8. Juli 2012
Staatsoper im Schiller-Theater

Längen, gefährliche Längen

Von der Salzach an die Spree: Wolfgang Rihms Opernphantasie Dionysos

Programm

Wolfgang Rihm
Dionysos

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher
Inszenierung: Pierre Audi
Bühnenbild: Jonathan Meese
Kostüme: Jorge Jara
Licht: Jean Kalman
Video: Martin Eidenberger
Dramaturgie: Klaus Bertisch
Chöre: Frank Flade

1. hoher Sopran / Ariadne: Mojca Erdmann
2. hoher Sopran: Elin Rombo
Mezzosopran: Virpi Räisänen
Alt: Julia Faylenbogen
N.: Georg Nigl
Ein Gast / Apollon: Matthias Klink
Die Haut: Uli Kirsch

Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor

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Längen, gefährliche Längen

Von der Salzach an die Spree: Wolfgang Rihms Opernphantasie Dionysos

Von Heiko Schon / Fotos: Ruth Walz


Dionysos - Staatsoper Berlin
Mojca Erdmann (1. hoher Sopran, Ariadne), Georg Nigl (N.)
Foto: Ruth Walz

Das Lustigste an diesem Abend ist für mich das Vorprogramm. Der Staatsopernintendant lädt zu seiner neuesten Ausgabe von Jürgens Flying Circus. Inhaltlich geht es eigentlich nur darum, das Publikum über die kränkelnden Stimmbänder von Georg Nigl in Kenntnis zu setzen. Aber wie Jürgen Flimm das macht, mit welch spitzbübischem Charme er eine schlechte Nachricht verpacken und servieren kann, das hat wahrlich große Entertainerqualitäten. Mit den Worten, dass unsere Vorfreude völlig berechtigt sei, geht Flimm - leider viel zu früh - zur linken Seitenbühne ab. Die Vorfreude, von der Flimm da redet, geht nicht zuletzt auf die 13 Kritikerkollegen zurück, die Wolfgang Rihms Dionysos zur "Uraufführung des Jahres 2011" kürten. 50 Kritiker wurden befragt. Davon gaben 6 gar keine Antwort, 31 entschieden sich somit für andere Werke. An der Stelle sei ganz kurz nebenbei bemerkt: Hätte man mich gefragt, wäre meine Stimme vermutlich als "ungültig" eingestuft worden.


Dionysos - Staatsoper Berlin
Georg Nigl (N.), Staatsopernchor
Foto: Ruth Walz

Aber nun Spaß beiseite und hübsch der Reihe nach: So richtig hat der Begeisterungsfunke nicht gezündet, was auch an meinen zu hohen Erwartungen liegen mag. Mit seinen letzten Bühnenstücken (2006: Das Gehege, 2009: Proserpina) hatte Rihm die Messlatte gewaltig hoch gelegt. Das Problem ist nicht in den Noten zu suchen. Ingo Metzmacher macht nicht nur einen hervorragenden Job, sondern der Berliner Staatskapelle - pardon - auch Feuer unterm Arsch. Da bekriegen sich die Streicher in der 3. Szene, bis der Walzer in seine Bestandteile zerfällt, fungiert das Schlagwerk als rasender Puls der Partitur, macht das Blech mit Ironie auf sich aufmerksam. Die Anspielungen auf die beiden Richards, auf Strauss und Wagner, auf Ariadne und Ring, sind natürlich ein gefundenes Fressen für das Inszenierungsteam. Das Ergebnis enttäuscht dennoch. Die Regie von Pierre Audi entpuppt sich als lahme Ente, die Kostüme von Jorge Jara bewegen sich irgendwo zwischen C&A (apollinisch) und Sex-Shop (dionysisch). Selbst Jonathan Meese kann da mit seiner überraschend konventionellen Bühne nichts mehr rausreißen.


Dionysos - Staatsoper Berlin
Ensemble
Foto: Ruth Walz

Gesanglich, nun ja, ist es auch nicht zum Besten bestellt. Mojca Erdmann, die erneut das distanzierte Lulu-Püppchen gibt, meistert zwar die stratosphärischen Höhen ihrer Partie, doch klingt ihr Sopran dabei immer ein wenig piepsig. Genau umgekehrt verhält es sich bei Matthias Klink. Sein Tenor hat zwar Gehalt, doch stößt er oberhalb der Mittellage mehrmals an die Grenze. Was er sich dann mit Kraft erkauft, klingt nicht wirklich schön. Mag Georg Nigl auch ein meisterlicher Artist der Artikulation sein: Die von Flimm angesagte Indisposition ist an diesem Abend unüberhörbar. Was mich jedoch in allertiefste Ratlosigkeit stürzt, ist das Libretto. Dazu ein Zitat von Wolfgang Rihm: "Jedes Wort, das gesungen wird, stammt von Nietzsche. Aber der Text ist von mir." Damit meint Rihm die Verse aus Nietzsches Gedichtzyklus Dionysos-Dithyramben. Doch wie ist das ständige Pingpong zwischen den Figuren zu verstehen, wodurch das Traumspiel immer wieder ins Stocken gerät? Wozu all das Trallala und Hopsasa? Vielleicht macht man sich einfach zu viele Gedanken. Es ist eben eine "Opernphantasie" und keine Oper. Und außerdem: Wer kann schon von sich behaupten, Nietzsche zu verstehen?



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