14. Mai 2011
Komische Oper Berlin

Fahrt auf dem Holzweg

Patrick Lange und das Sängerensemble veredeln Benedikt von Peters zähen Idomeneo

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Idomeneo

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Patrick Lange
Inszenierung: Benedikt von Peter
Regiemitarbeit: Daniel Cremer
Bühnenbild: Annette Kurz
Kostüme: Annelies Vanlaere
Choreographische Mitarbeit: Kristin Schaw-Minges
Dramaturgie: Werner Hintze
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Franck Evin

Idomeneo: Rainer Trost
Idamante: Karolina Gumos
Ilia: Brigitte Geller
Elektra: Erika Roos
Das Kind: David Becker
Zwei Kreterinnen: Judith Weinreich, Mechthild Sauer
Zwei Trojaner: Carsten Lau, Jan-Frank Süße

Orchester, Chorsolisten, Komparserie und Kinderchor der Komischen Oper Berlin
Mitglieder des Ernst Senff Chores Berlin

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Fahrt auf dem Holzweg

Patrick Lange und das Sängerensemble veredeln Benedikt von Peters zähen Idomeneo

Von Heiko Schon / Fotos: Wolfgang Silveri


Idomeneo - Komische Oper Berlin
Erika Roos (Elektra)
Foto: Wolfgang Silveri

Vor einem Jahr stellte Regisseur Benedikt von Peter einen großen Container an die Rampe und ließ in seiner Fidelio-Inszenierung das Theater entsorgen. Nein, das vermittelt jetzt den falschen Eindruck. Vielmehr mahnte von Peter an, dass wir diese Kunstform verlieren, wenn wir nicht endlich aufwachen, reagieren, rebellieren. Doch mangels Kreativität und schlüssiger Dramaturgie verpuffte diese Botschaft zu einer Menge Bühnennebel. Wenn nun nach über drei Stunden das Licht über diesem neuen Idomeneo erlischt, kommt man zum gleichen Urteil: Der Abend entsorgt sich selbst. Ein Zitat von Peters bringt es mit anderen Worten auf den Punkt: "Hundert Menschen, hundert Stühle, das war's".


Idomeneo - Komische Oper Berlin
Erika Roos (Elektra), Rainer Trost (Idomeneo)
Foto: Wolfgang Silveri

Seien wir nicht ungerecht, der Regisseur hat sich Gedanken gemacht. Idamante hat jetzt einen (stummen) Sohn, dafür taucht kein Arbace und kein Oberpriester auf (deren Texte werden von Elektra oder Idomeneo gesungen). Von Peters möchte die "vaterlose Gesellschaft" thematisieren und erzählt die Geschichte als Rückblende Idomeneos, der zwischen erlebtem Trauma und Gegenwart hin und her switcht. Doch weder aus dem einen noch aus dem anderen schlägt von Peter irgendeinen Funken. Die nach hinten hochgebogenen Bretter sind ein alter Hut, ebenso das Wasserloch. Da sitzen oder stehen halt hundert Menschen auf hundert Stühlen, es wird geplatscht, es wird gerobbt, das Licht ist schummrig und durch die Boxen heult der Wind. Es ist natürlich nur eine Frage der Zeit, bis sich so etwas wie Blei über die Szene legt. Ja, Kunst muss politisch, muss gesellschaftskritisch sein! Aber wo sind die Ideen, die bezwingen? Wo ist hier die Spannung, die Fantasie? Sorry, für mich ist das zutiefst verzopftes, gähnend langweiliges Theater. Damit fällt diese szenische Neuproduktion Lichtjahre hinter die Version von Hans Neuenfels zurück, die 2003 an der Deutschen Oper Berlin Premiere hatte.


Idomeneo - Komische Oper Berlin
Rainer Trost (Idomeneo), Karolina Gumos (Idamante)
Foto: Wolfgang Silveri

Rein musikalisch ist dieser Abend ein Rausch. Erika Roos sieht als Elektra nicht nur aus wie die junge Eva Marton, sie singt auch so. Ja, Martons Elektra ist natürlich die von Strauss und demzufolge hochdramatischer Sopran, aber in puncto Hingabe an die Rolle, dieses ganz tiefe Eintauchen in einen Charakter, dieses Pendeln zwischen Rampensauerei und Parforceritt, zieht Roos hier eine Riesennummer ab. Diese bei ihr so noch nicht gesehene darstellerische Energie ist sicherlich ein Verdienst der Regie. Zudem bleibt die Stimme stets auf Linie, bezaubert Roos mit einer hinreißend klaren Höhe. Kaum weniger inniglich und stimmschön ist die Ilia von Brigitte Geller. Ihr Sopran hat über die Jahre an Volumen gewonnen, aber nichts an jugendlicher Leuchtkraft eingebüsst. Karolina Gumos brilliert mit einem psychologisch feinen, gesanglich dichten Porträt des Idamante. Rainer Trost überzeugt mit einem emotional berührenden, gesanglich grundsoliden Idomeneo. Den etwas spröden Klang seines Tenors gleicht Trost durch Textdeutlichkeit und Kondition wieder aus. Die Chorsolisten der Komischen Oper (unterstützt durch Mitglieder des Ernst Senff Chores) feuern geschlossen aus vollen Rohren. Patrick Lange mischt seiner Interpretation viele Farben bei und geht differenziert vor. Unter seiner Leitung serviert das Orchester filigrane Details, aber auch Passagen, die einheizen. Dieser frühe Mozart ist frisch wie ein warmer Sommerregen.



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