10. Dezember 2011
Komische Oper Berlin

Der Weg in den Wahnsinn

Wiederaufnahme von Aribert Reimanns Lear in der Inszenierung von Hans Neuenfels an der KOB

Programm

Aribert Reimann
Lear

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Friedemann Layer
Inszenierung: Hans Neuenfels
Spielleitung: Sibylle Polster
Regiemitarbeit: Henry Arnold
Bühnenbild: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnizler
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Franck Evin
Video: Ayse Buchara

König Lear: Tómas Tómasson
König von Frankreich: Tilmann Rönnebeck
Herzog von Albany: Hans Gröning
Herzog von Cornwall: Christoph Späth
Graf von Kent: Thomas Ebenstein
Graf von Gloster: Jens Larsen
Edgar, Sohn Glosters: Martin Wölfel
Edmund, Bastard Glosters: Andreas Conrad
Goneril: Irmgard Vilsmaier
Regan: Erika Roos
Cordelia: Caroline Melzer
Narr: Elisabeth Trissenaar
Bedienter: Volker Herden
Ritter: Michael Podwojski

Chorsolisten, Komparserie und Orchester der Komischen Oper Berlin

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Der Weg in den Wahnsinn

Wiederaufnahme von Aribert Reimanns Lear in der Inszenierung von Hans Neuenfels an der KOB

Von Hans Beckers / Fotos: Wolfgang Silveri


Lear - Komische Oper Berlin
Jens Larsen (Graf von Gloster), Thomas Ebenstein (Graf von Kent), Christoph Späth (Herzog von Cornwall),
Hans Gröning (Herzog von Albany), Elisabeth Trissenaar (Narr), Tómas Tómasson (König Lear),
Irmgard Vilsmaier (Goneril), Erika Roos (Regan), Caroline Melzer (Cordelia)
Foto: Wolfgang Silveri

Unter dem Titel The Rest is Noise veröffentlichte Alex Ross 2007 eine umfangreiche Kulturgeschichte der Musik des 20. Jahrhunderts, die inzwischen auch ins Deutsche übersetzt wurde. Das Buch enthält kenntnisreiche, treffende Analysen, erhellt Zusammenhänge, aber es hat, neben einer kaum erträglichen Amerika-Fokussierung einen ärgerlichen Makel: Sucht man nach dem Namen des Komponisten, dem in den vergangenen rund vierzig Jahren einige der wohl bedeutendsten Beiträge für die Opernbühne zu verdanken waren, so greift man ins Leere. Aribert Reimann ist im Rossschen Musikkosmos schlichtweg nicht existent.

Dabei verzeichnet die Geschichte der Opernuraufführungen nach 1945 kaum einen triumphaleren Erfolg als den seines Lear an der Bayerischen Staatsoper 1978. Dies mag anfangs noch in der ungeheuren Ausstrahlung des Widmungsträgers Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelpartie begründet gewesen sein. Spätestens jedoch seit den weltweiten Reprisen an namhaften Opernhäusern avancierte der Lear zu einem Markstein zeitgenössischen Musikschaffens.


Lear- Komische Oper Berlin
Statisten der Komischen Oper Berlin
Foto: Wolfgang Silveri

Viel wurde über den Erfolg spekuliert. Einerseits bedient sich Reimann eines traditionell besetzten Orchesters, erweitert lediglich um einige neuere Schlaginstrumente. Die Möglichkeiten der klanglichen Entfaltung treibt er jedoch andererseits beträchtlich voran. Die virtuose Verwendung ausgefeilter Cluster mit Halbton- und Vierteltonabständen, in der Farbe changierende, flächige Klänge, berstende Schlagzeugkaskaden, akrobatische Stimmführungen in den Gesangspartien finden sich in ihrer Wirkung auf die Zuhörer neu kalkuliert. Walter Gieseler schreibt die Anziehungskraft der Partitur dem Umstand zu, dass ein musikerfahrenes Publikum extreme Klangbilder dann ohne weiteres annimmt, wenn sie dramatisch motiviert und von der Szene her legitimiert sind (was sich übrigens durch die selbstverständliche Akzeptanz diverser Filmmusiksequenzen leicht belegen ließe). Alleine schon die Ökonomie, mit der Reimann die Klangmassen organisiert, wie er mit dem Prinzip Spannung und Entspannung umgeht, bleibt auch über die Dauer von knapp drei Stunden faszinierend. Eine zusätzliche Hilfestellung besteht darin, dass sich Elemente der "klassischen Oper" ohne weiteres wiederfinden. Es gibt den großen Monolog des einsamen Lear im Weltuntergangssturm auf der Heide, kurze Chorstücke, Zwischenspiele, die Szenen genial verbinden, Ensemblesätze, eine Trauermusik und das finale, in bester Monteverdi-Tradition stehende Lamento Lears im Angesicht der toten Cordelia. Wohl kaum wurde in jüngerer Vergangenheit das Publikum eines Musikdramas so intensiv zur sympathisierenden Identifikation eingeladen wie im Lear.

Die Inszenierung von Hans Neuenfels, die in ihrer Werktreue maßstabsetzend zu nennen ist, reduziert das Geschehen auf seinen zutiefst menschlichen Kern. Lear wird unerträglich einsam in dem Augenblick, als er sich von der Macht trennt und damit die gewohnten Hierarchien zerstört. Er wird zum Spielball seiner feindlichen Umgebung in Gestalt seiner machtbesessenen Töchter Goneril und Regan. Dass ihn in dieser neuen Situation einzig und allein die unausgesprochene Liebe seiner jüngsten Tochter Cordelia auffangen könnte, vermag er - und darin liegt seine Tragödie - nicht zu erkennen. Entsprechendes widerfährt dem Grafen von Gloster in der Parallelhandlung, weil er nicht in der Lage ist, beim Machtkampf zwischen Sohn Edgar und Bastard Edmund gut und böse zu unterscheiden.


