29. Januar 2012
Komische Oper Berlin

Vom Ferkel bis zur ausgewachsenen Rampensau

Calixto Bieito tappt im Dunkeln, Patrick Lange durchleuchtet Carl Maria von Weber - der neue Freischütz an der KOB

Programm

Carl Maria von Weber
Der Freischütz

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Patrick Lange
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühnenbild: Rebecca Ringst
Kostüme: Ingo Krügler
Dramaturgie: Bettina Auer
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Franck Evin

Max: Vincent Wolfsteiner
Agathe: Ina Kringelborn
Kaspar: Carsten Sabrowski
Ännchen: Julia Giebel
Eremit: Alexey Tihomirov
Ottokar: Günter Papendell
Kilian: Christoph Späth
Kuno: Hans-Peter Scheidegger
Brautjungfern: Saskia Krispin, Britta Süberkrüb, Diemut Wauer, Judith Weinreich

Chorsolisten, Komparserie und Orchester der Komischen Oper Berlin
Mitglieder des Ernst Senff Chores Berlin

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Vom Ferkel bis zur ausgewachsenen Rampensau

Calixto Bieito tappt im Dunkeln, Patrick Lange durchleuchtet Carl Maria von Weber - der neue Freischütz an der KOB

Von Heiko Schon / Fotos: Wolfgang Silveri


Der Freischütz - Komische Oper Berlin
Ina Kringelborn (Agathe), Vincent Wolfsteiner (Max)
Foto: Wolfgang Silveri

Ist heute nicht letzter Tag der Grünen Woche? Es kann doch kein Zufall sein, dass die Bühnenbäumchen von Rebecca Ringst aussehen wie die Dekorationen aus Messehalle 6. Und dann wühlt sich zu den Klängen der Ouvertüre auch noch eine echte Wollsau durchs rotbraune Laubwerk. Die Sauerei (bezeichnet umgangssprachlich den schmutzigen Zustand von Lebewesen, eine moralisch verwerfliche Handlung oder sexuell Anstößiges) ist ja so etwas wie das Markenzeichen von Calixto Bieito. An der Komischen Oper hat der katalanische Regisseur die Sau schon in Texten verwurstet oder als Metapher durchs Theaterdorf getrieben: Nun darf sie in seiner Inszenierung von Webers Freischütz endlich einmal persönlich von der Rampe grunzen - wie niedlich.


Der Freischütz - Komische Oper Berlin
Ina Kringelborn (Agathe), Vincent Wolfsteiner (Max)
Foto: Wolfgang Silveri

Nachdem das Tier von der Bühne ist, greift Bieito zu den bekannten Flüssigkeiten: Kilian schmiert sich mit Blut ein (mit dem seiner Jagdtrophäe), Kaspar tut es ihm gleich und schwört mit Max Blutsbrüderschaft und das beschwipste Fräulein Ännchen kommt gerade von Agathes Junggesellinnen-Party des Wegs. Ach, Moment mal: Natürlich wird auch noch in den Wald gepullert. All das schmeckt mittlerweile so furchtbar abgestanden, dass es nicht mal mehr zur Karikatur taugt. Die Sänger haken innerlich die Liste ab, tun die Dinge, die sie nun mal tun müssen, aber nicht, weil sie von ihnen überzeugt sind. Nun hat die Bewegung von Bühnenpersonal noch nie zu den Stärken Bieitos gezählt. Diesmal aber reißt seine Führung nach Schema F derart große Löcher in den Plot, dass sich ein völliges Desinteresse an Konflikten und Figuren einstellt. Es sind ja nicht mal mehr Figuren, sondern lediglich Schablonen, Imitate, Charaktere vom Reißbrett. Als Kirsche obendrauf haben sich Calixto Bieito und Bettina Auer eine Dialogfassung ausgedacht, die mit dieser Bezeichnung knapp am Etikettenschwindel vorbeischrammt.


Der Freischütz - Komische Oper Berlin
Carsten Sabrowski (Kaspar), Julia Giebel (Ännchen), Ina Kringelborn (Agathe)
Foto: Wolfgang Silveri

Ihren Höhepunkt der unfreiwilligen Komik erreicht die Inszenierung in der Wolfsschlucht: Kaspar führt das Zwiegespräch mit dem Samiel der eigenen Seele, also mit sich selbst, Max sieht seine Mutti, zieht sich die Klamotten aus, reibt sich mit Erde ein, hüpft wie Gollum über die Baumstümpfe und mutiert zum animalischen Waldbewohner. Als über dieser Szene meisterlicher Regiekunst das Licht erlischt, durchbricht ein einziger Lacher die Stille. Irgendwo oben im Rang hat wohl doch ein Zuschauer bemerkt, dass dieser Kaiser nackt ist. Was für ein zu recht ausgebuhter, unausgegorener, von heißer Flinte zusammengeschossener Abend!


Der Freischütz - Komische Oper Berlin
Chor der Komischen Oper Berlin
Foto: Wolfgang Silveri

Und doch gibt es musikalische Gründe, die für diesen neuen Freischütz sprechen. Bei Carsten Sabrowski dringen die Rachegelüste durch jede einzelne Phrase - was für ein ausdrucksstark und textdeutlich gesungener, herrlich bösartig auftrumpfender Kaspar. Mit Vincent Wolfsteiner ist der Max mit einem Tenor besetzt, der eher aus dem lyrischen Fach kommt. Er stürzt sich mit sehr viel stimmlichem Temperament in die Rolle, steht die Partie außerordentlich gut durch, sein Timbre gefällt ebenfalls. Die Kehlen der Chorsolisten haben auch viel zu tun: André Kellinghaus kann sich mit seiner Einstudierung hochzufrieden zeigen. Nun aber ab in den Graben, denn dort wird das einlöst, was eigentlich für die Bühne versprochen wurde. Chefdirigent Patrick Lange und das Orchester der Komischen Oper punkten mit einem dunklen Psychothriller der Extraklasse: Da stechen Bläsersoli hervor, die erst bedrohlich Kreise ziehen und dann sanft empor schnellen, hört man klar voneinander getrennte Streicherfiguren heraus, von denen manche so schmerzen wie ein Eisregen, glänzen dunkelfarbige Hörner, klingt dieser Weber unheimlich - unheimlich kühn und brillant.



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