10. Dezember 2010
Staatsoper im Schiller-Theater

In der Bilderflut ertrunken

Krzysztof Warlikowski inszeniert The Rake's Progress von Igor Strawinsky

Programm

Igor Strawinsky
The Rake’s Progress

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher
Inszenierung:Krzysztof Warlikowski
Bühnenbild, Kostüme: Małgorzata Szczęśniak
Licht: Felice Ross
Video: Denis Guéguin
Chöre: Frank Flade
Choreographie: Claude Bardouil
Dramaturgie: Jens Schroth

Trulove: Andreas Bauer
Anne: Anna Prohaska
Tom Rakewell: Florian Hoffmann
Nick Shadow: Gidon Saks
Mother Goose: Birgit Remmert
Baba the Turk: Nicolas Ziélinski
Sellem: Erin Caves
Keeper of the madhouse: James Homann

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In der Bilderflut ertrunken

Krzysztof Warlikowski inszeniert The Rake's Progress von Igor Strawinsky

Von Hans Beckers / Fotos: Ruth Walz


The Rakes's Progress - Staatsoper
Ensemble
Foto: Ruth Walz

Ein junger Mann, Tom Rakewell, naiv und unerfahren, erliegt den Versprechungen des teuflischen Verführers Nick Shadow, der ihm Reichtum und vollkommene Unabhängigkeit in Aussicht stellt. Er folgt ihm und vernachlässigt dafür sogar seine große Liebe (Anne Trulove). Er scheitert in jeder Hinsicht kläglich, rettet aber seine Seele um den Preis lebenslangen Wahnsinns. So einfach könnte die Geschichte dieses "Wüstlings" sein, der streng genommen gar keiner ist, weil ihn (im Gegensatz zu Don Giovanni etwa) mitunter Anfälle melancholischer Reue und kleinmütige Selbstzweifel und bis hin zur Lebensangst heimsuchen.

Möglich, dass Krzysztof Warlikowski, dem die Deutsche Staatsoper die Neuinszenierung von Igor Strawinskys The Rake's Progress anvertraut hat, diesen Plot als etwas zu mager befunden hat, denn in der Folge befrachtet er ihn mit allerlei Zutaten. Zunächst stellt ein Moderatorenpaar (Tom und Anne) einen Herrn aus dem Publikum als den Schriftsteller Tom Rakewell vor, den es mit einem Lebensrückblick in Opernform zu ehren gilt. Es dauert aber nicht lange, bis man über die Wunderheilung, die Entlassung aus dem Irrenhaus und die Dreistigkeit dieses ganzen Unfugs zu Ende gestaunt hat.


The Rakes's Progress - Staatsoper
Gidon Saks (Nick Shadow)
Foto: Ruth Walz

Warlikowski siedelt das Stück im Umkreis der Family um Andy Warhol an. Sogleich fördert der Assoziationsscanner zu Tage, dass eben jener Warhol zu seinem bisweilen zynischen Umgang mit dem Thema "Tod" eine Vanitas-Serie geschaffen hat, von der ein Objekt den Titel "Shadows" trägt. Und da sitzt der Bösewicht, natürlich mit hellblonder Warhol-Perücke, auch schon am Tisch mit Vater und Tochter Trulove samt potentiellem Schwiegersohn. Es riecht nach Hartz IV (Amerika-Version), verzehrt wird Fastfood, auch Warhols Tomaten-Ketchupflasche ist im Angebot. Vater Trulove, dem Andreas Bauer mit gut fundiertem Bass einen derben Charakter verpasst, greift bisweilen auch gerne bei seiner Tochter zu, die ihm als miniberocktes Barbie-Püppchen Appetit macht. Dann wieder denkt er darüber nach den Strick zu nehmen, noch bevor am Ende offenbar wird, dass er die eigene Tochter geschwängert hat.

Shadow verfrachtet Tom aus diesem Milieu heraus in ein Londoner Bordell, also vom Regen in die Traufe. Dort lernt er die Wirkung von Kokain kennen und dürfte von den restlichen Freuden, die ihm die resolute, in den tiefen Lagen mit trompetenhaften Tönen ausgestattete Puffmutter der pinkfarben aufgedonnerten Birgit Remmert offeriert, nicht mehr viel mitbekommen haben. Warlikowski beschäftigt, um das Mienenspiel der Protagonisten bis ins Letzte einzufangen, einen omnipräsenten Kameramann, dessen wackelnde Videos auf eine Leinwand im Hintergrund projiziert werden, die wiederum mit den Monitoren am Bühnenrand konkurrieren, auf denen ein eigenes Programm, darunter eine Endlosschleife an Dauerküssen (aus Warhols Filmschaffen?) abläuft. Abgesehen von der nervtötenden Reizüberflutung bestätigt der Einsatz eines Interpretationsstilmittels, das Frank Castorf schon vor zehn Jahren (Endstation Sehnsucht) ebenso voyeuristisch eingesetzt hat, nur noch die Theorie vom abnehmenden Grenznutzen.