Lear - Komische Oper Berlin
Jens Larsen (Graf von Gloster), Richard Neugebauer (Bediensteter), Statisten der KOB
Foto: Wolfgang Silveri

Schon das spartanische Bühnenbild von Hansjörg Hartung, ein leerer Kasten, der mit Schiebetüren nach japanischem Vorbild strukturiert werden kann, trägt dieser Reduktion Rechnung. Auch szenisch setzt Neuenfels seine Akzente durch wenige, dafür umso intensivere Bilder: ein Video mit krabbelnden Maden, das gleich zum Auftakt Vergänglichkeit suggeriert, die künstliche Welt der beiden bösen Schwestern, die auf Puppen und Tierattrappen als häuslicher Umgebung fixiert sind, die Hunde, die den bemitleidenswerten Gloster bei seiner Blendung auch noch zu zerfleischen drohen, die sargähnliche Kiste, in der Cordelia ihren gefangenen Vater über die Bühne zieht.

Noch lieber aber präpariert Neuenfels Charaktere heraus und versteht es dabei in subtiler Weise durch bloße Gesten oder Blicke eine Atmosphäre des boshaften Neides, des Misstrauens, der Hinterhältigkeit, gar der Gewalt zwischen den Akteuren herzustellen. Lears Weg in den Wahnsinn lässt er mit einem angedeuteten Waschzwang beginnen, und sein Ende deutet er an, wenn Cordelia ihn mit dem Narren vermählt, der sich in den Tod verwandelt hat. Diesen Narren macht Elisabeth Trissenaar mit faszinierender Balance zwischen Sprech- und Singstimme zu ihrer zweiten Natur.

Es ist ein kaum fassbarer Glücksfall, dass der Komischen Oper zur Realisierung dieses Konzeptes ein fabelhaftes Ensemble zur Verfügung steht. Natürlich steht Tómas Tómassons Prachtbariton im Zentrum, sein Lear, sparsam in der Deklamation, dafür mit reichen Farben aus dem Geist der Gesangslinie gestaltet, hat wahrhaft spektakuläres Format. Vorbildlich das ausgeglichene Timbre in allen Lagen, hervorzuheben die Natürlichkeit der Artikulation in Passagen statisch-rezitativischen Tonfalls. Irmgard Vilsmaier beglaubigt Gonerils niederträchtige Hab- und Machtgier mit kristallklaren, einer Wagnerschen Brünnhilde würdigen Trompetentönen, die alle Widerstände als zwecklos erscheinen lassen. Einem derart kraftvoll gezeichneten Rollenportrait begegnet man auf Deutschlands Bühnen nicht oft, schon gar nicht einer Sängerin, die die immensen gesangstechnischen Anforderungen ihrer Partie so beiläufig und ermüdungsfrei meistert. Erika Roos steht ihr, obgleich vorsichtshalber als indisponiert angekündigt, nicht nach. Auch sie trotzt den rhythmischen wie melodischen Schwierigkeiten souverän und würzt dazu ihre Koloraturen noch mit einer üppigen Prise Boshaftigkeit. Das Spannungspotential zur madonnenhaften Cordelia Caroline Melzers, die in der Führung ihrer Gesangslinie an Reinheit und Innigkeit kaum zu übertreffen ist, könnte nicht größer sein.


Lear - Komische Oper Berlin
Martin Wölfel (Edgar, Sohn Glosters)
Foto: Wolfgang Silveri

Auch in den kleineren Rollen hat diese Produktion so Vorzügliches zu bieten wie den biegsamen, leuchtenden Countertenor von Martin Wölfel (Edgar), die schneidend scharfe, alles durchdringende Stentorstimme von Andreas Conrad (Edmund) und den balsamischen Gloster von Jens Larsen. Dazu gesellen sich trefflich gezeichnete Randfiguren wie der Graf von Kent (Thomas Ebenstein) und die Herzöge von Albany und Cornwall (Hans Gröning und Christoph Späth). Alle Sänger führen überzeugend Beweis dafür, dass Reimann wie kaum ein anderer Komponist unserer Zeit die Möglichkeiten der menschlichen Stimme kennt und ihre Grenzen respektiert. Denn alle Anforderungen sind auf der Basis der klassischen Gesangskunst zu bewältigen.

Am Pult des Orchesters der Komischen Oper steht mit Friedemann Layer mehr als nur ein kompetenter Partiturverwalter. Layer, der bereits die Zweitaufführung des Lear 1978 in Düsseldorf betreute und der auch die französische Erstaufführung in Paris 1982 dirigierte, ist mit dem Reimannschen Idiom seit langem bestens vertraut. Er weiß um die Schwierigkeiten bezüglich Rhythmik und Intonation, weiß in den extremen Klangballungen Transparenz herzustellen und dem Vorrang der Singstimme, der Reimann im Sinne der Textverständlichkeit ein wichtiges Anliegen ist, Geltung zu verschaffen. So trägt das staunenswerte orchestrale Niveau zum eindrucksvollen Plädoyer für eine der bedeutendsten Schöpfungen des Musiktheaters im ausgehenden 20. Jahrhundert bei. Hoffentlich entdecken die am Wiederaufnahmeabend leider zu zahlreich ferngebliebenen Berliner Musikfreunde noch rechtzeitig, welche Perle die Komische Oper in ihrem Repertoire für sie bereithält.



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