17. Oktober 2010
Staatsoper im Schiller-Theater

Ringlein, Ringlein, du musst wandern…

Guy Cassiers & Daniel Barenboim bringen Das Rheingold als Zweitaufguss im Schiller-Theater heraus

Programm

Richard Wagner
Das Rheingold

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Guy Cassiers
Bühne: Guy Cassiers, Enrico Bagnoli
Kostüme: Tim van Steenbergen
Licht: Enrico Bagnoli
Video: Argen Klerkx, Kurt d'Haeseleer
Choreographie: Sidi Larbi Cherkaoui
Dramaturgie: Michael P. Steinberg, Detlef Giese

Wotan: Hanno Müller-Brachmann
Donner: Jan Buchwald
Froh: Marco Jentzsch
Loge: Stephan Rügamer
Fricka: Ekaterina Gubanova
Freia: Anna Samuil
Erda: Anna Larsson
Alberich: Johannes Martin Kränzle
Mime: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Fasolt: Kwangchul Youn
Fafner: Timo Riihonen
Woglinde: Aga Mikolaj
Wellgunde: Maria Gortsevskaya
Flosshilde: Marina Prudenskaja

TänzerInnen der Eastman Company
Staatskapelle Berlin

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Ringlein, Ringlein, du musst wandern…

Guy Cassiers & Daniel Barenboim bringen Das Rheingold als Zweitaufguss im Schiller-Theater heraus

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Das Rheingold - Staatsoper
Tänzerinnen und Tänzer der Eastman Company
Foto: Monika Ritterhaus

…und zwar nicht nur von der einen Hand zu andern, sondern auch von Mailand nach Berlin (Das Rheingold, Die Walküre) bzw. später in umgekehrte Richtung (Siegfried, Götterdämmerung). Ach richtig, wir steuern ja aufs Wagner-Jahr zu. Unzählige Theater haben mit dem Schmieden angefangen oder sind bereits mit ihrem neuen Ring fertig geworden. 2013 werden die Schmuckstücke auf Hochglanz poliert, als Zyklus in die Auslage gelegt und warten dort dann auf zahlungskräftiges Publikum. Längst macht die Tetralogie vor kleineren Häusern nicht mehr Halt, was die Intendanten der großen Opernpaläste vor das Problem stellt, dem Wagnerianer für seine Anreise schon etwas mehr bieten zu müssen. Allein die Besetzung reißt das oftmals nicht raus, führen doch die wenigen A-Brünnhilden ohnehin ein Leben aus dem Koffer und stehen in gleich mehreren Produktionen unter Vertrag. Also muss die szenische Interpretation überzeugen, was gerade bei einem so massiv durchleuchteten Werk wie dem Ring leichter gesagt als getan ist. Die Gedanken, die sich Regisseur Guy Cassiers gemacht hat, zielen nicht auf die innere Substanz des Musikdramas ab - soviel kann nach dem Vorabend schon gesagt werden. Er nimmt Wagners Bühnenfestspiel wörtlich und hält Inhalte offensichtlich dann für entbehrlich, wenn die Verpackung stimmt.


Das Rheingold - Staatsoper
Johannes Martin Kränzle (Alberich)
Foto: Monika Ritterhaus

Natürlich spricht Cassiers nicht über "Verpackung", im Programmbuch ist von "Ästhetik" die Rede. Völlig unbescheiden sieht man sich schon mit Patrice Chéreau und dessen Jahrhundertring auf einer Linie: Ein "Ring für das 21. Jahrhundert" werde geboten. Das sieht zunächst einmal so aus, dass Alberich durch einige Wasserlöcher platscht, um zumindest eine der drei Rheintöchter zu erhaschen. Rechts, mittig, links dahinter: Projektionen, Projektionen! Mal huscht ein Kopf vorbei, wandern farbige Muster hin und her, wird gepixelt, was die Apparate hergeben. Dabei entstehen Effekte, die zwischen Bühnen- und Budenzauber schwanken, aber immerhin. Die zweite Idee, nämlich Figuren durch Tänzer zu verdoppeln, Zwischenspiele zu vertanzen und Objekte körperlich darzustellen, erweist sich dagegen als grober Missgriff. Wollte man hier La Fura dels Baus (die in Valencia tatsächlich einen Ring fürs 21. Jahrhundert geschaffen haben) kopieren? So ärgert man sich über mittelklassige Choreographien, Sänger, die sich gegenseitig beim würdevollen Schreiten beobachten können, und vermeidbare Fehler, wie ein in der Pfütze (!) tanzender Feuergott. Über solche szenische Mittel ist nun wirklich jedes Stadttheater hinaus. Ganze zwei Personen bleiben haften: Die Erda (solide: Anna Larsson) hat einen extravaganten Auftritt und der Alberich erinnert mit seinen eingeritzten Mundwinkeln an die Maske des Jokers (The Dark Knight). Steht der Nachtalbe folglich für das Chaos? Warten wir's ab, Fortsetzung folgt…


Das Rheingold - Staatsoper
Johannes Martin Kränzle (Alberich) und Tänzerinnen der Eastman Company
Foto: Monika Ritterhaus

Dass Alberich zur interessantesten Rolle gerät, liegt vor allem an Johannes Martin Kränzle. Sein Spiel ist alles andere als stocksteif und auch gesanglich überzeugt Kränzle durch hohe Beweglichkeit und präzise Artikulation. Kwangchul Youn entfaltet seinen luxuriösen Prachtbass, Hanno Müller-Brachmann findet genau den richtigen Tonfall für den arroganten Wotan, Jan Buchwald lässt es kräftig donnern und Marina Prudenskaja ist die schönstimmigste der Rheintöchter. Doch auch an den Vorträgen von Marco Jentzsch (Froh), Stephan Rügamer (Loge), Ekaterina Gubanova (Fricka), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Mime) und Timo Riihonen (Fafner) gibt es - wenn überhaupt - wenig zu bekritteln. Einzig die Freia (Anna Samuil) würde man gern weniger schrill hören. Und wie ist die Akustik im Schiller-Theater? Hand aufs Herz, Herr Barenboim: Haben Sie einer Probe im mittleren Parkettbereich beigewohnt und waren mit dem Ergebnis zufrieden? Die Staatskapelle klingt dumpf, fast so, als würde sie unter einer Käseglocke spielen. Hier bilden Text und Musik kein Gesamtkunstwerk mehr, vielmehr untermalt die Musik den Gesang. Hoffentlich kann man hier noch nachbessern.



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