21. April 2012
Philharmonie Berlin

Nie wieder Salzburger Nockerln!

Die Berliner sagen dem Salzburger Festspielzirkus zum Abschied leise Servus - mit Bizets Carmen

Programm

Georges Bizet
Carmen

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Chor und Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden
Simon Rattle - Dirigent
Chöre: Eberhard Friedrich
Kinderchöre: Vinzenz Weissenburger

Carmen: Magdalena Kožená
Don José: Jonas Kaufmann
Escamillo: Kostas Smoriginas
Micaëla: Genia Kühmeier
Zuniga: Christian van Horn
Moralès: Andrè Schuen
Frasquita: Christina Landshamer
Mercédès: Rachel Frenkel
Dancairo: Simone del Savio
Remendado: Jean-Paul Fouchécourt

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Nie wieder Salzburger Nockerln!

Die Berliner sagen dem Salzburger Festspielzirkus zum Abschied leise Servus - mit Bizets Carmen

Von Heiko Schon / Foto: Johannes Ifkovits

47 Jahre sind ja auch genug. Kunst kommt eben nicht nur von Können, sondern a bissl auch vom Wollen. Und Simon Rattle wollte nicht mehr, was man bei zwei Millionen Euro, die wohl irgendwie vom Salzburger Festspiel-Schreibtisch in ein privates Säckchen gefallen sind, auch verstehen kann. Und dann der ganze Aufwand! Eine Oper, aber nur zwei Aufführungen. In Baden-Baden werden es doppelt so viele Vorstellungen sein. Salzburg tröstet sich mit Christian Thielemann und der Dresdner Staatskapelle. Und dem Berliner ist es sowieso wurscht: Hauptsache, es bleibt bei den konzertanten Wiederholungen in der Philharmonie.

Obwohl. Egal ob Der Ring des Nibelungen oder die Salome vom letzten Jahr: Wenn die Berliner Philharmoniker Oper spielen, hört man eben doch, dass dieser Klangkörper kein Opernorchester ist. Da beweist man bei der Auswahl der Sänger nicht immer ein glückliches Händchen, ist der Sound so rund und geschmeidig, dass es sich der Zuhörer darin auch schön gemütlich machen kann - wie in einem warmen Nest. Das ist nun auch bei Carmen der Fall, mit einem jedoch verblüffenden Ergebnis. Wenn die Philharmoniker also nicht so spielen wie ein deutsches Opernorchester, dann profitiert Bizet davon ganz eindeutig. Nehmen wir die Carmen, die als letzte in Berlin wirklich für Furore sorgte, nämlich die an der Staatsoper: Im Graben glühten die Streicher, das Blech scharrte mit der Hufe, Daniel Barenboim war der Torero - und wir saßen in den Rängen und schmorten im eigenen Saft. Dass diese flirrende Hitze eine herbeidirigierte und somit eingebildete war, machte das Ganze nicht weniger erträglich. Was für ein großer Abend! Aber dennoch deutsch. Also so, wie sich die Preußen den Urlaub in Spanien eben vorstellen. Mit Operá comique hatte das demzufolge nur bedingt zu tun. Und genau in diese Kerbe schlägt nun Simon Rattle, der hier ein so federleicht beschwingtes Klangbild einstudiert hat, dass man erst jetzt wirklich begreift, warum Carmen als Vertreterin dieser Gattung bezeichnet wird. Die Dynamik ist stimmig, die Tempi sind flott - und natürlich darf zwischen eleganten Linien und zarten Gewirken gern mal das Becken so richtig dazwischenfunken. Überhaupt ist das Schlagwerk bestens bei Laune. Ein paar Ausrutscher gibt's im Blech, ist aber unwichtig.


Genia Kühmeier
Foto: Johannes Ifkovits

Nicht unwichtig ist aber die Besetzung der Titelpartie. Man kann Magdalena Kožená ja verstehen: Es ist der Traum einer jeden Mezzosopranistin, irgendwann einmal als Carmen auf dem Podium zu stehen. Doch mal mangelt es stimmlich an Höhe (Habanera), mal an Tiefe (finales Duett), fast immer an Volumen. Und ihr Timbre passt leider auch nicht zu diesem Charakter. Da helfen weder Verzierungen oder gesangliche Kinkerlitzchen noch errötete Locken oder klappernde Kastagnetten: Kožená ist keine Carmen. Jonas Kaufmann zieht sich überwiegend mit perfekt kaschierter Routine aus der Affäre. Hier wird ganz klar auf hohem Niveau gemeckert, aber man weiß einfach, dass dieser Tenor sonst mehr drauf hat. Aber Genia Kühmeier! Man las die überschwänglichen Kritiken aus Salzburg und schob dies auf einen Heimvorteil, weil Kühmeier gebürtige Salzburgerin ist. Völliger Quatsch! Kühmeier singt die Micaëla mit so glockenklarem Sopran, so höhenstrahlend und strahlend schön zugleich, dass einem diese Rolle (die ich persönlich immer für entbehrlich hielt) tief unter die Haut geht. Schmettert der Staatsopernchor auch gewohnt glanzvoll: Das abschließende Lob gebührt diesem herrlich intonierenden Kinderchor!



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