31. Januar 2012
Philharmonie Berlin

Herzlich tönend / betont herzlich

Die Berliner Philharmoniker unter Andris Nelsons und ein Konzertmeister auf Solistenpfad

Programm

Johannes Brahms
Violinkonzert D-Dur op. 77
Richard Strauss
Ein Heldenleben

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons - Dirigent
Guy Braunstein - Violine

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Herzlich tönend / betont herzlich

Die Berliner Philharmoniker unter Andris Nelsons und ein Konzertmeister auf Solistenpfad

Von Heiko Schon / Foto: Marco Borggreve


Andris Nelsons
Foto: Marco Borggreve

Heute Abend haben sich alle furchtbar lieb. Bögen pochen enthusiastisch auf die Notenpulte, obwohl Guy Braunstein noch nicht einen Ton abgegeben hat, die Trompeter strahlen Andris Nelsons an, der wiederum strahlt sowieso immer - kurzum: Eine Stimmung wie beim Heimspiel, es herrscht Harmonie in der Philharmonie. Nelsons darf nach vier Monaten schon wieder vor die Berliner Philharmoniker treten, wieder liegt breit orchestrierter Strauss auf dem Pult. Das hat nicht nur damit zu tun, dass Nelsons ein enormes Gespür für diese Musik hat (nachzuhören auf den Einspielungen mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra), sondern ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Philharmoniker die Talente dieses Mannes zu schätzen wissen - und ihn schlicht und einfach mögen. Das ist unübersehbar. Es ist sowieso völlig ausgeschlossen, dass jemand Nelsons nicht mag. Diese diebische Freude, wenn eine Figur so gelingt, wie sie wohl in seinem Kopf geklungen hat, diese Lebendigkeit beim Dirigieren, womit er stets die Spannung halten kann. Und dann dieser unautoritäre Stil, sein Umgang auf Augenhöhe: immer mal ein kleines Lob, ein anerkennendes Nicken. Logisch, dass da der Funke überspringt. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Beruf und Berufung eben zweierlei sind.

Spätestens seit Siegfried wissen alle, dass das Leben eines Helden ja nicht immer nur schön ist. Deshalb spielen die Philharmoniker unter Nelsons das Heldenleben eben mitunter auch grob, lärmend laut, ausdrucksstark. Die Fanfarenstöße (Des Helden Walstatt) sind so massiv, dass man jeden Moment damit rechnet, dass Elektra die Tür aufreißt, um mal nach dem Rechten zu sehen. Während Daishin Kashimoto viel Gefühl für die Zartheit der Gefährtin beweist, zeigt das Englischhorn im letzten Teil, dass es zu Scherzen aufgelegt ist. Zuvor kann Solist Guy Braunstein - eigentlich 1. Konzertmeister der Berliner Philharmoniker - bei Brahms zeigen, was er auf dem Kasten hat. Gekonnt tänzelt Braunstein vor allem durch den 3. Satz des Violinkonzertes: ein Virtuose, der mit dem ganzen Körper musiziert - die schnittige Solo-Kadenz von Joseph Joachim hat daran großen Anteil. Bevor es in die Pause geht, erhält eine Dame in der ersten Reihe Braunsteins Blumen, ein Ständchen für alle gibt's als Zugabe dazu - und himmelwärts jauchzt das Herz.

Das Kulturradio vom RBB strahlt den Konzertmitschnitt am 11. Februar 2012 um 20.04 Uhr aus.



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