen's nämlich möglich, dass Netrebko unerwartet in Block A erscheint. Die Sopranistin rauscht in einem rosa Corsagenkleid, welches Prinzessin Lillifee zur Ehre gereichen würde, durch die Reihen: Achtung, hier kommt die Diva!


Anna Netrebko
Foto: Dario Acosta

Neben dem schicken Fummel hat Netrebko die letzte Oper von Tschaikowski im Gepäck, die hierzulande eher vernachlässigte Iolanta. Inhaltlich geht es um einen König (mit Aplomb: Vitalij Kowaljow), der seine blinde Tochter vor der Außenwelt beschützen will, indem er sie vor ihr versteckt. Ein burgundischer Ritter schafft es dennoch, durch die Hecke des Gartens zu schlüpfen und dem Fräulein Herz und Augen zu öffnen. Iolanta willigt in eine Operation ein und als diese gelingt, steht dem Happy End nichts mehr im Wege. Natürlich ist das kitschig und rührselig, im Grunde eine Schnulze. Aber war Tschaikowsky nicht immer schon der traurigste unter den russischen Opernkomponisten? Musikalisch steht Iolanta zwischen Eugen Onegin und Pikowaja Dama: Ein düsterer Beginn, Hörnerschwall und viel Fagott, doch die Leuchtkraft der Harfe setzt sich mehr und mehr durch. Ein Leckerli der Partitur ist zweifelsohne der Auftritt des ganzen Ensembles in der achten Szene. Ohnehin fragt man sich, warum Iolanta so selten in den deutschen Spielplänen auftaucht. Dass sich Netrebko für das einaktige Schmuckstück einsetzt, mag vor allem einer Stimme geschuldet sein, welche sich derzeit zwischen den Fächern bewegt. Die leichteren Belcanto-Mädels gehören zwar der Vergangenheit an, aber eine Tosca käme für Netrebko vermutlich zu früh. So kann sie der Iolanta beides in die Kehle legen: zarte Lyrismen und dramatische Wucht. Und dass unter dem vermeintlich Seichten auch eine tiefe Melancholie verborgen ist, stellt Netrebko mit einem ungemein differenzierten Spiel unter Beweis.

Überhaupt ist die umjubelte Aufführung famos besetzt: Lucas Meachem gibt den Robert als durchdringenden Kraftprotz, Sergey Skorokhodov als Ritter Vaudemont kann nicht nur verliebt dreinschauen, sondern auch tenorale Glanzpunkte setzen, Vassily Savenko ist ein überaus sonorer Ebn-Hakia, und Monika Bohinec (Martha), Theresa Plut (Brigitte) und Nuška Rojko (Laura) liefern souveräne Stichwortgeberinnen ab. Auch Emmanuel Villaume am Pult des Orchesters der Slowenischen Philharmonie bleibt kaum etwas schuldig. Seine Stärken sind ein fürsorglicher Umgang mit den Solisten, verfeinerte Farben im Klangbild und ein weit umfassendes Dirigat. Die neunzig Minuten enden mit großen Gesten: Hand aufs Herz und Winke-winke, Küsse von rechts, Blumen von links - und Anna mittendrin.



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