13. März 2011
Deutsche Oper Berlin

Der Goldene Stuss

Graham Vick sieht bei Tristan und Isolde schwarz, Donald Runnicles dirigiert dazu

Programm

Richard Wagner
Tristan und Isolde

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Graham Vick
Bühne und Kostüme: Paul Brown
Lichtdesign: Wolfgang Göbbel
Dramaturgie: Angelika Maidowski
Chöre: William Spaulding

Tristan: Peter Seiffert
König Marke: Kristinn Sigmundsson
Isolde: Petra Maria Schnitzer
Kurwenal: Eike Wilm Schulte
Melot: Jörg Schörner
Brangäne: Jane Irwin
Ein Hirt: Peter Maus
Seemann: Paul Kaufmann
Steuermann: Krzysztof Szumanski

Chor, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Der Goldene Stuss

Graham Vick sieht bei Tristan und Isolde schwarz, Donald Runnicles dirigiert dazu

Von Heiko Schon / Fotos: Matthias Horn im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN


Tristan und Isolde - Deutsche Oper Berlin
Foto: Matthias Horn im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Wie sind Emotionen rational zu erklären? Was geht da ganz genau in uns vor? Oder etwas konkreter gefragt: Was geht heute in uns vor? Regisseur Graham Vick, der schon vor zwanzig Jahren Otello und Desdemona an der Deutschen Oper Berlin höchst fragwürdig analysierte, durfte jetzt am gleichen Hause ein weiteres Liebespaar auf die Couch bitten: Tristan und Isolde. Doch halt! Genau das versucht Vick als riesengroßen Schwindel zu entlarven. Zwischen den beiden gibt es keine Liebe. Es ist lediglich so, dass man gemeinsam die gleichen Chemikalien konsumiert und im Rauschzustand ein Gefühl völlig falsch interpretiert. Um das zu beweisen, riss Vick einige Textstellen Richard Wagners heraus und hat diese zusammen mit Sigmund Freuds Traumdeutung ins Programmheft drucken lassen.


Tristan und Isolde - Deutsche Oper Berlin
Foto: Matthias Horn im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Soweit die Theorie. In der Bühnenpraxis von Doktor Vick stellt sich das wie folgt dar: Da steht schon im ersten Bild ein Sarg an der Rampe, auf dem Klein-Tristan mit einem Schiffchen spielt oder über welchen Isolde zärtlich streicht, wenn sie von Morold singt. Man sollte sich gar nicht erst die Mühe machen und überlegen, welche Person darin nun wirklich liegt: Dieser Sarg steht symbolisch dafür, dass hier die Liebe zu Grabe getragen wird. Nachtschwester Brangäne erscheint mit einem Spritzbesteck, Tristan und Isolde katapultieren sich intravenös in den 7. Himmel und als sich darüber der Pausenvorhang schließt, klatschen vom Rang bereits die ersten Proteste herunter. Ausstatter Paul Brown hat tief in die Kiste der Trostlosigkeit gegriffen und daraus Alltagsklamotten, eine Einheitskulisse und ein überaus hässliches Scheinwerferungetüm gezogen. Letzteres ist häufiger in Bewegung als die Protagonisten, denn egal ob man im Sessel, am Küchentisch oder auf dem Sofa Platz nimmt: Eine Personenführung wird in diesem Tristan einfach ausgesessen.


Tristan und Isolde - Deutsche Oper Berlin
Foto: Matthias Horn im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Mit feuerroten Locken hockt Petra Maria Schnitzer zu Beginn des zweiten Aktes vor dem Kamin und starrt in die Glut: War die Isolde wirklich eine so gute Idee? Schnitzer hat als Wagners Elisabeth und Elsa reüssiert, aber diese Partie ist dann doch ein ganz anderes Kaliber. Was nützen ein aufleuchtend warmes Timbre und eine ansprechende Mittellage, wenn Höhen immer wieder nur angetippt oder unter größter Kraftanstrengung herausgeschleudert werden? Und leider muss auch gesagt werden, dass Schnitzer zum Charakter der Isolde nie wirklich durchdringt. Vielleicht wäre ein Debüt an einem kleineren Haus ratsamer gewesen. Aber auch andere Solisten geben Anlass zum Meckern: Jane Irwins Brangäne neigt zu starkem Tremolo, Kristinn Sigmundsson kann seinem König Marke nicht eine kultiviert geformte Phrase verpassen und Eike Wilm Schulte ist - trotz vortrefflicher Stimmtechnik - ein reichlich alter Kurwenal. Peter Seiffert, der mit erkennbarem Missvergnügen in dieser Inszenierung agiert, verteidigt seinen Spitzenplatz als Heldentenor und singt einen konditionsstarken, textdeutlichen, glanzvollen und nuancenreichen Tristan. Der dritte Aufzug gerät durch Seifferts glatten Durchmarsch als der musikalisch eindrucksvollste.

Das ist auch der Moment, wo Donald Runnicles endlich zu einer eigenen Interpretationsform findet und angriffslustiger dirigiert. Nichts gegen das Orchester der Deutschen Oper Berlin. Es spielt von hoher technischer Brillanz und so gut wie fehlerfrei. Aber wo bleibt die Aussage? Kein Ertrinken und Versinken in den Klangwogen, aber auch kein analytischer Zugang. Und so hält uns dieser Wagner lange Zeit auf Distanz. Es darf daran gezweifelt werden, ob ein Regisseur, der den Glauben an die Liebe offenbar verloren hat, der richtige Mann für eine Oper wie Tristan und Isolde ist. Vielleicht hat der eingangs erwähnte Otello ein kleines Trauma bei Vick hinterlassen und er wollte sich vom Publikum der DOB mal wieder so richtig schön ausbuhen lassen. Anders ist dieser inszenatorisch verhunzte Abend nicht zu erklären.



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