30. September 2012
Komische Oper Berlin

Femme banale

Der frühe Tod ist ihr gewiss: American Lulu an der Komischen Oper

Programm

Olga Neuwirth
American Lulu

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke
Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Kirill Serebrennikov
Dramaturgie: Johanna Wall, Sergej Newski
Licht: Diego Leetz
Video: Gonduras Jitomirsky

Lulu: Marisol Montalvo
Eleanor: Della Miles
Clarence: Jacques-Greg Belobo
Dr. Bloom: Claudio Otelli
Jimmy/Young Man: Rolf Romei
Painter: Dmitry Golovnin
Athlete: Philipp Meierhöfer
Professor/Banker: Hans-Peter Scheidegger
Commissioner: Frank Baer
Lulu-Double: Jane-Lynn Steinbrunn

Orchester der Komischen Oper Berlin

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Femme banale

Der frühe Tod ist ihr gewiss: American Lulu an der Komischen Oper

Von Heiko Schon

Manche Sprichwörter gehören endgültig abgeschafft. Etwa der Satz mit den drei guten Dingen. Innerhalb weniger Monate haben drei Schauspielregisseure drei verschiedene Versionen von Lulu an drei Berliner Kulturbuden in den Sand gesetzt. Letztlich kranken alle drei Abende am gleichen Problem: Wer Wedekinds Drama nicht bis ins kleinste Detail kennt, er-kennt das Stück kaum wieder. Passiert ist das Robert Wilson am Berliner Ensemble, Andrea Breth an der Staatsoper - und jetzt auch Kirill Serebrennikov an der Komischen Oper. Doch halt! Wenn das Werk selbst nur noch Flickwerk ist, wie soll es dann verständlich inszeniert werden? Olga Neuwirth hat Alban Bergs Lulu neu konzipiert und interpretiert, und zwar mit dem Rasenmäher. Wozu Berg - je nach Fassung - etwa drei Stunden benötigt, wurde von der Österreicherin auf stramme hundertfünf Minuten zusammengestrichen. Mag sie auch mit schnellen Stöckelschritten an den Start gehen: Schon nach den ersten zwanzig Metern kommt American Lulu ins Stolpern, und die komplexe Geschichte zerfällt in einzelne Stationen. Ist das Leben eine Einkaufsliste? Der Haken dran und weiter? Hier kann und will sich einfach nichts entwickeln. Kein Schicksal, kein Charakter und demzufolge auch kein Interesse. Was Lulu im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch alles widerfährt: Es geht am Allerwertesten vorbei.

Und die Musik? Die klingt als käme sie vom Reißbrett. Die Partitur enthält viele originelle Einfälle. Allerdings können auch Mississippi-Morton-Wonder-Orgel, Jazzelemente und Elektronikspielereien (Leierkasten, Nebelhorn) nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Komponistin zuletzt die Zeit davonlief. Da passt es gut ins Bild, dass der fertige dritte Akt erst bei Probenbeginn vorlag. Zudem hat sich Neuwirth keinen Gefallen damit getan, das Bergsche Fragment zu bearbeiten. Warum keine völlig eigenständige Lulu-Vertonung? Nun muss sie sich den Vergleich mit ihrem Landsmann gefallen lassen - und verliert. Allein schon der Übertitel "Jazzy Blackpower BergWerk" ist alles andere als eine glückliche Wahl. Aus dem schlabberigen Schigolch wurde Clarence, Alwa nennt sich fortan Jimmy (und sieht auch wie ein Jimmy aus), der Maler hat auf Fotograf umgeschult und singt jetzt - wie all die anderen - englisch. So what? Die schönste Stimme gehört zweifellos der Blues-Interpretin Della Miles. Aber die Figur der Eleanor, die Miles verkörpert, ist eine herbe Enttäuschung. In der Ankündigung der KOB war zu lesen, dass die Gräfin Geschwitz (Eleanor) zur wahren Heldin des Werks aufsteigt. Auf der Bühne ist davon herzlich wenig zu merken. Wurden hier etwa Striche vorgenommen, weil man die Rolle ursprünglich mit einer Jazzsängerin besetzen wollte?

Ob bewusst oder unbewusst: Kirill Serebrennikov legt in seiner Inszenierung einen weiteren Makel des Stücks offen. Ja, American Lulu spielt zu einer Zeit, in welcher strikt zwischen weiß und schwarz getrennt wurde. Aber warum eigentlich? Letztlich ist das eine Frage von vielen, die die Regie unbeantwortet lässt. Für Marisol Montalvo in der Titelpartie und das Orchester der Komischen Oper unter Johannes Kalitzke gibt's jeweils einen Pluspunkt. Einer davon wird aber aufgrund der Microports sofort wieder abgezogen. Barrie Kosky kann und sollte das egal sein. Der Mut zum Risiko gehört einfach dazu, wenn man erfolgreich spielen möchte. Aber eventuell besteht ja doch die Möglichkeit, diesen Artikel an das Versandhaus für synthetisches Musiktheater zurückzusenden und gegen ein Solo-Konzert mit Della Miles einzutauschen? Vielleicht im Januar zur Kurt-Weill-Woche? Wäre doch schönů



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