6. Juli 2012
Staatsoper im Schiller-Theater

Ein Männlein steht im Walde

Ein Salzburger Don Giovanni zu Gast im Schiller-Theater

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Don Giovanni

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Claus Guth
Bühnenbild und Kostüme: Christian Schmidt
Licht: Olaf Winter
Choreographie: Ramses Sigl
Chor: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Ronny Dietrich

Don Giovanni: Christopher Maltman
Donna Anna: Maria Bengtsson
Don Ottavio: Giuseppe Filianoti
Komtur: Alexander Tsymbalyuk
Donna Elvira: Dorothea Röschmann
Leporello: Erwin Schrott
Masetto: Stefan Kocan
Zerlina: Anna Prohaska

Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor

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Ein Männlein steht im Walde

Ein Salzburger Don Giovanni zu Gast im Schiller-Theater

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Rittershaus


Don Giovanni - Staatsoper Berlin
Erwin Schrott (Leporello), Alexander Tsymbalyuk (Komtur), Christopher Maltman (Don Giovanni)
Foto: Monika Rittershaus

Der erste Austausch erfolgte in einer Nacht- und Nebelaktion. Es muss wohl irgendwann um den Jahreswechsel passiert sein, als auf der Staatsopernhomepage der Name Robert Carsen von der Don Giovanni-Besetzungsliste spurlos verschwand. Als hätte der Regisseur schon immer Claus Guth geheißen. So einfach kann's bei einem Gastspiel gehen: Mailand fliegt raus, Salzburg kommt rein. Da sage noch einer, die Opernhäuser seien schwerfällige Apparate. Weitaus kniffliger war es, dem ordentlich abkassierten Publikum Maria Bengtsson als Ersatz für Anna Netrebko unterzujubeln, nun ja, sagen wir besser, schmackhaft zu machen. Hier traf die Staatsoper jedoch keine Schuld: Die Karten für die Staffel waren längst verkauft, als sich Netrebko entschied, lieber daheim aufs Kind aufzupassen. Dumm war nur, dass Muttis Agentur anschließend Auftritte mit der Scala vereinbarte, die in genau denselben Zeitraum gefallen wären. Ja, richtig: wären. Denn Netrebko musste dann leider auch Mailand - krankheitsbedingt! - einen Korb geben. Das ist doch der Stoff für eine große Oper! Für das Dramma giocoso mit dem dazu passenden Titel Mamma mia wird hiermit kein Urheberrecht beansprucht.


Don Giovanni - Staatsoper Berlin
Dorothea Röschmann (Donna Elvira), Erwin Schrott (Leporello)
Foto: Monika Rittershaus

Aber zurück zu Don Giovanni und der Begründung, warum man eigentlich froh sein sollte, dass es so gekommen ist. Im Dezember war während der Übertragung aus Mailand nämlich eine Anna Netrebko zu hören, die stimmlich längst über die Donna Anna hinaus ist. Und um es vorsichtig auszudrücken: Robert Carsen hat auch schon mal spannendere Geschichten erzählt. Claus Guth sucht in seiner Inszenierung nach logischen Ansätzen und schickt Don Giovanni in den Wald. Dort treffen wir ferner auf eine Ehefrau (Donna Elvira), die die Balzspiele ihres Gatten endgültig satt hat und auf gepackten Koffern sitzt, auf einen Softie (Don Ottavio), dem die Freundin (Donna Anna) davonrennt, weil er noch nicht mal in der Lage ist, nach einer Autopanne Kühlwasser nachzufüllen, auf eine ausgelassen feiernde Hochzeitsgesellschaft, auf eine hochmotiviert musizierende Staatskapelle, und auf einen Generalmusikdirektor, der hier voller Inbrunst ein wahres Klangfeuerwerk abbrennen lässt. Zuletzt gesellt sich noch der Tod hinzu. Er kommt auf leisen Sohlen und durch einen Bauchschuss daher. Ohne zur Hölle zu fahren, fällt Don Giovanni in sein Grab und hinterlässt uns die Erkenntnis, dass das Leben mit einem Mann einfach nicht funktioniert. Aber so ganz ohne ist eben auch doof…


Don Giovanni - Staatsoper Berlin
Maria Bengtsson (Donna Anna), Christopher Maltman (Don Giovanni)
Foto: Monika Rittershaus

Was hält dieser Abend für gnadenlos witzige Momente bereit. Nur zwei kleine Beispiele: Donna Elvira liegt zu Beginn des 2. Aktes im Bushäusel und darf mit ihren Füssen in Leporellos Gesicht herumbohren. Dorothea Röschmann ist als gackernde, völlig überdrehte Ulknudel auf den Punkt besetzt. Man sieht Röschmann förmlich bei den Proben und wie es ihr schwer fällt, ernst zu bleiben. Dass bei Guth Leporello am Tourette-Syndrom leidet, ist kein Gag um des Gags willen, sondern ein aus der Musik abgeleiteter Geistesblitz. Wahrscheinlich wird man nie wieder die Registerarie hören können, ohne an die Tics von Erwin Schrott denken zu müssen. Überhaupt: Erwin Schrott! Ja, er sieht schon gut aus, wie er da im Unterhemd über die Baumstümpfe trollt. Aber er kann mehr als das. Wie Schrott jede noch so klitzekleine Phrase nutzt, um damit zu spielen, sie in Form und Farbe zu bringen, wie er sich diese Rolle aneignet, nein, vielmehr einverleibt, ist schlichtweg atemberaubend. Gegen ihn müssen sich Christopher Maltman, Stefan Kocan und Giuseppe Filianoti wohl oder übel geschlagen geben. Als weitere Überraschung entpuppt sich die Einspringerin: Eine so leuchtend lyrische Donna Anna hat man schon lange nicht mehr gehört. Apropos schon lange nicht mehr: Liebe Staatsoper, wie oft hattest du in letzter Zeit Pech mit den Inszenierungen dieses Werkes. Aber lässt du diesen Don Giovanni freiwillig wieder nach Salzburg ziehen, verschenkst du damit einen sicheren Publikumsknüller.



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