23. Oktober 2011
Deutsche Oper Berlin

Mein Freund, der Raum

Marco Arturo Marelli narkotisiert Verdis Don Carlo an der Deutschen Oper Berlin

Programm

Giuseppe Verdi
Don Carlo

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung, Bühne, Licht: Marco Arturo Marelli
Kostüme: Dagmar Niefind
Mitarbeit Bühne: Silke Bauer
Mitarbeit Licht: Ulrich Niepel
Dramaturgie: Andreas K. W. Meyer
Chor: William Spaulding

Philipp II.: Roberto Scandiuzzi
Elisabeth von Valois: Lucrezia Garcia
Don Carlo: Massimo Giordano
Prinzessin Eboli: Anna Smirnova
Marquis von Posa: Boaz Daniel
Stimme von oben: Kathryn Lewek
Großinquisitor: Ante Jerkunica
Mönch: Ryan McKinny
Graf von Lerma, Herold: Matthew Pena
Tebaldo: Martina Welschenbach
Flandrische Deputierte: Alexey Bogdanchikov, Hyung-Wook Lee, Seth Carico, Jörn Schümann, Marko Mimica, Tobias Kehrer

Chor, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Mein Freund, der Raum

Marco Arturo Marelli narkotisiert Verdis Don Carlo an der Deutschen Oper Berlin

Von Heiko Schon / Fotos: Barbara Aumüller im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN


Don Carlo - Deutsche Oper Berlin
Massimo Giordano (Don Carlo), Lucrezia Garcia (Elisabeth von Valois)
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Och menno! Kurz vor Ende der Probenzeit musste Anja Harteros ihre Mitwirkung in der Saison-Eröffnungspremiere aus familiären Gründen absagen. Gibt es denn irgendeinen, der sich nicht auf die Star-Sopranistin gefreut hatte? Vermutlich nicht. Die Operndirektion der DOB ging dennoch das Risiko ein und zauberte auf die Schnelle eine in Deutschland weitestgehend unbekannte Sängerin aus dem Hut. Mutig ist das. Und zu befürworten, da bekanntermaßen ja nur der gewinnt, der auch was wagt. Und? Wird gewonnen? Hierzu ein klares Jein. Anfangs mangelt es Lucrezia Garcia ein wenig an Durchschlagskraft und an Präsenz. Aber die Tiefe ihrer Stimme ist gewaltig. Und dann dieses samtige Timbre! Ein wenig erinnert sie darin an die junge Michèle Crider, übrigens auch optisch - zumindest aus Reihe 18. Woran aber Garcia unbedingt feilen sollte, ist die Darstellung: Ihre Elisabeth ist eine Königin der Rampe, ein Opernklischee auf zwei Beinen.


Don Carlo - Deutsche Oper Berlin
Massimo Giordano (Don Carlo)
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Bei Anna Smirnova bleibt einem dagegen glatt die Spucke weg. Höhe, Volumen, Koloratur, Phrasierung: Hier stimmt tatsächlich einmal alles. Na ja, fast. Die Erotik der Eboli wird leider durch etwas Matronenhaftigkeit geschmälert. Roberto Scandiuzzi hat das Problem, dass die Messlatte für seine Partie in Berlin ziemlich hoch liegt. Kein Wunder also, dass er gegen den deutlich jüngeren René Pape den Kürzeren zieht - auch im Spiel. Im direkten Vergleich wirkt Scandiuzzis Philipp eher wie ein etwas in die Jahre gekommener, mürrischer Onkel. Mit weit mehr Engagement agiert Boaz Daniel, der mit viel Aplomb und Sinnlichkeit durchs Geschehen stapft, bis dem Posa im dritten Akt das Bühnenleben ausgeknipst wird. Massimo Giordanos Tenor hat so viel Schmelz in der Kehle, dass man ihm die zwei, drei unsauberen Töne nicht ankreiden möchte. Sein Don Carlo atmet viel "Italianità", so herrlich und so empfindsam, dass es einem fast das Herz zuschnürt. Fabelhaft besetzt sind auch die Nebencharaktere Großinquisitor (Ante Jerkunica), Mönch (Ryan McKinny) und Stimme von oben (Kathryn Lewerk).

Man hat sich für die vieraktige Fassung der Oper entschieden und demzufolge dirigiert Donald Runnicles - ja, was eigentlich? Zu allererst ist ihm ein Zugriff zu bescheinigen, der gegen diese Nicht-Regie rebelliert. Der GMD setzt musikalisch die Ausrufezeichen, die szenisch völlig verschlafen werden. Dennoch hütet sich Runnicles davor, Verdi der Krachschlagerei preiszugeben, was beispielsweise Fabio Luisi mit der Berliner Staatskapelle tat. Ein paar klangliche Finessen sind auch zu hören, etwa das bronzefarbene Horn zu Beginn. All das täuscht im Ergebnis aber nicht darüber hinweg, dass es der Interpretation an Schwung, Schneid und Erregung fehlt.


Don Carlo - Deutsche Oper Berlin
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Und nun zur Szenerie. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, die DOB hätte der Wiener Staatsoper eine Produktion aus den seligsten Zeiten Ioan Holenders abgekauft. Raumausstatter Marco Arturo Marelli führt nämlich so Regie, als hätte es beispielsweise einen Peter Konwitschny (der die französische Fassung 2004 tatsächlich in Wien inszenierte und damit für die wenigen szenischen Glanzlichter der Holender-Ära sorgte) nie gegeben. Da hoppeln Hofdamen im Verdi-Takt, rutscht sich der Marquis die Knie blutig, fällt Elisabeth mit kurzem Quietscher und der Hand auf der Stirn in Ohnmacht, schlagen sich Don Carlo und Posa im berühmten Duett freundschaftlich auf die Schultern, und so weiter und so fort. Nein, ironisch ist das nicht, unfreiwillig komisch dagegen schon. Das Bühnenbild, ein Aufbau aus Kreuz, Quader und grauen Betonwänden, besitzt eine gewisse optische Anziehungskraft - für etwa zehn Minuten. Und auch die Kostüme von Dagmar Niefind gehören eher ins Museum als auf eine Theaterbühne der Gegenwart. Ein abschließender Tipp für diejenigen, die sich von Regisseuren schnell provoziert fühlen: Sie brauchen für diesen Abend keine Beruhigungsmittel! Aber ein starker Kaffee vorneweg wäre nicht schlecht.



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