The Rakes's Progress - Staatsoper
Birgit Remmert (Mother Goose)
Foto: Ruth Walz

So mündet die Bordellszene dramaturgisch konsequent in einen Akt vollkommener Freiheit, so wie Shadow sie versteht: Tom heiratet eine Kirmesattraktion, die Türken-Baba, eine bärtige Dame, die durch Nicolas Zielinskis Countertenor weitgehend mätzchenfrei artikuliert und trotz gewöhnungsbedürtigen Schuhwerks unfallfrei durch die Szene stöckelt. Tom wird ihrer und ihrer schrillen Entourage schnell überdrüssig und wendet sich einer Karriere als Geschäftsmann zu. Warlikowski lässt ihn in Produktion und Vertrieb eines Fleischwolfs investieren, was unmittelbar in die Pleite führt.

Die Szene, in der Toms Habe unter den Hammer des Auktionators Sellem gerät, macht der fabelhafte, rastagelockte Erin Caves mit engem Publikumskontakt zu einem Kabinettstück. Zur Versteigerung gelangen (wir sind in Amerika) Comic- und Fantasy-Figuren von Mickey Mouse über Bugs Bunny bis hin zu Spiderman und dem Jedi-Ritter. Der von Frank Flade bestens präparierte Staatsopernchor darf von einer Tribüne aus meist sitzend oder stehend agieren, bzw. mitbieten. Keine schlechte Idee, wenn man sich zu einer stringenten Personenführung größerer Massen nicht berufen fühlt. Letztlich aber stehen die collagenhaften Szenenfolgen isoliert da, die Einfälle und Andeutungen verglühen wie Sternschnuppen und tauchen nie wieder auf.

Erst als es in der Friedhofszene für Tom um alles oder nichts geht, kommt die Inszenierung für Augenblicke zur Ruhe. Nur auf sich selbst zurückgeworfen, sitzt er auf einem Stuhl und ähnelt im Profil verblüffend dem jungen Hanns Lothar, der im Film in der Rolle des Christian Buddenbrook eine ähnlich gestrickte Figur verkörperte, einen Bruder Leichtfuß, einen Träumer und zuletzt auch Bankrotteur. Der verbale Schlagabtausch, den er gegen Nick gewinnt, beendet dessen Rolle als betrügerischer Showmaster im Glitzerkostüm. Er endet per Selbstmord und wird von zwei Sheriffs im Leichensack abtransportiert. Hier und in der anschließenden Adonis-Wahnvorstellung hat der junge Tenor Florian Hoffmann seine stärksten Momente, weil er mit seinen schlanken Tenor sowohl die leidenschaftliche Auseinandersetzung als auch den entrückten Irrsinn ohne Mühe gestalten kann, während er im gesamten Verlauf auch intonationsbezogen hier und da an Spannung verliert. Bei Gidon Saks' Shadow bewundert man eine großvolumige Stimme mit immenser Schallkraft, bei der leider ein Umkippen in eine derb-grobe, unkultivierte Tongebung mitunter vorkommen kann.


The Rakes's Progress - Staatsoper
Anna Prohaska (Anne), Nicolas Ziélinski (Baba the Turk)
Foto: Ruth Walz

Zuletzt gehört die Bühne der Anne Trulove. Zu allem spektakulären Aktionismus scheint Warlikowski hier noch eine Art Entwicklungsroman in Kurzschrift versucht zu haben, weil immer flippigere Kostüme auch eine Persönlichkeitsentwicklung beweisen wollen. Nur: Meist dominiert ein schlichter lyrischer Ton ihre Auftritte, das abschließende Wiegenlied passt in seiner Schlichtheit eben nur zu einem geraden, ehrlichen und treuen Charakter. Anna Prohaskas Stimme besitzt (noch) kein sehr großes Volumen, dafür punktet sie mit sauberer Intonation und klanglicher Rundung, der es noch an Farben fehlt. Die Höhe klingt hier und da etwas spitz, aber insgesamt kann sie die Partie rollendeckend absolvieren. Ein Fachwechsel hin zu dramatischeren Partien sollte noch auf Jahre Tabu sein.

Groß waren die Erwartungen auch an Ingo Metzmacher am Pult der Staatskapelle. Im Kampf mit der staubtrockenen Akustik des Schillertheaters konnte er zumindest einen Teilerfolg verbuchen. Gestochen scharfe Staccati in den Blechbläsern, ein weicher Streicherklang und eine vorzügliche Balance von Bühne und (hoch liegendem) Orchestergraben stehen auf der Habenseite. Trotzdem wollte sich der schwebend-lockere Gesamtklang, den Strawinsky durch die Imitation von Mozarts Cosi-Instrumentation beabsichtigte, nur streckenweise einstellen. Am Ende müder und erschöpft klingender Applaus, keine Buhs - ein zwielichtiger, viel Ratlosigkeit evozierender Abend.



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