12. Juni 2011
Deutsche Oper Berlin

Mach's noch einmal, Robert

Die Deutsche Oper Berlin importiert Robert Carsens Macbeth-Inszenierung

Programm

Giuseppe Verdi
Macbeth

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Roberto Rizzi Brignoli
Inszenierung: Robert Carsen
Szenische Einstudierung: Søren Schuhmacher
Bühne und Kostüme: Miruna und Radu Boruzescu
Lichtgestaltung: Manfred Voss
Chöre: William Spaulding

Macbeth: Thomas Johannes Mayer
Banquo: Ante Jerkunica
Lady Macbeth: Anna Smirnova
Kammerfrau der Lady Macbeth, 2. Erscheinung: Fionnuala McCarty
Macduff: Pavol Breslik
Malcolm: Jörg Schörner
Diener Macbeths, Ein Arzt, Mörder, 1. Erscheinung: Krzysztof Szumanski
3. Erscheinung: Basile Liebscher

Chor, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Mach's noch einmal, Robert

Die Deutsche Oper Berlin importiert Robert Carsens Macbeth-Inszenierung

Von Heiko Schon / Fotos: Bettina Stöß im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN


Macbeth - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöß im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Und ja, Robert Carsen tut's auch noch einmal und rettet Kirsten Harms ihr Hinterteil. Denn die Ernte der letzten Spielzeit der Intendantin fällt in punkto Neuinszenierungen mal wieder so richtig mager aus. Dem Don Giovanni von Inszenator Roland Schwab liefen die Stars der Zweitbesetzung davon (erst Erwin Schrott, dann Michael Volle), David Pountney verflachte Die Trojaner zu einer hoppelschnittigen Seifenoper, Kirsten Harms selbst servierte eine ihrer Hausfrauen-Inszenierungen (Die Liebe der Danae), Graham Vick packte mit Tristan und Isolde die wahrscheinlich größte Premieren-Gurke ins Repertoire und Patrick Kinmonth brachte Samson und Dalila als plüschiges Opernklischee auf die Bühne. Schon 2009 setzte Carsen mit seiner Deutung von Ariadne auf Naxos den Glanzpunkt der DOB-Saison, wenn nicht gar der gesamten Ära Harms. Doch es gab ein kleines, störendes Detail an dieser Produktion - sie stammte nicht aus Berlin. Das ist nun auch bei Macbeth der Fall - dieser Abend kommt nämlich aus Köln.

Am dortigen Opernhaus verlegte der kanadische Regisseur Verdis Frühwerk in die Zeit der sich auflösenden Ostblock-Diktaturen. Als Vorbild für seine Darstellung von Macbeth und seiner Lady dient Carsen das rumänische Politikerehepaar Nicolae und Elena Ceau?escu, die 1989 in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt und standesrechtlich erschossen wurden. Dementsprechend fällt das Design des (ebenfalls rumänischen) Ausstattungsteams Miruna und Radu Boruzescu aus: Die Bühne wird von einer mit Einschlusslöchern und Blutflecken übersäten Betonwand dominiert, und während das Militär Orden trägt und das Volk Trauer, hat Lady Elena einen ganzen Schrank voller schicker Fummel.


Macbeth - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöß im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Aber von vorn. Die Idee, die Hexen zu Putzfrauen umzuformen, ist schon mal nicht übel, weiß doch manch eine Putzfrau mehr über den Laden als dessen Chef. Merke: Regierungen kommen und gehen, aber die Putzfrau bleibt dieselbe! Leider gestatten sich die Damen des Chores sowohl im ersten als auch im zweiten Hexenauftritt die ein oder andere inhomogene Schludrigkeit. Man ist halt inzwischen von diesem Chor verwöhnt - und zwar zu Recht, wie die Szene zu Beginn des vierten Aktes (Arme Heimat!) mit Glanz und Gloria unter Beweis stellt.

Der König wird vor dem Königsmord mit Winkelementen und seinem plakatierten Konterfei begrüßt, die Liquidierung Banquos erfolgt durch den Geheimdienst: Es herrscht nicht Macbeth, sondern der ganze Apparat eines tyrannischen, totalitären Regimes. Natürlich merkt man der Inszenierung trotz ihrer "Neueinstudierung" an, dass sie ihre 13 Jahre auf dem Buckel hat. Und sicherlich würde Carsen heute dem Macbeth eine andere Ästhetik verpassen. Aber er gehört zu den Regisseuren, die aus der Musik heraus inszenieren, die komplexe Charaktere entwerfen und diese dann auch über eine Bühne führen können. Dieses Qualitätsmerkmal zeichnet diesen klug durchdachten, spannenden Opernabend aus.


Macbeth - Deutsche Oper Berlin
Foto: Bettina Stöß im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Musikalisch stand die Premiere unter keinem guten Stern. Zwar wurde Thomas Johannes Mayer nicht als indisponiert angesagt, aber es ging ihm wohl nicht gut, wie man sich im Foyer erzählte. In den Folgevorstellungen wurde er dann auch durch Anton Keremidtchiev ersetzt. Anna Smirnova, die mit ihrer Fürstin von Bouillon (Adriana Lecouvreur) die Latte ziemlich hoch gelegt hatte, scheiterte offenbar genau an jenem Erwartungsdruck. Ihre Lady Macbeth soll in der zweiten Aufführung mit einer versierten Gesangsleistung bezaubert haben, die in der ersten Vorstellung fehlte. Und auch Pavol Breslik konnte mit seinem Macduff nicht an die Erfolge der letzten Zeit (u. a. Narraboth in Salzburg) anknüpfen. Die Sängerkrone des Abends gehört Ante Jerkunica, der sich mit seinem Balsam-Bass mehr und mehr zum neuen Ensemblestar mausert. Und nun zum Graben. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin kann einen so nervenzerrenden, vor Energie schier berstenden Macbeth spielen - man braucht sich nur die Einspielung unter Giuseppe Sinopoli anzuhören. Aber Roberto Rizzi Brignoli dirigiert hier einen so saft- wie kraftlosen Verdi, der von Humtata bis zum hohlen Pathos alle gängigen Vorurteile bestätigt.



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