28. November 2010
Komische Oper Berlin

Herzen lachen, Schwarten krachen

Sebastian Baumgarten und Koen Schoots verwandeln die Komische Oper ins Weiße Rößl

Programm

Ralph Benatzky
Im Weißen Rößl

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Koen Schoots
Inszenierung: Sebastian Baumgarten
Bühnenbild: Janicka Audick
Kostüme: Nina Kroschinske
Choreographie: Brigitte Cuvelier
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Franck Evin
Video: Stefan Bischoff, Jana Findeklee

Josepha Vogelhuber: Dagmar Manzel
Leopold Brandmeyer: Max Hopp
Wilhelm Giesecke: Dieter Montag
Ottilie, seine Tochter: Kathrin Angerer
Dr. Erich Siedler: Christoph Späth
Sigismund Sülzheimer: Peter Renz
Prof. Dr. Hinzelmann: Thorsten Merten
Klärchen, seine Tochter: Julia Giebel
Der Piccolo: Miguel Abrantes
Der Kaiser: Irm Hermann
Briefträgerin Kathi: Mirka Wagner
Pianist: Daniel Regenberg
Zenzi: Hannah Elisabeth Sußmann
Reiseleiter: Matthias Spenke
Bürgermeister: Frank Baer
Oberförster: Eberhard Krispin
Brautpaar: Julia Bossen, Hans-Jörg Bertram

Chorsolisten und Orchester der Komischen Oper Berlin
BVG-Orchester e. V.

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Herzen lachen, Schwarten krachen

Sebastian Baumgarten und Koen Schoots verwandeln die Komische Oper ins Weiße Rößl

Von Heiko Schon / Fotos: Iko Freese/drama-berlin.de


Im weißen Rößl - Komische Oper Berlin
Max Hopp (Leopold Brandmeyer), Chorsolisten
Foto: Iko Freese/drama-berlin.de

Es ist die kafkaeske Seite der Kunst, dass wohl in keiner anderen Sparte ein Individuum derartig katalogisiert und kategorisiert wird, wie in dieser. Öffnen wir jetzt also die Schublade "Theaterregisseure" und ziehen uns die Mappe von Sebastian Baumgarten. Und? Welchen Stempel hat man hier aufgedrückt? "Vorsicht! Volksbühnen-Ästhetik!". Mal abgesehen davon, dass dies ein dummes Unwort ist, ist es auch als Etikett nicht besonders schmeichelhaft. Als im letzten Mai die Komische Oper ihre Spielzeit 2010/11 vorstellte, fragte sich nicht nur der Schreiber dieser Zeilen, was denn dabei heraus kommen soll, wenn Baumgarten ein Singspiel wie das Weiße Rößl inszeniert. Vermutlich vieles, nur eben keine Operette. Doch der Regisseur führt all jene, die glauben, ihn einordnen zu können, gehörig an der Nase herum. Zur großen Überraschung ist festzustellen, dass Baumgarten Vertrauen in dieses Genre hat. Er bescheinigt dem Werk einen so "extrem gut geschriebenen Text", dass man sich szenisch nicht darauf konzentrieren müsse, die "Dinge scharf zu machen". Also keine Stückzertrümmerung, die Kettensäge bleibt liegen, die Muse strahlt heiter bis sonnig - welch kluge Entscheidung! Völlig zu recht bezeichnet Baumgarten das Weiße Rößl als eine sich selbst parodierende Revue-Operette. Es gehört einfach nur Mut dazu, ein Übermaß an Kitsch zu zeigen. Und Baumgarten bringt diesen Mut auf


Im weißen Rößl - Komische Oper Berlin
Iko Freese/drama-berlin.de

Momentaufnahmen der guten alten Zeit flimmern über Videowände, der Wolfgangsee sieht aus wie ein blau getünchter Orchestergraben, das Wirtshaus hat zwar kein Balkonzimmer, dafür aber aufschieb- und aufklappbare Wände, blumige Fensterlädchen sowie - ach wie romantisch - eine Dachluke in Herzform. Nina Kroschinske stopft Unmengen von Tüll unter die Dirndl, zeigt knackige Krachlederne, zitiert die österreichische Kaiserzeit (Ottilie im Sissi-Dress) - was für köstlich überzogene Kostüme. Ob Herzen im Dreivierteltakt, wirbelnde Stubenmadln, die Rößl-Reihe oder der Tanz um den Heuhaufen: Brigitte Cuveliers Choreographien sind sexy und ironisch zugleich. Aber ein paar Seitenhiebe müssen halt auch sein: Heile Welt und Heil-Grüße, Kaiser von Österreich und Kaiser von Auschwitz, Leopold, der Alexander-Peter, und Leopold, der Hitler-Imitator, liegen dicht beieinander.

Und was machen die Darsteller? Kathrin Angerer versprüht Kleinmädchen-Charme und zieht ihre reizende Schnatterenten-Nummer ab (die man bereits von Angerers Tosca (Regie: Baumgarten) kennt), Dieter Montag gibt den Wilhelm Giesecke als liebenswürdigen Meckerkopp, Christoph Späth ist auf dem besten Wege, der Operetten-König Berlins zu werden, und Mirka Wagner jodelt, als hätte sie nie etwas anderes getan. Dagmar Manzel switcht als Rössl-Wirtin in Sekundenschnelle zwischen Spitzfindigkeiten und Lederhosen-Humor, großer Schauspielkunst und zünftiger Gesangsnummer - und ordnet sich dennoch brav ins Ensemble ein. Max Hopp serviert einen schmachtenden, (irr)witzigen Leopold mit losem Mundwerk und starker Bühnenpräsenz.


Im weißen Rößl - Komische Oper Berlin
Dagmar Manzel ()Josepha Vogelhuber, Peter Renz (Sigismund Sülzheimer),
Thorsten Merten (Prof. Dr. Hinzelmann), Julia Giebel (Klärchen)
Foto: Iko Freese/drama-berlin.de

Koen Schoots kann mit dem unsäglichen Schmalz, der sich in den Nachkriegsjahren auf die Partitur legte, nichts anfangen und dirigiert die erst im letzten Jahr gefundene Uraufführungsfassung. Das Orchester der Komischen Oper spielt mit preußischem Schmiss, die Musiker der BVG geben eine herrlich schiefe Feuerwehrkapelle ab und einen Pianisten, der mit den Charakteren interagiert, gibt es auch noch. Dieser Benatzky funzt und fetzt. Das Problem dieser Premiere soll hier nicht unter den Teppich gekehrt werden: Man geht nicht in der gleichen Stimmung nach Hause, in der man in die Pause ging. Schade, dass es bei den Neuankömmlingen im zweiten Teil lediglich Peter Renz versteht, an das Format von Hopp & Co. anzuschließen. Da bleibt vor allem Irm Hermann als Kaiser viel zu verkrampft. Schade auch, dass die Gagzündungsquote merklich schrumpft und die Lebendigkeit des Bühnentreibens mehr und mehr nachlässt. Vielleicht hat am Ende die Zeit für intensive Probenarbeit nicht mehr gereicht. Oder es mangelte an Courage, sich zu notwendigen Kürzungen durchzuringen. Der Abend jedenfalls übersteigt locker die 3 ½ Stunden-Marke und kommt damit auf Wagner-Länge (was für Baumgarten auch 'ne Möglichkeit ist, sich auf den Tannhäuser in Bayreuth vorzubereiten). Es kann doch nicht so schwer sein, das Ganze noch etwas zu straffen. Diese Produktion hat jedenfalls das Potenzial, der KOB einen weiteren Publikumshit zu bescheren.



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