21. April 2011
Staatsoper im Schiller-Theater

Was vom Schicksal übrig blieb

Andrea Breth inszeniert Wozzeck an der Staatsoper

Programm

Alban Berg
Wozzeck

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Regie: Andrea Breth
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme: Silke Willrett, Marc Weeger
Licht: Olaf Freese
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Jens Schroth

Wozzeck: Roman Trekel
Marie: Nadja Michael
Tambourmajor: John Daszak
Andres: Florian Hoffmann
Hauptmann: Graham Clark
Doktor: Pavlo Hunka
Mariens Knabe: Fabian Sturm
Margret: Katharina Kammerloher
Erster Handwerksbursche: Jürgen Linn
Zweiter Handwerksbursche: James Homann
Ein Narr: Heinz Zednik

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor
Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden

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Was vom Schicksal übrig blieb

Andrea Breth inszeniert Wozzeck an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Bernd Uhlig


Wozzeck - Staatsoper
Heinz Zednik (Der Narr), Jürgen Linn (1. Handwerksbursche), Roman Trekel (Wozzeck), Florian Hoffmann (Andres)
Foto: Bernd Uhlig

Der Guckkasten ist ein Phänomen. So viele Jahre hat er nun schon auf dem Buckel, aber der "kleine Schwarze" ist seit seiner Geburt nie wirklich aus der Mode gekommen. Vielleicht liegt das daran, dass er sich sein Geheimnis letztlich immer bewahrt hat. Wir starren zwar hinein und er spricht zu uns, indem er auf uns starren lässt, aber der Guckkasten zieht eine Grenze, trennt strikt zwischen Bühne und Zuschauerraum. Gerade Regisseure, die vom Schauspiel kommen, wissen das zu schätzen. Etwa Michael Thalheimer oder der unvergessene Jürgen Gosch. Und eben auch Andrea Breth, die im Wiener Burgtheater ihre künstlerische Heimat fand und sehr selten auch Oper inszeniert. Breth, Jürgen Flimm und Daniel Barenboim stiessen zuletzt in Salzburg aufeinander. Das war 2007 für Tschaikowskis Eugen Onegin. Nun haben beide Herren Breth nach Berlin locken können - für ein Stück ihrer Wahl. Diese fiel auf ein gewaltiges Musikwerk, welches auf dem dramenfragmentarischen Sujet von Georg Büchner fußt: Alban Bergs Wozzeck.


Wozzeck - Staatsoper
Roman Trekel (Wozzeck), Pavlo Hunka (Doktor)
Foto: Bernd Uhlig

Neu ist hier absolut gar nichts. Martin Zehetgruber zieht dunkle Stöcke zu Wänden zusammen, denen jegliche Privatsphäre fehlt, Silke Willrett und Marc Weeger schwelgen in grünlich-blauem Braungrau oder fescher Eierschale - und dennoch stiert man gebannt, gespannt nach vorn und ist einfach nur perplex, wie hart und konsequent dieser Abend ist, wie er zupackt, an die Nieren geht und kein Erbarmen kennt. Wir starren also wieder in den Guckkasten. Und von dort starrt man auf uns zurück. Etwa der Hauptmann (unverwechselbar und unvergleichlich: Graham Clark), der nicht den Unterschied zwischen Moral und Doppelmoral kennt und Wozzeck Vorschriften macht, wie dieser sein Leben zu führen habe. Die höhere Position als Legitimation zur Demütigung? Oder Mariens Knabe und der Narr, zwischen denen Breth eine zarte Verbindung herstellt. Wir sehen erst einen Jungen (ein Glücksfall: Fabian Sturm), der Dinge mitansehen muss, und später einen alten Narren, der wie ein Struwwelpeter daherkommt, wie ein Kind, das seiner Kindheit beraubt wurde. Wir sehen zu und tun nichts, nicht nur im Theater. Das alles ist dem wahren Leben haarscharf abgeschaut und mit hoher Intelligenz auf die Bühne gebracht worden. Andrea Breth legt eine mustergültige Personenführung vor: Meisterlicher kann eine Regie nicht sein.


Wozzeck - Staatsoper
Nadja Michael (Marie), Fabian Sturm (Knabe), John Daszak (Tambourmajor)
Foto: Bernd Uhlig

Mag Roman Trekel mit dem Wozzeck auch eine ideale Partie für sich gefunden haben, Nadja Michael ist es, die mit der Marie über sich hinauswächst. Denn nimmt man Michaels Sopran so, wie er nunmal ist, muss man eingestehen, dass ihre singschauspielerische Agilität und - jawohl - auch Virtuosität eine Glaubhaftigkeit vermittelt, die einem den Atem raubt. Hier stimmt einfach alles: Gesang (weil eben glaubhaft), Aussehen, Körpersprache.

Daniel Barenboim möchte heute keinen Applaus. Weder nach getaner Arbeit, noch davor. Unterirdisch muss er sich Zutritt zum Graben verschafft haben: Licht aus, Musik an! Unter seiner Stabführung spielt die hoch konzentrierte Berliner Staatskapelle weit mehr als nur in betörend satten Farben. Was hier aus dem Graben dringt, ist werkgerecht und bis in den kleinsten Winkel durchdacht: Klangbilder, die aufwühlen und ängstigen, Schweißausbrüche verursachen und notfalls an die Schmerzgrenze gehen. Mit seiner Wiedergabe will Barenboim hier ein für allemal klarstellen: Atonalität und expressionistischer Ansatz schließen sich einander nicht aus. Hat man das weit aufgerissene Zwischenspiel (Ende III, 4) je beklemmender gehört? Draußen kann man wieder durchatmen, denn es weht ein frischer Wind. Trotzdem bringt man lange Zeit kein Wort heraus.



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