7. September 2012
Philharmonie Berlin

Herkulesaufgabe gelöst

Amtsantritt von Tugan Sokhiev als Chefdirigent des DSO

Programm

Igor Strawinsky Pulcinella-Suite
Aaron Copland Old American Songs (Auszüge)
William Bolcom Cabaret Songs (Auszüge)
Samuel Barber Must the Winter Come so Soon? aus Vanessa
George Gershwin Someone to Watch Over Me aus Oh, Kay!
Kurt Weill I'm a Stranger Here Myself aus One Touch of Venus
Leonard Bernstein Szene VI aus Trouble in Tahiti
George Gershwin Summertime aus Porgy and Bess

Sergej Rachmaninow
Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 44

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Tugan Sokhiev - Dirigent
Sasha Cooke - Mezzosopran

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Herkulesaufgabe gelöst

Amtsantritt von Tugan Sokhiev als Chefdirigent des DSO

Von Leyla Jasper

Jeder Anfang ist schwer. Doch wer hätte mit zusätzlichen Schwierigkeiten gerechnet?! Die Sängerin Susan Graham erkrankte fünf Tage vor dem Konzert, und Sasha Cooke sprang für sie ein. Aber sie hatte auch andere Lieder in ihrem Repertoire! Das Orchester und der Dirigent mussten binnen weniger Tage unbekannte Stücke einstudieren. Mit der neuen Sängerin wurde erst etwa vierundzwanzig Stunden vor dem Konzert zum ersten Mal geprobt. Ein wirklich riskanter Countdown!

Alles hätte in einem Chaos enden können. Bestenfalls in einem vorsichtigen Sich-Herum-Tasten in den neuen Stücken. Stattdessen: Schönheit und Harmonie, Freude an gemeinsamem Musizieren, durchgehend ausgewogener und differenzierter Klang, Perfektion in jedem Detail, ausdrucksvolle Soli im Orchester. Alle Beteiligten wirkten auf höchst professionellem Niveau, strahlten dabei Energie, Frische und Lebenslust aus. Ein wirklich unvergesslicher Abend!

Die junge Sängerin Sasha Cooke bezauberte das Publikum nicht nur mit ihrer voluminösen Stimme, mit Natürlichkeit der Phrasierung, mit angeborenem Charme, sondern auch mit ihrer Bühnenpräsenz. Es war nicht nur Gesang in den unterhaltsamen Nummern, die sie vortrug. Wenn es im Lied vorgesehen war, dann rezitierte Sasha Cooke, schrie einmal recht schrill auf (in der ersten Phrase von "What a Movie!" von Leonard Bernstein). Begnadete Charakterdarstellerin, gestikulierte sie, bewegte sich im Takt zu Musik, tanzte sogar. Alles jedoch geschah im Rahmen des guten Geschmacks, stilistisch vollkommen am Platz. Die "Bravo"-Rufe des begeisterten Publikums zollten der Sängerin die gebührende Anerkennung.

Doch das meiste Lob gilt natürlich dem neuen Chefdirigenten des DSO. Wie Tugan Sokhiev das fertig gebracht hat, in solch kurzer Zeit die neuen Partituren einzustudieren und dann auf diesem Niveau das Konzert vorzubereiten und durchzuführen, grenzt an einem Wunder. Damit bewies der junge Ossete, was für ein Ausnahmetalent er doch ist. Als ob das Schicksal selbst ihn gleich zu Beginn seiner Amtszeit in Berlin herausfordern und fragen wollte: Wie gut bist du? Was taugst du wirklich? Dieser Herausforderung begegnete der junge Dirigent mit Mut, Noblesse, ja sogar mit Freude. Je größer die Aufgabe - desto größer auch der Reiz, sie unbedingt lösen zu wollen. Dies ist ein Zeichen von wahrer menschlicher Größe. Als Dirigent zeigte Sokhiev an dem Abend, wie virtuos er sein Handwerk beherrscht. Als Musiker bewies der junge Mann, wie teuflisch begabt er ist! Jede Komposition liegt vor seinem inneren Blick klar wie eine Landschaft. Sie hat ihre Höhen und Tiefen, und vibriert von Rhythmen, die Sokhiev sehr wohl dem Orchester zu übermitteln vermag. Und als Persönlichkeit hat der 34jährige Mann uns allen eine Lehre darüber erteilt, wie man mit plötzlich auftretenden Problemen umgehen soll. Nicht verzagen, sondern alle Kräfte zusammenreißen, mit Leidenschaft sich an die Arbeit werfen und das Beste daraus tun - ohne Selbstmitleid, ohne Wenn und Aber! Nur auf diese Weise können aus jedem Chaos Schönheit, Harmonie und Vollkommenheit entstehen. Die erste Feuerprobe hat Tugan Sokhiev mit Bravour bestanden. Wir wünschen ihm jedoch, dass seine übrige Amtszeit in Berlin unter weniger extremen Umständen verläuft!



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