11. Dezember 2010
Deutsche Oper Berlin

Hausfrauen der Antike

Saubere Arbeit: David Poutney und Donald Runnicles bringen Die Trojaner an der DOB heraus

Programm

Hector Berlioz
Les Troyens (Die Trojaner)

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: David Poutney
Spielleitung: Gerlinde Pelkowski
Bühne: Johan Engels
Kostüme: Marie-Jeanne Lecca
Lichtdesign: David Cunnigham
Choreographie: Renato Zanella
Dramaturgie: Katharina John
Chöre: William Spaulding

Aeneas: Ian Storey
Choroebus: Jean-François Lapointe
Pantheus: Seth Carico
Narbal: Reinhard Hagen
Iopas / Hylas: Gregory Warren
Ascanius: Jana Kurucová
Kassandra: Petra Lang
Dido: Béatrice Uria-Monzon
Anna: Liane Keegan
Priamus / Zweiter trojanischer Soldat: Lenus Carlson
Ein griechischer Heerführer: Sergio Vitale
Der Geist Hektors / Der Gott Merkur: Stephen Bronk
Helenus: Yosep Kang
Ein Soldat / Erster trojanischer Soldat: Ben Wagner
Hekuba: Fionnuala McCarthy
Andromache: Etoile Chaville
Astyanax: Timon Böttinger

Chor, Extrachor, Opernballett, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Hausfrauen der Antike

Saubere Arbeit: David Poutney und Donald Runnicles bringen Die Trojaner an der DOB heraus

Von Heiko Schon / Fotos: Matthias Horn im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN


Die Trojaner - Deutsche Oper Berlin
Foto: Matthias Horn im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

An der Oper Leipzig stand der letzte Sonntag im Zeichen von Christoph Willibald Gluck: Von Alkestis am Vormittag bis zu Iphigenie in Aulis am Abend spannte sich der eigens ausgerufene "Mythentag". Sonderführungen im Museum der Bildenden Künste und im Antikenmuseum waren für den Nachmittag organisiert, Peter Konwitschny erläuterte die Werke auf seine blitzgescheit-humorige Art und moderierte ein abschließendes Publikumsgespräch, ja selbst das Operncafé zog kulinarisch mit. Was sich nach einem anstrengenden Ganztagsseminar anhörte, entpuppte sich als eine aufschlussreiche Bildungsmaßnahme. Hier wurde Theater geboten, welches ganz klar den Auftrag hat, uns klüger nach Hause zu schicken, als wir gekommen waren. Und Konwitschny wäre nicht Konwitschny, wenn er dazu seinen Zeigefinger erheben oder mit staubtrocknem Rampenspiel langweilen würde: Er schickt die Jagdgöttin Diana in Gestalt der amerikanischen Freiheitsstatue zum Aulis-Finale in die Loge, wo sie lachend eine Konfettibombe zündet und Agamemnons Flotte in den trojanischen Krieg bläst. Au fein, denkt man, was für ein toller Übergang zu Hector Berlioz. In seinem Mammutwerk Die Trojaner griff er die Tradition des Komponisten Gluck auf und erneuerte sie. Zudem stellte Berlioz Frauenschicksale in das Zentrum seiner Oper - genau wie Gluck.


Die Trojaner - Deutsche Oper Berlin
Foto: Matthias Horn im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Regisseur David Poutney geht es in seiner Lesart nicht um Politik oder Gegenwart oder Psychologie: Er will einfach nur das Stück möglichst spektakulär auf die Bühne wuchten und dafür sorgen, dass sich eventuelle Einspringer schnell im Geschehen zurechtfinden. Herausgekommen ist ein Abend, der zwischen Sandalenstück und Seifenoper schwankt. Kassandra (mit grandioser Attacke: Petra Lang) strickt emsig ein Schicksalsfadenpferdchen und sagt so die Katastrophe voraus, Dido (zunächst mit Übervibrato, später große Drama-Queen: Béatrice Uria-Monzon) träumt im Sternenzelt davon, nur als Frau und Mutter geliebt zu werden. Beide sind darin vereint, dass sie kein Glück mit den Männern haben und den Freitod auf einem Scheiterhaufen aus Betten wählen: zur Jungfräulichkeit verdammt die eine, zum Witwendasein die andere. Schwesterlich schließt Kassandra Dido am Ende in die Arme und gibt zu verstehen: Ach Mädel, ich weiß doch Bescheid.

Der Rest ist ein tomatenroter, zitronengelber, limettengrüner Ausstattungsschinken, ist Bettenmachen und Nadelarbeit, ist Bewegung in Dreiecken, Achten oder Kreisen, ist Klettverschluss, Nebel, Licht und Schnürboden, ist Pomp und Pracht und eben nur Grand-opéra-Klischee. Na doch, ein Bild gefällt: Wenn Dido und Aeneas (dreht aufgrund einer Indisposition erst im Finale richtig auf: Ian Storey) durch den Kosmos schweben und Merkur mit seinem Italie! dazwischen funkt, ist das schon schön anzuschauen. Aber diese Balletteinlagen Da wird minutenlang unbeholfen mit durchsichtigen Plastikbällen hantiert (Didos Babytraum bleibt Babyschaum), scheint der Tanz zu Beginn des dritten Aktes die Staubwischtechniken kathargischer Putzfrauen darzustellen (woran auch die grässlichen Kostüme ihren Anteil haben). Warum hat man hier nicht das Naheliegendste gemacht und die von Donald Runnicles so sehr geschätzte Sasha Waltz als Choreographin verpflichtet?


Die Trojaner - Deutsche Oper Berlin
Foto: Matthias Horn im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN

Ein szenisch großer Wurf ist es also nicht geworden. Wer aber dieses überwältigende Werk kennenlernen möchte, sollte nicht zögern, denn der Klang des DOB-Orchesters ist eine Offenbarung. Wie eine zweite Haut schmiegt sich die Partitur an den gesungenen Text, gelingen sowohl die theatralischen Details als auch die riesigen Ensembles (Feiern, Zeremonien). Zusammen mit der beachtlichen Leistung des Chores (was inzwischen zur Normalität geworden ist), den Ballettmusiken und den sprechgesanglichen Passagen entsteht ein wunderbar ausgeschmücktes Klangbild. Wie zart geraten emotionale Wendungen in Instrumentation, Harmonik und Melodik, wie virtuos leuchten die eingewebten Bläserpassagen der zärtlichen Nacht im vierten Akt auf! Donald Runnicles macht deutlich, wie sehr Berlioz in Berlin gefehlt hat.



©www.klassik-in-berlin.de