30. Dezember 2011
Philharmonie Berlin

Ade, 2011

Das Silvesterkonzert mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon und Ewgenij Kissin am Klavier

Programm

Antonín Dvořák
Slawischer Tanz Nr. 1 C-Dur op. 46 Nr. 1
Edvard Grieg
Symphonischer Tanz Nr. 2 A-Dur op. 64 Nr. 2
Klavierkonzert a-Moll op. 16
Maurice Ravel
Alborada del gracioso
Richard Strauss
Salomes Tanz aus der Oper Salome
Igor Strawinsky
Danse infernale, Berceuse und Finale aus L'oiseau de feu (Der Feuervogel)
Johannes Brahms
Ungarischer Tanz Nr. 1 g-Moll

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Ewgenij Kissin - Klavier

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Ade, 2011

Das Silvesterkonzert mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle und Ewgenij Kissin am Klavier

Von Leyla Jasper / Foto: www.kissinmusic.com


Ewgenij Kissin
Foto: www.kissinmusic.com

Man will sich freuen zum Ausklang des Jahres. Und dazu braucht man Tanzmusik. Sechs Tänze standen auf dem Programm der Berliner Philharmoniker im Silvesterkonzert 2011. Freilich war es nicht immer die Musik, zu der das Publikum gerne seine Plätze verlassen und in den Gängen mitschwingen würde. Umso größer war jedoch der Hörgenuss bei manchen ausgesuchten Stücken. Sehr beeindruckend erklangen nach der Pause Salomes Tanz von Richard Strauss und ein Ausschnitt aus Stravinskys L'oiseau de feu. Wieder einmal bewiesen die Berliner Philharmoniker, dass jeder von ihnen ein potentieller Solist ist. Auch der Chefdirigent zeigte sich bei diesen beiden Kompositionen von seiner besten Seite. Er leitete das Orchester höchst einfühlsam. Überhaupt gelingt ihm am besten die Musik, die mit Theater zu tun hat oder eine theatralische Dramaturgie aufweist. Liebevoll verleiht Rattle einzelnen Stimmen ihren unverwechselbaren Charakter. Man staunt immer wieder, wie wunderbar die Musiker des Orchesters ihre Soli darbieten: sehr ausdrucksvoll und plastisch. Und dann kommen immer wieder die vollblütigen Tutti. Wie in einer griechischen Tragödie: Verschiedenen Charakteren wird der mächtige Chor gegenübergestellt. Bei Strawinsky schufen die Streicher das zarteste Pianissimo, das ich je gehört habe. Wenn bloß nicht so viele hustende Leute im Saal gesessen hätten! Dann hätten wir in dem Moment bestimmt eine Gänsehaut bekommen. Die zwei folgenden letzten Tänze (von Brahms und von Dvořák) wurden auch stimmungsvoll und energiegeladen dargeboten - wie es sich gebührt für den Ausklang eines Silvesterabends.

Weniger gelungen war das Spiel des Orchesters im ersten Teil des Konzertes. Brauchten die Musiker so viel Zeit, um sich warm zu spielen? Steckte ihnen noch die Müdigkeit vom Vorabend in den Knochen? War das trübe Dezemberwetter in Berlin daran schuld? Jedenfalls klangen die ersten zwei Nummern des Programms eher lau. Danach kam der spannende Mittelpunkt des Abends - das wohlbekannte und beliebte Klavierkonzert von Edvard Grieg.

Der Pianist Ewgenij Kissin trat ans Klavier. Er bot uns seine eigene Interpretation des Konzertes an. Keine Bravour, sondern die Schönheit des Nordens stand im Vordergrund. Andere Länder - andere Sitten. Für einen guten Interpreten bedeutet das: anderer Komponist - anderer Anschlag. Es macht schon einen Unterschied, wie Kissin die Tasten im Konzert von Mozart oder von Rachmaninow, von Schumann oder eben von Grieg berührt. Man könnte diesen Vorgang mit verschiedenen Stilrichtungen in der Malerei vergleichen. Aber natürlich nicht nur der "Pinselstrich" war ausschlaggebend in der Interpretation. Vieles kam noch hinzu. Es galt, eine gewisse Atmosphäre zu schaffen - eine, die uns die Schönheit Norwegens aus der Sicht ihres Anbeters Edvard Grieg näher bringt. Mal erhaben und kühl, mal melancholisch-verträumt, mal tänzerisch, mal majestätisch - viele schöne Bilder entstanden, während wir dem Konzert lauschten. Dass der Pianist ganz nebenbei die schwierigsten technischen Aufgaben mühelos bewältigte, versteht sich von selbst. Man merkte auch, dass er das Konzert schon des Öfteren gespielt hat. Die Musik ist ihm inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Leider konnte man nicht dasselbe vom Orchester behaupten, denn gelegentlich war das Spiel nicht ganz synchron. Kissin wurde durchwegs zur treibenden Kraft der Aufführung. Mal schuf er riesige Klangwogen, mal gestaltete er auch kleinste Phrasen höchst plastisch. Immer wieder fein ausgemessene Rubati belebten die Klangmaterie. Und noch nie habe ich solch wunderbare Triller gehört, wie bei Kissin im Griegs Konzert: Es entstand ein fast visueller Eindruck von den Tönen, die in der Luft glitzerten.

Das Publikum war dem Pianisten so dankbar, dass es sogar schon nach dem ersten Satz applaudierte. Wahrscheinlich lag es auch daran, dass zum Silvester die Menschen in die Philharmonie kommen, die sonst eher selten ein Konzert mit klassischer Musik besuchen. In seiner Neujahrsansprache wünschte Sir Simon dem Publikum nicht nur ein gesundes und frohes Neues Jahr, sondern auch mehr Musik. Dem Wunsch kann man sich anschließen.



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