12. November 2011
Philharmonie

Es gibt ein Glück, das ohne Reu'

Das Rundfunk-Sinfonieorchester und der Rundfunkchor unter Marek Janowski im Konzert und auf CD

Programm

Richard Wagner
Lohengrin (Konzert)
Der fliegende Holländer (CD)

Mitwirkende

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Rundfunkchor Berlin
Musikalische Leitung: Marek Janowski
Choreinstudierung: Eberhard Friedrich

König Heinrich: Günther Groissböck
Lohengrin: Klaus Florian Vogt
Elsa: Annette Dasch
Telramund: Gerd Grochowski
Ortrud: Susanne Resmark
Heerrufer: Markus Brück
1. Brabantischer Edler: Robert Franke
2. Brabantischer Edler: Holger Marks
3. Brabantischer Edler: Sascha Glintenkamp
4. Brabantischer Edler: Thomas Pfützner
1. Edelknabe: Christina Bischoff
2. Edelknabe: Isabelle Voßkühler
3. Edelknabe: Judith Löser
4. Edelknabe: Bettina Pieck

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Es gibt ein Glück, das ohne Reu'

Das Rundfunk-Sinfonieorchester und der Rundfunkchor unter Marek Janowski im Konzert und auf CD

Von Heiko Schon / Foto: Matthias Heyde


Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Der fliegende Holländer

Vor einem Jahr stach das Rundfunksinfonie-Orchester unter Kapitän Marek Janowski mit dem Fliegenden Holländer in die nicht gerade selten bereisten Meere Richard Wagners auf. Die Fahrt soll über alle zehn Hauptwerke führen und planmäßig im März 2013 mit der Götterdämmerung enden. Kurz vor der Aufführung von Lohengrin, dem vierten Haltepunkt, erschien bei PentaTone classics bereits der Mitschnitt des Holländers in einer schnieken Aufmachung. In dem Büchlein stecken nicht nur die beiden Super-Audio-CDs und das Libretto, sondern auch Erhellendes zur Verbindung Wagner/Heine und Erläuterungen zu Entstehung, Musik und Handlung des Werkes. Es gibt zudem kurze Biographien der Künstler, diese jedoch nur in Englisch. Nun passt ein Holländer nicht auf eine CD. Mitunter gibt es da Einspielungen, in denen sogar die Ballade der Senta in zwei Teile geschnitten wurde. Hier ging man sorgfältiger vor: Nach dem Duett Erik / Senta, genau in dem Moment, wenn der Holländer die Szene betritt und von Senta mit einem erschrockenen "Ha!" begrüßt wird, endet die erste CD.

Die musikalische Qualität spiegelt weitestgehend den Eindruck der Aufführung vor Ort wieder. Matti Salminen gibt einen höchst textdeutlichen, sattelfesten und frischen Daland zu Gehör. Dass sich sein Bass zudem auf Witz versteht, beweist der Finne bei "Mögst du, mein Kind". Bei der Senta fallen das angenehme Vibrato und eine strahlende Höhe auf: Ricarda Merbeth trifft den erforderlichen jugendlich-dramatischen Tonfall, hält aber auch zarte Lyrismen bereit. Dagegen schwächeln Albert Dohmen, der den Holländer einfarbig bis hölzern vorträgt, und Robert Dean Smith, welcher sich anhört, als sei er stimmlich bereits über den Erik hinaus. Mit der jungen, dunkelsamtig timbrierten Silvia Hablowetz (Mary) und dem herrlich phrasierenden Steve Davislim (Steuermann) gibt es aber bei den Nebenrollen zwei echte Entdeckungen zu machen. Der Rundfunkchor Berlin stellt mit gefühlvollen Matrosen und lebenslustigen Spinnerinnen (wie filigran: "Ach, wo weilt sie") seine hohe Virtuosität und Beweglichkeit unter Beweis. Marek Janowski heizt sein Rundfunk-Sinfonieorchester zu einem energiegeladenen und intensiven Spiel an. Die Tempi sind straff, die Interpretation völlig frei von Schwulst, Volkstümlichkeit ("Steuermann, lass die Wacht!") und Verklärung. Janowski ist mit diesem Holländer eine spannende Schauerromanze gelungen, die sich vor anderen Einspielungen nicht zu verstecken braucht.

***


Rundfunkchor Berlin
Foto: Matthias Heyde

Kennen Sie das "Bayreuther Pausengespräch" von Loriot? Darin behauptet die Wagnerianerin, dass sie sich vor zwei Tagen vom HNO-Arzt Rudolf Wagner durchblasen lassen und nun im ersten Lohengrin-Akt bereits ganze sechs neue Leitmotive gehört habe. Beim Berliner Pausengespräch möchte man sich zu so einer Aussage nicht hinreißen lassen (was natürlich auch daran liegen kann, dass man kein Patient von Dr. Wagner ist), aber es dringen doch einige Klangdetails ins Ohr, die sonst immer irgendwo im Orchestergraben versickern. Etwa das Lohengrin-Vorspiel, welches wie ein luzider Traum ertönt, wie ein silbrig schimmerndes Gebilde, in das Janowski behutsam die Farben tupft. Der Chef dirigiert akribisch, versucht alles aufzufangen, kein Ton soll verloren gehen. Die erste Geige setzt sich mit hohem Einfühlungsvermögen ins gemachte Nest, nur das Becken benimmt sich wie ein Elefant im Porzellanladen. Auch die Ankunft des Ritters ist geprägt von Empathie, Zärtlichkeit und glühender Dynamik: Janowskis Gespür für diese Musik ist sagenhaft. Das Herz schlägt bis zum Hals, man ringt doch stark um Fassung. Hat nicht Wagner einmal gesagt, der Lohengrin sei seine traurigste Oper? Zudem kann es kein Opernchor der Welt mit dem Berliner Rundfunkchor aufnehmen. Es ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass man eine Passage wie "Seht hin! Sie naht, die hart Beklagte!" noch meisterhafter singen kann. Ein dickes Lob also an Eberhard Friedrich.

Im zweiten Akt zeigt die Spannungskurve erst einmal nach unten, weil Susanne Resmark und Gerd Grochowski ein Paar abgeben, welches reichlich matt auf der Brust agiert. Beiden fehlt es an diabolischer Gestaltungskraft, versteht man bei Resmark oftmals nur Vokale, kommt Grochowski nicht immer über das Orchester. Damit sind sie keine ebenbürtigen Gegner für Annette Dasch und Klaus Florian Vogt. Dasch als engelsgleiche Elsa ist stimmlich auf den Punkt besetzt, genauso wie Vogt, der ein glanzvolles und eindringliches Porträt des Lohengrin abliefert. Hervorragend auch die Bassisten: Bei Günther Groissböck (König Heinrich) und Markus Brück (Heerufer) bleiben keinerlei Wünsche offen - Chapeau! Später, im letzten Aufzug, sitzt man beim Übergang zur dritten Szene mitten im kraftvollen Bläser-Sound und fängt an, zu sinnieren: Gibt es ein Glück, das ohne Reu'? Man ist geneigt, Elsa zuzustimmen. Applausorkane in der Philharmonie!



©www.klassik-in-berlin.de