26. Juni 2011
Komische Oper Berlin

Angst essen Seele auf

Konfektion und dennoch Konzentration: Calixto Bieito inszeniert Francis Poulencs Gespräche der Karmeltinnen an der Komischen Oper

Programm

Francis Poulenc
Gespräche der Karmelitinnen

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Stefan Blunier
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühne: Rebecca Ringst
Kostüme: Ingo Krügler
Dramaturgie: Bettina Auer
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Franck Evin
Video: Robert Lehniger, Bert Zander

Marquis de La Force: Claudio Otelli
Blanche de La Force: Maureen McKay
Der Chevalier: Dmitry Golovin
Madame de Croissy, alte Priorin: Christiane Oertel
Madame Lidoine, neue Priorin: Erika Roos
Mutter Marie: Irmgard Vilsmaier
Schwester Constance: Julia Giebel
Mutter Jeanne: Caren van Oijen
Schwester Mathilde: Maren Schäfer
Beichtvater des Karmel: Peter Renz
Erster Kommissar: Hans-Peter Scheidegger
Zweiter Kommissar: Thomas Ebenstein
Kerkermeister: Carsten Sabrowski
Schwester Anne: Margita Zalite

Chorsolisten, Komparserie und Orchester der Komischen Oper Berlin
Mitglieder des Ernst Senff Chores

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Angst essen Seele auf

Konfektion und dennoch Konzentration: Calixto Bieito inszeniert Francis Poulencs Gespräche der Karmeltinnen an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Gespräche der Karmelitinnen - Komische Oper Berlin
Foto: Monika Ritterhaus

Eine ziemlich zerzauste Schwester Anne läuft Runden mit dem Weihrauchschwenker, die Poulenc'sche Fassung des Ave verum läuft ebenfalls - Calixto Bieito beginnt seine Inszenierung mit einem (Vor)Spiel über den Erlösungsgedanken. Seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst hat sich dazu vier nackte Metallgerüste ausgedacht, die einzeln wie übereinander gestapelte, skelettierte Nachtzugabteile aussehen, aber in der Summe einen hermetisch abgeriegelten Kubus ergeben. Metaphorisch kann dies für einen Raum stehen, aus dem man sich nicht mehr befreien kann, wie etwa ein Hospiz (Tod der alten Priorin).

Es gibt aber auch den Ort, aus dem man sich nicht befreien will: das sich selbst erschaffene Gefängnis. "Das Kloster sind wir selbst", meint Bieito, und stellt das Thema Angst in den Mittelpunkt seiner Regie. Angst vor Krankheit, Angst vor Tod, Angst vor dem, was "da draußen" ist. Längst sind wir in den Mechanismen von Ruhelosigkeit und Panikmache verschwunden und vergessen darüber, dass es so schön wie hier im Himmel gar nicht sein kann.


Gespräche der Karmelitinnen - Komische Oper Berlin
Foto: Monika Ritterhaus

Kommt Ihnen dieser Handlungskern bekannt vor? Es gibt eine französische Oper, die genau 50 Jahre vor Les Dialogues des Carmélites ihre Uraufführung erlebte: Paul Dukas' Ariane et Barbe-Bleue. Auch hier wird das Nichtverlassenkönnen eines Gefängnisses, das Ohnmachtsgefühl der Angst, die Unfähigkeit, ein neues Leben zu beginnen, thematisiert. Auch dies ist - eher unwichtig - eine Oper über Frauen. Wenn sich also Bieitos Karmelitinnen aus lauter Schiss die Decke über den Kopf ziehen, so liegen sie in einer Linie neben den Bräuten Blaubarts.

Darüber hinaus hat sich das Theater der katalanischen Skandalnudel mittlerweile zur Konfektionsware entwickelt. Doch diesmal verfeinert Bieito sein Lieblingsrezept - welches aus Körperflüssigkeiten und Gewalt besteht - mit sanften, konzentrierten Bildern und hält sich wohltuend zurück. Also kein überzeichneter Charakter, keine psychologische Überreizung oder sexuelle Provokation: Bieito einmal schwiegermuttertauglich - wer hätte das gedacht? Mag es auch nicht seine bahnbrechendste Inszenierung sein: Bieito zeigt ordentliches Handwerk und seine vielleicht bislang ehrlichste Regie.


Gespräche der Karmelitinnen - Komische Oper Berlin
Foto: Monika Ritterhaus

Ordentlich ist auch genau das Adjektiv, welches die musikalische Seite am besten trifft. Erneut ist Christiane Oertel über den grünen Klee zu loben, denn ihr gelingt singschauspielerisch alles, was sie in letzter Zeit anpackt. Oertels Madame de Croissy ist diesbezüglich keine Ausnahme. Irmgard Vilsmaier ist eine fesselnde Mutter Marie, Erika Roos gefällt als glockenhell timbrierte Madame Lidoine. Maureen McKay (Blanche) und Julia Giebel (Schwester Constance) erzielen trotz ihrer kleinen Stimmen maximale Wirkung. Die Damen Caren van Oijen und Maren Schäfer bieten solide Sangeskost, die Chorsolistinnen leisten schlichtweg Großartiges und bei den Herren punktet das tenorale Tausendsassa Peter Renz.

Der Bonner Generalmusikdirektor Stefan Blunier scheint zum Sturm auf die Bastille blasen zu wollen, so sehr liebt er das Forte und das Donnern aus dem Graben. Mal geht ein Sänger in den Klangwogen unter, mal könnte das Spiel des KOB-Orchesters etwas mehr Spannung vertragen - Schwamm drüber, das wird schon. Zusammen mit den Saison-Hits Im weißen Rößl, Rusalka und Salome ist festzustellen: Es war ein gutes Jahr für die Komische Oper.



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