24. August 2012
Philharmonie Berlin

Apolls Leben

Die Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker

Programm

Johannes Brahms
Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83
Witold Lutoslawski
Symphonie Nr. 3

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Yefim Bronfman - Klavier

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Apolls Leben

Die Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker

Von Leyla Jasper / Foto: www.yefimbronfman.com

Im 2. Klavierkonzert von Brahms geht es um das Leben Apolls. Das zumindest behauptete Swjatoslaw Richter in dem Buch Richtung Richter von Yuri Borisov. Dabei betonte der Pianist, dass er sich eigentlich recht selten ein Programm zu musikalischen Werken ausdenke: Nicht jede Musik verleite ihn dazu. Doch für dieses gewaltige Klavierkonzert B-Dur brauchte Richter ein Sujet. "Das erste Thema des Horns und die erste Kadenz des Klaviers - das ist die Geburt Apolls. Er kommt gleich als Erwachsener zur Welt", sagte Swjatoslaw Richter, und erzählte nach und nach den imaginären Inhalt aller vier Sätze des Konzertes.

Hätte der Hornist der Berliner Philharmoniker gewusst, dass er nach der Auffassung Richters die Geburt des griechischen Gottes einleitete, dann hätte er sein Solo vielleicht majestätischer, rhythmisch prägnanter vorgetragen. Etwas wackelig und schüchtern erschien sein Apoll - sowohl am Anfang als auch später, im Moll. Der Pianist Yefim Bronfman hingegen ging gleich richtig zur Sache. Schon die erste Reihe von Akkorden war von einem pulsierenden Rhythmus durchdrungen. Immer weiter trieb er die Klangmaterie - von Anfang bis Ende. Yefim Bronfman hörte ich schon mit Klavierkonzerten von Liszt, von Tschaikowski, und diesmal von Brahms. Jedes Mal, wenn die letzten Töne abgeklungen waren, wunderte ich mich: Schon zu Ende?! Nie kam Langweile auf und die Zeit verging wie im Fluge. Das liegt daran, dass Bronfman am Klavier nicht nur als Pianist, sondern eigentlich auch als Dirigent agiert. Er trägt seinen Solopart frisch und vital vor und inspiriert und animiert damit seine Mitspielenden. Im Konzert gab es mehrere Momente glücklicher Verschmelzung des Solisten und des Orchesters.


Yefim Bronfman
Foto: www.yefimbronfman.com

Der ungeheure kompositorische Einfallsreichtum war es wohl, der Richter dazu bewegte, das 2. Klavierkonzert von Brahms als Lebensgeschichte Apolls darzustellen. Bei Bronfman war es - abgesehen von pulsierendem Rhythmus - die sehr abwechslungsreiche Klangpalette, die die ganze Komposition zusammenhielt. Alle Abstufungen zwischen dem donnernden Fortissimo und dem zartesten Pianissimo wurden auf dem Flügel erzeugt, der bald orchestral, bald menschlich klang. Die Fähigkeit Bronfmans, eine bestimmte Klangfarbe innerhalb eines musikalischen Abschnittes aufzubewahren, ist wirklich bewunderungswert. Die Balance zwischen der Vertikale und der Horizontale wurde jedoch niemals gestört. Mit Bedacht wählte Bronfman die Klangnuancen, baute kunstvoll jede Phrase auf - und doch erstarrte sie nicht, sondern lebte und pulsierte. Und was man nicht denken würde: Charakterlich ganz besonders gelungen war der 4. Satz, wo Bronfman, der mit seinem Bauch ein wenig wie Brahms selber am Klavier aussieht, erstaunlich grazil und anmutig seinen Part wiedergab. Danach gab es mehrere begeisterte "Bravo!"-Rufe, tosenden Applaus, und der Pianist musste mehrere Male auf die Bühne zurückkehren. "Ich mag Bronfman", schwärmte ein Herr im Publikum seinem Nachbar gegenüber, "er ist überhaupt nicht eitel!"

Mit rührender Hingabe dirigierte Simon Rattle nach der Pause die 3. Symphonie von Lutoslawski. Die Musiker des Orchesters waren von der Musik (vom Dirigenten?) mitgerissen und spielten sehr engagiert. Die ungewöhnlichen Effekte - wie etwa die plötzlichen Akzente, die immer wieder kamen - brachten das Publikum zum Lachen. Doch wie sehr das Ohr über die modernen Klänge staunte, blieb die emotionale Aussage dem Herzen meistens verschlossen - zumindest bei der ersten Begegnung mit dem unbekannten Werk.



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