9. Dezember 2011
Philharmonie Berlin

Klangwelten der Jahrhundertwende

Richard Strauss und Edward Elgar im Konzertprogramm der Berliner Philharmoniker

Programm

Richard Strauss - Don Quixote op. 35
Edward Elgar - Symphonie Nr. 1 As-Dur op. 55

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Donald Runnicles - Dirigent
Amihai Grosz - Viola
Ludwig Quandt - Violoncello

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Klangwelten der Jahrhundertwende

Richard Strauss und Edward Elgar im Konzertprogramm der Berliner Philharmoniker

Von Hans Beckers / Foto: Ken Friedmann


Donald Runnicles
Foto: Ken Friedmann

Zwei Werke, die innerhalb eines Jahrzehnts entstanden sind und sich doch im Erscheinungsbild gravierend unterscheiden: Richard Strauss' parallel zum Heldenleben 1897 entstandener Don Quixote, der mit ungewohnten Klangwirkungen aufwartet und Edward Elgars 1. Sinfonie aus dem Jahr 1908, einer Musik, die den Glanz des Vergangenen beschwört, aber die Gefährdung und Auflösung der Tonalität, die in jenen Jahren heranreift, durchaus reflektiert. Für dieses Programm vertrauten sich die Berliner Philharmoniker der Stabführung des Schotten Donald Runnicles an, der in Berlin zurzeit die musikalischen Geschicke der Deutschen Oper in Händen hält. Ohne die musiktheatralischen Effekte der nahe am Cervantes-Text vertonten Episoden vom "Ritter von der traurigen Gestalt" über Gebühr zu strapazieren, setzte Runnicles auf meist straffe, abschnittsweise differenzierte, manchmal schroff voneinander abgesetzte, aber immer stimmige Tempi. Die grotesken Züge der Partitur, besonders markant im dissonanten Blöken der Hammelherde, kontrastierten deshalb fesselnd mit den realistischen Illustrationen von Don Quixotes Kämpfen gegen Windmühlen, böse Magier oder feindliche Ritter, hoben sich ab von den Traumsequenzen, die als zauberische Nachtstücke Wehmut und Sehnsucht atmeten. Dass dem riesigen Apparat dabei auch delikate kammermusikalische Wirkungen zu entlocken waren, ist höchster Qualität an allen solistisch geforderten Pulten zu verdanken.

Insofern ließ auch die Gestaltung der beiden Protagonisten, des Ritters und seines Knappen Sancho Pansa, durch den Cellisten Ludwig Quandt und Amihai Grosz (Viola) keine Wünsche offen. Quandt pflegt einen herzhaften Zugriff, modelliert einen aufrechten, in seiner Berufung unbeirrbaren Edelmann und verweigert ihm am Ende in den chromatischen Abwärtsgängen auch nicht sein Mitgefühl, ohne dabei in Sentimentalität zu ertrinken. Grosz trifft die tapsige Geschwätzigkeit des Dieners und gibt seinen musikalischen Phrasen mit Bedacht die Bedeutungstiefe altkluger Bauernregeln.

Edward Elgars erste Sinfonie wird leider in deutschen Konzertprogrammen sträflich vernachlässigt. Nicht zuletzt wegen der berühmten Pomp and Circumstance-Orchestermärsche nimmt man den Komponisten auf dem Kontinent bestenfalls als genialen Schöpfer nationaler Festmusik wahr, als musikalischen Lordsiegelbewahrer des vergangenen viktorianischen Zeitalters. Natürlich weist auch Elgars sinfonischer Erstling Bezüge zu früheren Werken auf. Das As-Dur Thema der Einleitung etwa, das die Philharmoniker nobel, jedoch ohne aufgesetztes Pathos intonieren, erinnert von fern an die Enigma-Variationen. Aber dann fährt (in d-moll) ein energisches Allegro dazwischen und es dauert immerhin eine gute halbe Stunde, bis das Eingangsthema im Grandioso-Abschnitt des letzten Satzes, triumphal zur finalen Form gebracht, strahlend wieder aufscheint. Bis dahin durchmisst der Hörer ein Scherzo, dessen Thema Runnicles wild, beinahe rabiat auffahren lässt, während er die cantabile-Qualitäten der Seitengedanken eher ein wenig vernachlässigt. Erst im sich attacca anschließenden Adagio öffnet er dem Orchester Raum für weite, spannungsvolle Bögen. Hier und auch im Schlusssatz der Sinfonie bewährt sich die penible Beachtung der mannigfachen dynamischen Vortragsbezeichnungen und ein Gespür für die geistigen Vorbilder Elgars, so in den brahmsähnlich synkopierten Passagen beim Beginn des Allegros. Die Philharmoniker, die das Stück vor dreizehn Jahren zuletzt aufgeführt hatten, bewegten sich mit Bravour und sichtlichem Wohlgefallen durch eine hierzulande selten aufgeschlossene musikalische Landschaft. Man erwartet gespannt weitere Erkundungen.



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