18. Dezember 2012
Philharmonie Berlin

Der Dichter

Klavierabend des polnischen Pianisten Anderszewski in der Philharmonie

Programm

Johann Sebastian Bach
Englische Suite Nr. 3 g-Moll BWV 808
Französische Suite Nr. 5 G-Dur BWV 816
Italienisches Konzert F-Dur BWV 971
Englische Suite Nr. 6 d-Moll BWV 811

Mitwirkende

Piotr Anderszewski - Klavier

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Der Dichter

Klavierabend des polnischen Pianisten Anderszewski in der Philharmonie

Von Leyla Jasper

Frédéric Chopin liebte Bach. Der beste Beweis dafür sind seine 24 Préludes Op. 28, zu deren Komposition ihn das Bachsche Wohltemperierte Klavier inspiriert hatte. Er spielte auch gerne die Werke des deutschen Komponisten. Da es damals noch keine Tonaufnahmen gab, können wir nur darüber rätseln, wie es geklungen haben mag. Doch beim Konzert mit Anderszewski konnte ich das Gefühl nicht loswerden: Da sitzt der wiedergeborene Chopin am Klavier. Und er spielt den ganzen Abend nichts als Bach!

Warm - wärmer - am wärmsten! Kann man denn Bach noch wärmer spielen, als Piotr Anderszewski es tat? Bestimmt nicht! Sicher wird keiner der Konzertbesucher den Abend mit diesem wirklich großen Künstler je vergessen. Kaum auf der Bühne, setzte er sich an den Flügel und fing an zu spielen. Daraus wurde keine Show, sondern ein Gebet an die Musik. Das öffentlich zu machen, ist nicht einfach. Es entstand der Eindruck, der Pianist strebe gar nicht danach, den Kontakt zum Publikum herzustellen. Viel mehr wollte er sich innerlich abschirmen von den Blicken der neugierigen Zuschauer. Nichts sollte zwischen ihm und Bach stehen!

"Die Poesie macht den eigentlichen Sinn der Musik," meinte Heinrich Neuhaus. Anderszewski hat den Zuhörer an das Innerste des Innersten der Musik herangeführt. Das Ziel bestimmte auch die nötigen Mittel dazu. Die Klangpalette des Pianisten war sehr reich, die Phrasierung sehr plastisch. Er verwendete viele Verzierungen, die zum Teil ganz neu erklangen, jedoch immer einen organischen Teil des Textes bildeten. Auch arpeggierte der Pianist gerne manche Akkorde - als ob er immer präludieren wollte. Bach sollte nach der Auffassung des Interpreten nicht streng, sondern möglichst natürlich und poetisch klingen. Aber eigentlich war alles durch und durch durchdacht. Jedes vorgetragene Werk hatte eine Grundstimmung, die die einzelnen Teile zusammenhielt. Drehte sich alles in der Englischen Suite Nr. 3 in himmlischem Bereich, so war die Französische Suite Nr. 5 von irdischen Freuden erfüllt. Wie lieblich klang hier der Flügel! Die Englische Suite Nr. 6 mit ihrer düsteren Tonart d-Moll wiederum beschwor (vor allem in der abschließenden Gigue) eine beinahe apokalyptische Stimmung herauf. Innerhalb jeder Suite unterschieden sich jedoch die Tänze charakterlich und klanglich stark voneinander. Sogar Wiederholungen erschienen jedes Mal neu (z.B. spielte er statt des ursprünglichen forte manchmal piano). Auf diese Weise erklang das einmal Gehörte wie aus einer anderen Perspektive oder bei einer anderen Beleuchtung.

Etwas abseits des übrigen Programms stand das Italienische Konzert F-Dur. Hier bot Anderszewski seine eigene Version des wohl bekanntesten Klavierwerkes von Bach. Das Tempo des ersten Satzes war etwas langsamer als üblich - dafür aber mit neuen Akzenten versehrt. Sehr unbequem ist von Bach der zweite Satz geschrieben, da die Stimmen der linken Hand recht weit auseinanderliegen. Auch hier bewies Anderszewski, dass er ein Klangmagier ist. Für ihn gab es keine technischen Schwierigkeiten, um die Melancholie des langsamen Satzes voll zur Geltung zu bringen.

Als Zugabe spielte Anderszewski Nr. 3 aus den Waldszenen op. 82 und den 3. Satz aus der Phantasie op. 17 von Robert Schumann. Auch hier stand nichts als Poesie im Vordergrund. Den ganzen Abend hat der polnische Pianist nur Werke deutscher Komponisten gespielt. Ein echtes Weihnachtsgeschenk für die Berliner! "Für Anderszewski würde ich was weiß ich wohin fahren, um ihn hören zu können," sagte eine junge Frau, als sie den Saal nach dem Konzert verließ. Tatsächlich ist die Poesie sogar im klassischen Musikbetrieb recht selten geworden - genauso selten und wertvoll, wie sauberes Wasser oder saubere Luft.



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