15. Mai 2011
Deutsche Oper Berlin

Arrangement am Abstellgleis

Eher eine Fahrt in der 2. Klasse: Patrick Kinmonth und Alain Altinoglu bringen Samson et Dalila heraus

Programm

Camille Saint-Saëns
Samson und Dalila

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Inszenierung: Patrick Kinmonth
Ausstattung: Patrick Kinmonth, Darko Petrovic
Lichtgestaltung: Manfred Voss
Dramaturgie: Katharina John, Miriam Konert
Künstlerische Produktionsleitung: Christian Baier
Chöre: William Spaulding

Dalila: Vesselina Kasarova
Samson: José Cura
Oberpriester des Dagon: Laurent Naouri
Abimélech: Jörn Schümann
Alter Hebräer: Ante Jerkunica
Kriegsbote der Philister: Clemens Bieber
1. Philister: Peter Maus
2. Philister: Sergio Vitale
Kind: David Hoffmann
Kindermädchen: Katharina Sato

Chor, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Arrangement am Abstellgleis

Eher eine Fahrt in der 2. Klasse: Patrick Kinmonth und Alain Altinoglu bringen Samson et Dalila heraus

Von Heiko Schon / Fotos: Barbara Aumüller im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN


Samson und Dalila - Deutsche Oper Berlin
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Bevor ich mich dem biblischen Liebespaar Samson und Delilah widme, wird kurz über den ungleichen Kampf zwischen David und Goliath berichtet: Auf der rechten Seite haben wir das edle RDO (Restaurant Deutsche Oper), linke Hand stehen die Opernschlemmereien. Dem Betreiber des RDO ist das kleine, aber leider so schrecklich beliebte Imbiss-Bistro schon lange ein Dorn im Auge. Er fand Gehör bei der noch amtierenden Intendanz, welche wiederum ihren Kontakt zur zuständigen Senatsverwaltung spielen ließ. Und nun, schwuppdiwupp, soll nach zehn Jahren plötzlich der Pachtvertrag nicht mehr verlängert werden. Sollte es wirklich der Wahrheit entsprechen, dass Kirsten Harms ein entsprechendes Anliegen unterschrieben hat, so hat sie damit ihrem Stammpublikum wahrhaftig einen letzten großen Bärendienst erwiesen. Doch auch wer mit Wolfgang-Joop-Plakaten einen höheren Rang zur Schau stellt, serviert manchmal nur Menüs zweiter Klasse…


Samson und Dalila - Deutsche Oper Berlin
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Diese Premiere rief zwei Erinnerungen an die letzte Kölner Spielzeit wach. Die gute Erinnerung betraf Patrick Kinmonth und seine Inszenierung von Madama Butterfly. Bisher war Kinmonth vorwiegend Ausstatter von Robert Carsen gewesen: Hier war er zum ersten Mal als Opernregisseur angetreten. Der Abend schraubte die Geschichte mit ungeheurer erzählerischer Kraft in die nächste Generation. Noch nie war mir das Schicksal der Cio-Cio-San so nah gegangen. Die schlechte Erinnerung betraf Vesselina Kasarovas Interpretation der Carmen. So etwas hatte ich auch noch nie erlebt. Daran gemessen ist ihre Berliner Dalila gar nicht mal so übel: Kasarova hat sowohl betörend zarte als auch kraftvoll mächtige Töne drauf. Aber auch hier zeigt sich ein starker Drang zu unnötigen Manierismen, die den Vortrag schwülstig und damit unerotisch wirken lassen. Die ollen Operngesten und matronenhaften Kleider verstärken diesen Eindruck natürlich noch. José Cura singt so, als würde er bei dem Samson an eine italienische Spinto-Partie denken. Der argentinische Tenor brüllt aus vollem Hals und schluchzt aus so tiefer Seele: Wer wird denn da pingelig sein und ein Mindestmaß an französischer Eleganz erwarten? Diese bringt Laurent Nouri zwar mit, aber sein Bass-Bariton offenbart auch Verschleißerscheinungen. Das gesangliche Niveau ist also bestenfalls Mittelmaß, nur Ante Jerkunica lässt in seinem Kurzauftritt als Alter Hebräer aufhorchen.


Samson und Dalila - Deutsche Oper Berlin
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Nun zum Graben. Dort unten scheint Alain Altinoglu im ersten Akt eine Créme brulée anrühren zu wollen, so breit sind die Tempi, so süßlich der Klang. Damit kommt freilich nicht jeder Sänger zurecht. Aber nach der Pause ist die Abstimmung da, auch die Taktschläge kommen langsam in Fahrt, die Spannung steigt also. Und so kann Altinoglu zumindest mit einem rhythmisch ausgefeilten Bacchanal punkten. William Spaulding hat wie immer seine Hausaufgaben gemacht: Der Chor meistert seine Aufgabe aufs Vorzüglichste.

Und die Regie? Die gibt eigentlich nur vor, eine zu sein. Wie gesagt, der Mann kann was. Ob Patrick Kinmonth hier vielleicht Kreide fressen und sich dem Repertoirebetrieb beugen musste, wird man wohl nie erfahren. Was er hier in Szene gesetzt hat, ist bestes Beispiel für Opas Oper: Eine vollgestopfte Bühne, die die Hauptakteure an die Rampe drängt, eine Verlegung in die Entstehungszeit des Stücks, welche nicht mal im Ansatz plausibel gemacht wird (es sei denn, man will diese Rüsch-und-Plüsch-Ausstattung rechtfertigen), eine Personenführung nach dem Zufallsprinzip und 'ne Menge unfreiwillige Komik. Zum Schluss lässt Kinmonth zwei Wagons reinrollern: Die Philister, die gerade noch am Feiern waren, sollen deportiert werden. Es wirkt wie eine Verzweiflungstat. Und wahrlich an Samsons Haaren herbeigezogen.



©www.klassik-in-berlin.de