10. Februar 2010
Deutsche Oper Berlin

Die Letzte der Tribünen

Philipp Stölzl inszeniert Wagners Rienzi an der DOB

Programm

Richard Wagner
Rienzi, der letzte der Tribunen

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Sebastian Lang-Lessing
Inszenierung: Philipp Stölzl
Co-Regie: Mara Kurotschka
Bühne: Ulrike Siegrist, Philipp Stölzl
Kostüme: Kathi Maurer, Ursula Kudma
Film: fettFilm
Dramaturgie: Katharina John
Chöre: William Spaulding
Kinderchor: Dagmar Fiebach
Künstlerischer Produktionsleiter: Christian Baier

Rienzi: Torsten Kerl
Irene: Camilla Nylund
Steffano Colonna: Ante Jerkunica
Adriano: Kate Aldrich
Paolo Orsini: Krzysztof Szumanski
Kardinal Orvieto: Lenus Carlson
Baroncelli: Clemens Bieber
Cecco del Vecchio: Stephen Bronk
Rienzi-Double: Gernot Frischling

Chor, Extrachor, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Die Letzte der Tribünen

Philipp Stölzl inszeniert Wagners Rienzi an der DOB

Von Heiko Schon / Fotos: Bettina Stoess im Auftrag der Deutschen Oper Berlin


Rienzi, der letzte der Tribunen - Deutsche Oper Berlin
Torsten Kerl (Rienzi)
Foto: Bettina Stoess im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Wahn! Wahn! Überall Wahn! Größenwahn, um genau zu sein. In der Mitte ein Tisch, so überdimensioniert in die Länge gezogen, dass man darauf die Rolle rückwärts gut und gerne wagen kann. Rechts das Hirschgeweih, schön akkurat über den Kamin gehängt. Und vorn die Aussicht: spektakuläres Panorama, direkt vom Obersalzberg aus. Hochlandzipfel laden da zum Träumen und Verweilen ein. Vielleicht auch zum Überschnappen. Eine Hand durchwandert die ersten Klänge der Ouvertüre, da schnellt der Volkstribun von seinem Sitz, marschiert zackig auf und ab, schlägt ein paar Flickflacks und landet schließlich mit einem Riesensatz auf diesem Riesentisch. Ganz einfach Hopp! und ab dafür: Hinauf zu den Sternen, die Welt(herrschaft) zum Greifen nah. Gernot Frischling setzt diesem Diktator die Krone der Parodie auf - und ein großer Abend scheint an der Deutschen Oper im Anflug zu sein.


Rienzi, der letzte der Tribunen - Deutsche Oper Berlin
Kate Aldrich (Adriano)
Foto: Bettina Stoess im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Philipp Stölzl hat sich mit Videoclips (von Rammstein über Madonna bin hin zu Luciano Pavarotti) und Kinofilmen (zuletzt Nordwand) einen Namen gemacht. 2005 gab Stölzl mit Webers Freischütz sein Debüt als Opernregisseur. Und auch mit Richard Wagner betritt der visuell arbeitende Künstler kein Neuland. Sein Fliegender Holländer, der vor genau einem Jahr heraus kam, gilt als einer der Gründe, weshalb sich das Theater Basel mit dem Titel "Opernhaus des Jahres 2009" schmücken darf. Der dortige Operndirektor Dietmar Schwarz genießt hohes Ansehen in der Kulturbranche. Und genau mit diesem Namen wendet sich der Blick nun wieder nach Berlin, denn wenige Tage vor Stölzls Premiere gab die Senatskanzlei bekannt, dass Schwarz ab der Spielzeit 2012/13 neuer Intendant der DOB werde. Darf man diesen Rienzi folglich als Vorbote bezeichnen? Zumindest das Timing passt wie die Faust aufs Auge.

Hitler liebte Rienzi, weil er darin Parallelen zu sich und seinen Idealen erkannte: der Aufstieg als Heilsbringer, der seinem Volk die Freiheit verspricht. Stölzl zeigt die Kunst der Massenverführung: militärische Märsche, Filmschnipsel à la Leni Riefenstahl, mahnende Ansprachen. Nicht zu vergessen, wie die Nazis Wagners Werke zweckdienlich zu missbrauchen wussten. Natürlich ist dies von Stölzl vordergründig als Persiflage inszeniert, aber sie schlägt immer wieder in Ernsthaftigkeit um. Wenn im Bunker der gebrochene "Held" (mit dem Germania-Modell spielend) seinem Ende entgegendämmert und sich über ihm die faschistoide Idee in Rauch auflöst, gibt es nichts mehr zu lachen. Wuchtet ein Regisseur diese Oper in voller Länge auf die Bühne, ist das im Regelfall ein schwer erträglicher Abend. Zumindest aufregendes Theater ist damit nicht zu machen. Stölzl streicht - mit strengem Blick auf sein Konzept - das Werk auf zweieinhalb Stunden reine Spieldauer zusammen, was nicht immer gelungen scheint, aber die Spannung hält. Hier wäre Stölzl vielleicht besser gefahren, hätte er (einen lieben Gruß an Harry Kupfer) seinen Rienzi "eine Version" genannt.


Rienzi, der letzte der Tribunen - Deutsche Oper Berlin
Camilla Nylund (Irene)
Foto: Bettina Stoess im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Eine nasal gefärbte Trübung und ein paar verwischte Töne schmälern Torsten Kerls kernigen, konditionsstarken und überaus textdeutlichen Rienzi nur minimal. Was Kerl aber praktisch unersetzbar für diesen Abend macht, ist die Verkörperung dieser beschwörerisch-lächerlichen Führerfigur. Da sitzt das Mienenspiel und jede Geste - die Videosequenzen zeigen dies klar und deutlich. Stimmlich setzt die brillante Kate Aldrich als Adriano noch eins drauf, während Camilla Nylund als BDM-Mädel Irene etwas blass bleibt. William Spaulding dürfte mit seinen mustergültigen, meisterlich einstudierten Chören die dritte Auszeichnung (Jahresumfrage Opernwelt) in Folge einfahren und auch das Orchester der DOB präsentiert unter Sebastian Lang-Lessing mitreißende Klangkultur (die Blechbläser!!!). Nach den statisch-dekorativen Rampenarrangements von Kirsten Harms (Tannhäuser), dem wohl szenisch größten Flop der letzten Jahre (Der fliegende Holländer / Tatjana Gürbaca) und unzähligen Götz-Friedrich-Wiederaufwärmungen hält mit dieser Produktion endlich ein moderner, unbequemer, verstörender Wagner Einzug in die Deutsche Oper Berlin. Wann zuletzt hat dort eine Inszenierung so polarisiert, Stoff geboten, bei dem der Kopf heiß läuft? Jetzt ist der Bornemann-Bau wieder ein Ort der Kommunikation, des Denkens, des Nachdenkens.



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