03. März 2011
Komische Oper Berlin

Messerscharf und todtraurig

Barrie Kosky und Patrick Lange bringen Dvořáks Rusalka an der KOB heraus

Programm

Antonín Dvořák
Rusalka

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Patrick Lange
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne und Licht: Klaus Grünberg
Kostüme: Klaus Bruns
Dramaturgie: Bettina Auer
Chöre: André Kellinghaus

Rusalka: Ina Kringelborn
Prinz: Timothy Richards
Ježibaba: Agnes Zwierko
Wassermann: Dimitry Ivashchenko
Fremde Fürstin: Ursula Hesse von den Steinen
Wildhüter: Peter Renz
Küchenjunge: Christiane Oertel
Erste Waldelfe: Julia Giebel
Zweite Waldelfe: Elisabeth Starzinger
Dritte Waldelfe: Caren van Oijen
Jäger: Matthias Siddhartha Otto
Ježibabas Sohn: Michel Podwojski

Chorsolisten, Komparserie und Orchester der Komischen Oper Berlin

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Messerscharf und todtraurig

Barrie Kosky und Patrick Lange bringen Dvořáks Rusalka an der KOB heraus

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Rusalka - Komische Oper Berlin
Ina Kringelborn (Rusalka), Agnes Zwierko (Ježibaba)
Foto: Monika Ritterhaus

"Der Fisch und der Vogel können sich verlieben … aber wo bauen sie ihr Nest?" Alt ist diese Weisheit. Und alt ist auch derjenige, der sie seinem Gegenüber um die Ohren haut. Sicher, man meint's doch nur gut. Dennoch sollte man damit rechnen, auf taube Ohren zu stoßen. Diese Erfahrung muss auch der Wassermann in Antonín Dvořáks Oper Rusalka machen. Wie ungern möchte der Ziehvater sein Mädchen ziehen lassen. Doch sein "Wehe! Wehe!" verhallt ungehört: Die junge Nixe will aus Liebe zum Prinzen den See für immer verlassen. Bevor aber ein Landgang überhaupt möglich wird, müssen erst mal Beine her - koste es, was es wolle. Mag das auch ein Märchen sein: Was nimmt ein junges Ding im realen Leben nicht alles in Kauf, wenn Gefühle im Spiel sind und die Welt der Sexualität entdeckt wird? Klaus Bruns zitiert in seinen Kostümen zunächst den wilhelminischen Stil. Damit rückt Rusalka an der Komischen Oper Berlin nicht nur an den Zeitpunkt ihrer Uraufführung, sondern auch in eine Epoche, in der häusliche Unterdrückung und Demütigung sowie eine ungemein verklemmte Moralvorstellung vorherrschten. Rusalka glaubt, sich dieser Umgebung entledigen zu können, indem sie sich - zurück zum Mythos - von Ježibaba den Fischschwanz abtrennen lässt.


Rusalka - Komische Oper Berlin
Peter Renz (Wildhüter), Christiane Oertel (Küchenjunge)
Foto: Monika Ritterhaus

Doch das ist lediglich eine Ausgangssituation. Die Regie schildert diesen Zustand erfreulich subtil, möchte sie doch in erster Hinsicht ein Märchen erzählen. Was nicht heißt, dass der Abend ohne Brutalität auskommt. Denn was tun die Figuren in solchen Geschichten? Sie fressen und werden gefressen. Da wird Rusalka von der Hexe (mit mezzo-dämonischer Kraft am Werk: Agnes Zwierko) mit einem Fleischerbeil aufgeschlitzt und fachgerecht entgrätet. Dem Kater, der gerade noch zärtlich gekrault wurde, geht es zur Erlangung der Jungfrauenstimme an den Kragen. Und in der Küche des Prinzen muss Rusalka mit ansehen, wie zahlreiche Artgenossen ihr Leben lassen. Das sind wohl dosierte und genau platzierte Schockeffekte, die eben genau das zeigen, was in einem Märchen passiert. Als Spannungsverstärker dient ein fast kammerspielartiger Rahmen, in dem die Charaktere wie durch eine Lupe vergrößert erscheinen. Der dritte Akt gerät als der stärkste und spektakulärste (die visuellen Illusionen!!!): Rusalka stößt bei ihrer Rückkehr auf eine Armee der Finsternis, tanzt ihren letzten Tanz (einen Danse Macabre), küsst den Mann ihrer Träume zu Tode und begibt sich freiwillig in die Position des Opfers - als zappelnder Fisch am Haken. Was für ein zutiefst trauriges, berührendes Schlussbild.


Rusalka - Komische Oper Berlin
Ina Kringelborn (Rusalka), Ensemble
Foto: Monika Ritterhaus

Mag bei Ina Kringelborn der ein oder andere hohe Ton noch nicht optimal sitzen: Die Sopranistin hat Potenzial. Oder ist es vielleicht so, dass genau diese mädchenhafte Stimme ihre Rusalka erst so verletzlich und damit authentisch wirken lässt? Nehmen wir das berühmte Lied an den Mond. Kringelborn trägt es nicht als perfektionierte Nummer vor, sondern als die Elegie einer jungen Liebenden. Erst das macht die wunde Seele einer Rusalka hör- und begreifbar: Melancholie, aber wie. Und eins noch: Kringelborn sieht verdammt attraktiv aus. Timothy Richards geht zwar nicht ganz so unter die Haut wie seine Kollegin, aber sein Prinz hat sowohl zarte Lyrismen als auch glühende Crescendi anzubieten. Dimitry Ivashchenko (Wassermann) bekommt von mir erneut das Etikett "Schönste Stimme des Abends" verpasst. Die Sängerin der fremden Fürstin muss auch einige hochdramatische Ausbrüche bewältigen. Genau jene bringen Ursula Hesse von den Steinen - eigentlich Mezzo - anfangs in Turbulenzen. Doch auch sie liefert darüber hinaus ein stimmiges Porträt ab. Julia Giebel, Elisabeth Starzinger und Caren van Oijen (die drei Waldelfen), Peter Renz (Wildhüter) und Christiane Oertel (Küchenjunge) vervollständigen die rundum geglückte Auswahl der Sänger. Das Orchester spielt - bis auf einige Blechblasnervositäten - einen wunderbar geschmeidig schimmernden bis regelrecht aufrüttelnden Dvořák auf. Es läuft seit dieser Spielzeit für die KOB wieder richtig gut. Und so ganz nebenbei schüttelt Barrie Kosky seine bislang beste (weil geschlossenste) Regiearbeit aus dem Ärmel.



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