21./24. Juni 2012
Philharmonie Berlin / Waldbühne

Ganz aus dem Wetterhäuschen

Die Berliner Philharmoniker spielen Tschaikowsky im Tiefdruckgebiet

Programm

Gustav Mahler
Zwölf Lieder aus Des Knaben Wunderhorn
Peter Tschaikowsky
Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64
Sérénade mélancolique b-Moll op. 26
Valse-Scherzo C-Dur op. 34
Souvenir d'un lieu cher op. 42
Ouvertüre solonnelle "1812" Es-Dur op. 49

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons - Dirigent
Matthias Goerne - Bariton
Daishin Kashimoto - Violine

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Ganz aus dem Wetterhäuschen

Die Berliner Philharmoniker spielen Tschaikowsky im Tiefdruckgebiet

Von Heiko Schon / Foto: Marco Borggreve


Andris Nelsons
Foto: Marco Borggreve

Ganz ehrlich: Wie das Wetter war, will doch keiner wissen. Aber sitzen Sie mal drei Stunden im Dauerregen und schreiben am nächsten Tag mit Kratzehals und Rotznase einen Artikel, ohne das Thema auch nur zu streifen. Okay, meckern wir nicht über den Regen, meckern wir lieber über die Regenschirme. Denn mal abgesehen davon, dass dich der Nachbar mit zusätzlichem Niederschlag versorgt und dir der Vordermann die Sicht nimmt: Die Dinger machen Krach! Erst wird das Tropfen zum Prasseln, dann das Prasseln zum Rauschen - und das hört sich dann so an, als hätten die Berliner Philharmoniker einen Sound wie die allerschlimmste Mono-Schallplatte. Schön klingt jedenfalls anders. Von der Virtuosität Daishin Kashimotos ist nicht viel zu vernehmen, besser gerät das Klotzige, Pompöse, sprich, die Festouvertüre 1812, welche mit Glockengebimmel, Kanonenschüssen und Pyrotechnik zugleich das Konzertfinale markiert. Zwar kommt noch die Berliner Luft, na klar, aber darüber hinaus gibt's keinerlei Zugaben. Nicht mal ein Divertissement aus Schwanensee. Dabei hätte das gepasst wie die feuchte Faust aufs Auge

Schon drei Tage zuvor spielen die Philharmoniker in ihrem Stammhaus den ersten Teil des Waldbühnenprogramms, Tschaikowskys 5., kombiniert mit Mahlers Wunderhorn-Liedern, welche Matthias Goerne mit rauer, vibratolastiger Stimme vorträgt. Seji Ozawa musste krankheitsbedingt absagen und so hieß es: Andris Nelsons, übernehmen Sie! Der lettische Maestro schaut nun schon das dritte Mal innerhalb eines Jahres bei den Berlinern vorbei und ist damit 1. Gastdirigent der ausklingenden Saison. Und es ist wie immer ein Hochgenuss, wenn Nelsons am Pult steht. Die Tränendrüse scheint ihm völlig zuwider, stattdessen drückt Nelsons lieber das Gaspedal und serviert eine pulsierende, inspirierende, vor Spannung fast berstende Sinfonie. So blendend und tragisch, gegenwärtig und empfindsam zugleich kann also Tschaikowsky klingen.



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