19. Januar 2012
Philharmonie Berlin

Leichtfüßige Muse aus Ossetien

Die Berliner Philharmoniker unter Tugan Sokhiev

Programm

Albert Roussel
Bacchus et Ariane, Suite Nr. 2
Franz Liszt
Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur
Luciano Berio
Sequenza VI für Viola
Sergej Rachmaninow
Symphonische Tänze op. 45

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Tugan Sokhiev - Dirigent
Amihai Grosz - Viola
Boris Berezovsky - Klavier

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Leichtfüßige Muse aus Ossetien

Die Berliner Philharmoniker unter Tugan Sokhiev

Von Leyla Jasper / Fotos: Sébastien Grebille (Sokhiev), J. Rakete (Grosz)


Tugan Sokhiev
Foto: Sébastien Grebille

Abgesehen von der Professionalität: Den persönlichen Charme eines Künstlers kann man nicht hoch genug preisen. Nach einem Auftritt von Tugan Sokhiev in Paris sprach Le Monde von "sokhievmania". Auch in Berlin bildet sich allmählich eine Fan-Gemeinschaft des jungen Dirigenten. "Alain Delon!", hörte ich jemanden begeistert aus dem Publikum rufen, als der Dirigent die Bühne betrat. Man hält ihn inzwischen für einen Franzosen. Er wird sogar mit dem Hübschesten verglichen. Immerhin kommt der junge Ossete zu uns in die deutsche Hauptstadt aus Frankreich, wo er seit 2008 Musikdirektor des Orchestre du Capitole de Toulouse ist. Mit Beginn der Saison 2012/2013 wird Tugan Sokhiev das DSO in Berlin leiten.

Zum Glück benimmt sich der Dirigent keineswegs wie ein Star. Rasch besteigt er die Bühne, verbeugt sich fast schüchtern vor dem Publikum und wendet sich so schnell wie möglich dem Orchester zu. Am Dirigentenpult ist Sokhiev weder ein Diktator noch ein Star. "Ich bin einer von euch, den Musikern. Wir sind ein Team, und wir machen jetzt gemeinsam Musik", lautet seine Botschaft. Als Dirigent ist Sokhiev stets bemüht, einen transparenten und nicht zu überladenen Klang des Orchesterkörpers zu erzielen. Das Fortissimo wird meistens bis zum krönenden Schluss aufgespart. Hier sieht man oft die Füße des Dirigenten in der Luft. Er löst sich gerne vom Boden und springt, wenn das Orchester laut spielen soll. Der junge Dirigent achtet sehr auf die Form der Komposition. Durch Zäsuren und Rhythmuswechsel bildet er klar umrissene Strukturen. Zum Beispiel ist eine Reprise immer sehr deutlich zu erkennen.

Im Konzert hörten wir den Pianisten Boris Berezovsky als Solisten. Auch er hat seine Fans in der Hauptstadt. Sie verpassen keinen einzigen Auftritt des Pianisten in Berlin und bereuen es, dass er viel zu selten hier bei uns zu hören ist. Mit entzückender Nonchalance trug Berezovsky Liszts Klavierkonzert Nr. 1 vor. Aber man konnte das Gefühl nicht loswerden, dass er, der Gewinner des Tschaikowsky-Wettbewerbes 1990, sich auf seinen Lorbeeren ausruht. Recht behaglich saß er am Flügel und "servierte" uns die musikalischen Köstlichkeiten von Liszt. Ich glaube, ein Koch macht es mit gleichem emotionalem Einsatz. Doch das Publikum schien es zu mögen. Auf sein Verlangen musste der Pianist noch eine Zugabe spielen (den Schwan von Saint-Saëns-Godowsky). Auch hier wirkte alles statisch, nur auf Klangfarbe gezielt.


Amihai Grosz
Foto: J. Rakete / www.berliner-philharmoniker.de

Ganz anders war die Haltung des anderen Solisten des Abends - des Bratschisten Amihai Grosz. Er spielte die Sequenza VI von Luciano Berio. Davor versetzte man den ganzen Saal in Dunkelheit. Nur ein Lichtfleck wurde geschaffen auf der Bühne, und darin erschien der einsame Bratschist. Er spielte sein Instrument hingebungsvoll, jedoch ohne Übertreibungen. Nach dem Abklingen des letzten Tones wurde es wieder hell im Saal. Das Ganze war sehr effektvoll. Der Auftritt des Bratschisten wurde zum emotionalen Mittelpunkt des Abends.



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