11. Mai 2012
Philharmonie Berlin

Eusebius, Florestan und Meister Raro zugleich

Die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado

Programm

Robert Schumann
Ouvertüre zur Oper Genoveva op. 81
Alban Berg
Fünf Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg op. 4
Violinkonzert "Dem Andenken eines Engels"
Robert Schumann
Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Claudio Abbado - Dirigent
Anne Sofie von Otter - Mezzosopran
Isabelle Faust - Violine

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Eusebius, Florestan und Meister Raro zugleich

Die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado

Von Leyla Jasper

"Hut ab, ihr Herrn, ein Meister!", rief Eusebius begeistert nach dem Konzert aus. "Angeblich gibt es viele gute Dirigenten. Aber erst wenn man einem wahren Meister begegnet, begreift man, wozu ein Orchester überhaupt imstande ist. Kein sinnloses Gedonner, zur Abwechslung von einem unsinnigen Geflüster untermischt. Schönheit der Schönheit halber - das ist Abbados Sache nicht. Bei ihm kommt alles auf den Inhalt an." Ein warmes Lächeln erhellte das blasse Gesicht von Eusebius. "Gleich zum Beginn der Ouvertüre zur Genoveva spielten die Geiger so ausdrucksvoll, dass ich die Seufzer einer leidenden Seele zu hören glaubte", setzte er schwärmerisch fort. "Und wie die Harmonien im Orchester wechselten! Jede Modulation wie eine Offenbarung … die Musik entstand nicht im Orchester - sie brach aus dem Herzen des Komponisten heraus!"

Eusebius, Florestan und Meister Raro sind die fiktiven Figuren, denen sich Robert Schumann in seinen musikkritischen Werken bediente, um verschiedene Meinungen darzulegen.

"Und doch ist alles auch eine Frage der Technik", erwiderte Florestan und schmunzelte. "Was du, lieber Eusebius, als Herzenssprache bezeichnest, ist ja auch eine Frage des Könnens. Hast du denn nicht gemerkt, wie sorgfältig jede Phrase durchdacht wurde? Ich habe mir vorgenommen, während des Konzerts die Absichten des Dirigenten genau zu beobachten. Folgendes ist mir aufgefallen: Abbado liebt es, einen einzigen Ton in jeder Phrase zu betonen. Die übrigen streben entweder zu ihm - oder rollen von ihm ab. Ganz gleich einer Meereswelle! Daher kommt der lebendige Atem, der jede Phrase erfüllt."

"Das mag vielleicht für unseren Schumann gelten", gab Eusebius ungerne zu. "Doch was sagst du zu Bergs Kompositionen? Ich hatte den Eindruck, dass sie von einem anderen Dirigenten, von einem anderen Orchester vorgetragen wurden. Bei Schumann war tatsächlich alles wie von einem Choreografen inszeniert: Durch alle Stimmungen durchwandert, landeten wir doch immer wieder auf der Erde. Bergs Werken wurde jedoch die irdische Schwerkraft gänzlich entzogen. ‚Über die Grenzen des All' - mit diesen Worten fing das dritte von den fünf Altenbergischen Liedern an. Passt das nicht zu all den hier gespielten Werken Bergs? Alles befand sich im wunderbar schwebenden Zustand."

"Auch hier bin ich mit dir nicht ganz einverstanden, lieber Eusebius", widersprach Florestan. "Sicherlich klangen Bergs Werke unter Claudio Abbados Händen zauberhaft entrückt, und die Sängerin Anne Sofie von Otter machte schön mit. Doch die Geigerin Isabelle Faust wirkte im Violinkonzert durchaus irdisch. Sie spielte ihren Part glänzend, virtuos, ergreifend und rhythmisch betont. Doch trägt das Konzert nicht den Untertitel ‚Dem Andenken eines Engels'? Manchmal sah ich aber kein Engelchen, sondern ein Teufelchen auf der Bühne tänzeln!"

"Jünglinge, ihr irrt beide!" mischte sich Meister Raro in das Gespräch ein. "Wie oft muss ich denn euch daran erinnern? Natur, Natur, Natur! Dies gilt sowohl für die Musik als auch für die Solisten. Und das könntet ihr bei solch einem Dirigenten wie Claudio Abbado am vortrefflichsten lernen!"



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