27. November 2011
Komische Oper Berlin

Zum Krisengipfel nach Andalusien

Yordan Kamdzhalov dirigiert Carmen, Sebastian Baumgarten sinniert über das globalisierte Europa

Programm

Georges Bizet
Carmen

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Yordan Kamdzhalov
Inszenierung: Sebastian Baumgarten
Bühnenbild: Thilo Reuther
Kostüme: Ellen Hofmann
Choreographie: Thomas Stache
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Chöre: André Kellinghaus
Video: Jan Speckenbach
Licht: Franck Evin

Carmen: Stella Doufexis
Don José: Timothy Richards
Micaela: Ina Kringelborn
Escamillo: Günter Papendell
Zuniga: Jens Larsen
Manuela/Flamenca: Ana Menjibar
Frasquita: Ariana Strahl
Mercedes: Karolina Gumos
Dancairo: Peter Renz
Remendado: Thomas Ebenstein
Moralès: Adam Cioffari
Gitarristen: Rayko Schlee, Zamná Urista-Rojas

Chorsolisten, Komparserie und Orchester der Komischen Oper Berlin

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Zum Krisengipfel nach Andalusien

Yordan Kamdzhalov dirigiert Carmen, Sebastian Baumgarten sinniert über das globalisierte Europa

Von Heiko Schon / Fotos: Iko Freese


Carmen - Komische Oper Berlin
Timothy Richards (Don José)
Foto: Iko Freese

Ein kräftiger Schlag mit dem Becken - und dann: Licht aus! Spott an! Nein, nein, die zwei T's sind schon mit Bedacht gewählt, denn hier kommt jemand eindeutig zu spät. Es hilft kein Hebel und kein Schirm, nicht mal mehr Carmens Fächer: Die Anleihen dieses Staates sind wohl nichts mehr wert. Da hat's nun also das zweitgrößte Finanzinstitut Europas dahingerafft, hähä, zumindest diese Bankfiliale. Ausgebombt steht sie vor einem Plattenbau, welcher auch nur noch aufs spärlichste beleuchtet ist. Vor der linken Proszeniumsloge wirbt der spanische Schauspieler Javier Bardem für das Filmdrama Biutiful. Aber so schön sieht das Kinoplakat nicht mehr aus, hat doch ein Schmierfink darüber gekritzelt, was uns allen irgendwann droht: "DEATH" - der Tod. Dazu passen die leblose Arena in den Videoclips und die projizierte Anleitung, wie denn nun ein Stier am sachgerechtesten zu töten sei. Und wenn schon Projektionen, dann bitte möglichst viel, denn viel hilft viel, auch, um den Kern des Ganzen freizulegen. Im Programmheft vertritt der Regisseur tatsächlich die Meinung, man müsse permanent die Bilder überlagern, sonst käme man bei diesem Stoff nicht weiter.


Carmen - Komische Oper Berlin
Ensemble und Chor der Komischen Oper Berlin
Foto: Iko Freese

Keine Ahnung, ob Sebastian Baumgarten an der Stelle immer noch von Carmen spricht. Viel wahrscheinlicher ist, dass er in dieser Oper eine Plattform sieht, um - nicht zum ersten Mal - seine politischen Ansichten unters Volk zu bringen. Was wird hier also in Szene gesetzt? Eine Guru-Hexe, die die Massen mit der Habanera auf sich einschwört, ein wenig Gesellschaftsspiel zwischen Unter- und Oberschicht, eine Occupy-Bewegung mit alten Parolen und noch älteren Zöpfen, dazu etwas Kapitalismus- und Globalisierungskritik - und fertig ist die Laube. Baumgarten sprengt das Werk von innen heraus, lässt aber die Bruchstücke größtenteils liegen und beweist damit lediglich, dass sich solch ein überfrachtetes und uneindeutiges Theater längst tot gespielt hat. Der Vorhang fällt, das Publikum spendet netten Beifall, die rassige Flamenca heimst für ihre tanzwütige Manuela den meisten Applaus ein, es gibt kein einziges Buh. Spannende Premierenabende gehen anders zu Ende…


Carmen - Komische Oper Berlin
Stella Doufexis (Carmen)
Foto: Iko Freese

Das Orchester unter Yordan Kamdzhalov kann bei den temperamentvollen Zwischenspielen und der Ouvertüre punkten, ist aber sonst zu defensiv, um sich gegen die Bühne behaupten zu können. Timothy Richards ist ein vokal vorzüglicher Don José, Ina Kringelborn quält sich mit der Darstellung als Madonna und den Höhen der Micaela herum, Günter Papendell fehlt das kernige Fundament für den Escamillo, Jens Larsen spielt einmal mehr sich selbst und die übrige Besetzung sowie der Chor servieren überwiegend souveräne Sangeskunst. Stella Doufexis legt die Carmen leichter, auch lyrischer an, als man es üblicherweise hört. Doufexis rückt damit diese Partie näher ans Zeitgenössische heran und fertigt aus der verführerischen Zigeunerin das, was Christine Schäfer aus der Traviata formte: eine moderne Frau. Was das Spiel betrifft, scheint Doufexis mehrmals ihren eigenen Stiefel zu machen. Erst kürzlich hatte Doufexis zum Thema "Regie" gesagt, dass sie im KOB-Ensemble skeptischer geworden sei. Doufexis ist also auch szenisch zur Emanzipation entschlossen und das Ergebnis gibt ihr Recht.


Carmen - Komische Oper Berlin
Stella Doufexis (Carmen), Ensemble
Foto: Iko Freese

Baumgarten gab vor dieser Premiere ebenfalls ein Interview, in welchem er kundtat, dass dies seine vorläufig letzte Arbeit an der Komischen Oper sein werde. Er sei sowieso berlinmüde. Aber Aufmunterung ist bereits in Sicht: Andreas Homoki hat Baumgarten nach Zürich eingeladen, in die Stadt der Vermögenswerte und Großbanken. Selbst das dort ansässige Opernhaus ist - formal gesehen - eine Aktiengesellschaft. Dort muss ein Intendant die Klinken vieler Sponsoren putzen, Gelder akquirieren, vielleicht die ein oder andere konservative Kröte schlucken. Hoffen wir mal, dass sich Baumgarten dort wohler fühlen wird. Was nimmt man nun von seinem letzten Berlin-Abend mit nach Hause? Dass Liebe nur Betrug, nur fauler Voodoo-Zauber ist? Wohl kaum. Dass der Tod an sich völlig unwichtig ist? Mmh, vielleicht. Dass wir in einer Welt, in der wir funktionieren müssen, gar nicht frei sein können? Ja, durchaus. Aber vor allem wissen wir jetzt: Das wahre Künstlerherz schlägt links.



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